Wie der Verstand dem Glauben Platz macht

Wie der Verstand dem Glauben Platz macht

von Jonas Bärtschi | 15.02.2011

«Glauben und Denken ist kein Gegensatz, sondern eine Ergänzung», bekräftigte Referent Felix Ruther gegenüber den 70 Studierenden und jungen Erwachsenen, die den Kurs «Tief glauben – weit denken» besuchten. Er ermutigte sie, den Glauben nicht nur zu denken, sondern immer wieder die Begegnung mit Gott zu suchen.

Der «Neujahrskurs für Studierende1» vom 27. Dezember bis 1. Januar in der Casa Moscia erhielt mit seinen Bezügen zur Religionskritik eine besondere Brisanz. Der Referent Felix Ruther, Studienleiter der VBG, setzte sich mit Thesen von bekannten Atheisten wie Friedrich Nietzsche oder Richard Dawkins auseinander. Auch um die provokative Frage, die Beda M. Stadler kürzlich in der Sendung «Arena» stellte, machte der Chemiker und Studienleiter der VBG keinen Bogen. «Glaubst du noch oder denkst du schon?», postulierte der streitbare Immunologe damals. Diese Frage sei falsch gestellt, konterte Ruther. Denn: «Man braucht nicht das Wissen zu beseitigen, um dem Glauben Platz zu machen.»

«Nur weil die Wissenschaft die Welt ohne Gott erklären kann, heisst das nicht, dass er nicht existiert», betonte Felix Ruther. Die Wissenschaft huldige zwar einem methodischen Atheismus, um in der Forschung weiterzukommen. «Doch wer aus dieser Methode eine Weltanschauung macht, hat nicht zwingend die Vernunft auf seiner Seite.» Auch der materialistische Atheismus benötige Prämissen, die sich nicht beweisen liessen. «Wir können uns fragen, welche Basissätze die Grundlage unseres Denkens und Handelns bilden», erklärte Ruther. «Aber wir sollten nie vergessen, dass alle Prämissen ein glaubendes Vertrauen voraussetzen – seien sie nun theistisch, atheistisch oder sonst etwas.»

Glaube versus Wissenschaft?

Nicht zuletzt mache es denkerisch keinen Sinn, Glaube und Wissenschaft gegeneinander auszuspielen. «Ich kann wissenschaftlich erklären, wie man eine Atombombe baut. Doch die Wissenschaft sagt nichts zur Frage, ob ich diese Atombombe auch einsetzen darf», führte Ruther aus. «Wer in Glaube und Wissenschaft einen Widerspruch sieht, macht einen klassischen Kategoriefehler.»

Das Vorurteil eines Glaubens, den man ungeachtet jeglicher Beweise einfach akzeptieren müsse, habe vielmehr einen ideengeschichtlichen2 Hintergrund. «Heute bedeutet ‹glauben› für die meisten Menschen das Für-wahr-Halten einer Reihe von Aussagen.» Dies führe bei vielen Christen zu einem starken Kopfglauben, da ja nur gerettet sei, wer die richtigen Glaubenssätze verstandesmässig anerkenne. «Das ist ein Produkt des modernen Denkens», unterstrich der VBG-Studienleiter. «In der ganzen Kirchengeschichte war Glaube nämlich primär eine Sache des Herzens.»

Vier Bedeutungen von Glaube

  1. Fiducia
    Das zunehmende Vertrauen auf die Tragfähigkeit Gottes, das aus einer immer tiefer werdenden Beziehung erwächst. Das Gegenteil ist Sorge und Ängstlichkeit. Dieses Gottvertrauen hat starkes Veränderungspotential.
  2. Fidelitas
    Glaube als Treue zu unserer Beziehung zu Gott, die sich in Verpflichtung und Hingabe äussert. Das Gegenteil ist der «geistliche Ehebruch», die Untreue. Glaube als Fidelitas umfasst die aktive Beziehungspflege und beinhaltet auch einen ethischen Imperativ.
  3. Visio
    Der Glaube als eine umfassende Sichtweise des Lebens, die der menschlichen Tendenz entgegenwirkt, «die Welt da draussen» als feindlich einzustufen oder sich in Gleichgültigkeit von ihr abzuschotten.
  4. Assensus
    Glaube im Sinne einer Überzeugung. Eine Überbetonung dieses Aspekts verzerrt das Verständnis des christlichen Lebens. Assensus hat dort seine Bedeutung, wo es um die wesentlichen Überzeugungen des christlichen Glaubens geht: ein Bekenntnis zur Wirklichkeit Gottes, zur zentralen Bedeutung von Jesus und zum Stellenwert der Bibel.

 

Die Begegnung mit dem personalen Gott sei das Kernstück des Christseins, bekräftigte Ruther. «Glauben heisst: Gott lieben – und auch all das lieben, was Gott liebt.» Glaube könne mit den vier lateinischen Begriffen Fiducia, Fidelitas, Visio und Assensus umschrieben werden, erklärte Ruther (siehe Kasten nächste Seite): «Der Glaube ist in erster Linie relational, also beziehungsorientiert. Es geht um volles Vertrauen, um Treue und eine bestimmte Perspektive auf das Leben.» Trotzdem sei es wichtig, eine Sichtweise des Christentums zu gewinnen, die auch intellektuell überzeugt und Sinn macht. «Denn es fällt uns schwer, das Herz an etwas zu geben, das unser Verstand ablehnt.»

«Cor dare», also «das Herz geben», sei aber genau das, worum es im christlichen Glaube gehe. Die Einladung Gottes, in eine Beziehung mit ihm zu treten, habe gerade in der heutigen Zeit eine hohe Relevanz. «Weil in der Multioptionsgesellschaft vielen Menschen Stabilität und Orientierung fehlen, flüchten sie in die Konsumsucht oder suchen Stabilität in Ideologien und gesetzlichen Gruppierungen», beobachtet Ruther. Bei Akademikern stelle er oft auch einen zynischen Relativismus fest, der im täglichen Leben aber nicht weiterhelfe. Die Verunsicherung werde auch durch die wachsende Mobilität und die rasante technische Weiterentwicklung geschürt. «Wir erinnern uns nur noch schwach an das, was gerade war, und sind in Gedanken schon bei dem, was erst kommt», erklärte Ruther. «Wir erleben eine Schrumpfung unserer Gegenwart und damit von dem, was Leben eigentlich bedeutet.» Um dem entgegenzuwirken, müsse man dahin zurückkehren, wo per Definition Stabilität und Halt ist – zu Gott. «Wenn wir das Zentrum unseres Lebens bei Gott festmachen, gewinnen wir den nötigen Fixpunkt, um in aller Freiheit zu leben», ermutigte Felix Ruther die Studierenden und jungen Erwachsenen.

Die Kunst des Nachhakens
Ein Seminar im Neujahrskurs handelte davon, auf eine gute Weise über den Glauben zu sprechen. Das Ziel dabei ist nicht, eine Person zu bekehren, sondern ihr Denkanstösse zu geben. Dafür ist genaues Zuhören wichtiger, als eine Liste von Argumenten herunterzurattern. Es ist auch ein Ausdruck von Respekt, mit Rückfragen auf eine Person einzugehen, statt ihr meine eigenen Ansichten an den Kopf zu werfen. Die folgenden zwei «goldenen Fragen» können dabei sehr nützlich sein. Sie können auch dazu beitragen, hitzige Diskussionen wieder auf eine sachliche Ebene zu bringen:

  1. Wie meinst du das?
    Diese Frage zielt darauf ab, mehr Informationen zu gewinnen. Weil ich mein Gegenüber als Person ernst nehmen möchte, ist es mir wichtig, genau zu verstehen, was sie oder er meint. Eine solche Rückfrage kann auch helfen, eine klare Aussage des Gesprächspartners zu erhalten, auf die ich dann genauer eingehen kann. Alternativen zu dieser Frage sind: «Worum geht es dir genau?» – «Verstehe ich dich richtig, dass...?» – «Redest du jetzt spezifisch von...?»
  2. Wie begrĂĽndest du das?
    Die zweite Frage will zum Kern der Sache vordringen. Wenn die erste Frage eine These ins Spiel bringt, dann muss diese These auch begründet werden. In Glaubensfragen haben Christen die Tendenz, viel zu rasch in den Verteidigungsmodus zu wechseln, anstatt kritisch zurückzufragen. Die Frage kann aber auch eine Hilfe für mich selber sein, mir über meine Ansichten und ihre Begründung klar zu werden. Alternativen zu dieser Frage sind: «Wie kommst du zu dieser Ansicht?» – «Hast du das schon einmal selber erlebt?» – «Auf welche Quellen beziehst du dich?»

Bei Gott Halt finden

Die persönliche Spiritualität ist ein Weg, die Wahrnehmung der Gegenwart wieder auszudehnen. Das geschieht jedoch nicht automatisch. «Wenn ein Pianist mehr als nur klimpern will, muss er regelmässig üben», illustrierte Ruther. «Genauso dürfen wir unsere Spiritualität nicht dem Zufall überlassen, sondern müssen sie gezielt pflegen.» Regelmässige Liturgien oder Zeiten der Stille könnten helfen. Auch die Bibel spiele eine zentrale Rolle, ist Ruther überzeugt: «Wenn wir in der Bibel lesen, begegnen wir Gott. Und nur wenn wir ihm begegnen, lernen wir, ihm zu vertrauen.»

 

1 Der Neujahrskurs ist ein Angebot der Studierendenarbeit der VBG. Sie will Christen an Universitäten und Hochschulen ermutigen, ihren Glauben in den Alltag und ins Studium zu integrieren. Im Neujahrskurs geschieht dies neben den Referaten zum Thema durch gemeinsame Gottesdienste, Workshops, Zeit in Kleingruppen und eine kreative Silvesterfeier. Nach Ostern, über Pfingsten und in den Sommermonaten finden weitere Kurse und Lager der VBG-Studierendenarbeit statt.

2 Die Wahrnehmung von Glauben, also der Glaubensbegriff, hat sich mit der Aufklärung und der Moderne stark verändert.

 

Zuerst erschienen in BST 1/2011

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