Wenn Kirchen sprechen – ohne Worte

von Gabi Oesterle | 04.04.2007

Licht, Farben, Form, Transparenz: Elemente, aus denen alle Räume bestehen, besonders eindrücklich aber architektonisch wertvolle Kirchen. Isabelle Skuljan und Anne-Lise Diserens zeigten bei einer Exkursion des VBG-Fachkreises Architektur am Beispiel des Fraumünsters und der Kirche St. Theresia in Zürich deren Wirkung in Bezug auf unsere Raumwahrnehmung und die Bedeutung der Symbole aus verschiedenen Zeiten. Eine Teilnehmerin berichtet.

Zusammen mit Isabelle Skuljan und Anne-Lise Diserens erkunden wir das Fraumünster und die Kirche St. Theresia in Bezug auf unsere Raumwahrnehmung. Unsere Besichtigung beginnt mit einem Blick von aussen auf das Fraumünster. Wir sehen Zeugnisse verschiedener Epochen: Romanischer Chor, gotisches Querschiff, den um 1732 erhöhten Turm und die Westfassade, die erst im Jahre 1911 von Gustav Guhl zur neogotischen Schaufassade umgestaltet wurde. Von Westen her queren wir zunächst Überreste des Kreuzgangs. Dort wurde 2005 der Äbtissin Katharina von Zimmern ein Denkmal errichtet. Ein strenger Quader aus massivem Kupfer als Sinnbild für ihre klare und einfache Haltung, erinnert an die friedliche Übergabe der Abtei an die Stadt durch Katharina von Zimmern im Jahr 1524. Der Kreuzgang wurde 1924 von Paul Bodmer mit Malereien ausgestaltet. Wir betreten das Fraumünster von Osten her, wollen uns dann aber gleich auf die Westseite begeben, um den ursprünglichen Weg durch den Kirchenraum in Richtung Osten nachvollziehen zu können.

Isabella Skuljan führt uns nun in die Welt der Gotik ein und erläutert die Wirkung des Kirchenraumes auf unsere Wahrnehmung. Die Gotik lebt von ihrer Symbolwelt, und auch das Kirchengebäude an sich wird als Abbild des Universums verstanden. Als Grundlage hierfür kann die Vision vom himmlischen Jerusalem aus der Offenbarungsgeschichte gesehen werden. Viele baulichen Elemente, wie Kreuzrippengewölbe, Spitzbogen und Strebepfeiler lassen sich direkt daraus ableiten. Auch die Bedeutung einer klaren Struktur und Ordnung als Ausdruck von Harmonie sowie die Schwerelosigkeit und das Auflösen der Wände und die Bedeutung des Lichts und der klaren Farben, abgeleitet aus der Reinheit von Edelsteinen, sind in der Offenbarungsgeschichte thematisiert. Die aus diesen Prinzipien gewonnene Schönheit des Gebauten führt zu einer direkten Seelsorgefunktion des Kirchenraums.

Heilungsort

Wir haben das Fraumünster von Westen betreten. Ursprünglich nahmen auch die Pilger diesen Weg, um dann durch den Kirchenraum bis zum östlichen Chor voranzugehen. Der Chor im Osten versinnbildlicht das Paradies und somit das Ziel des Lebens. Auf dem Weg dorthin werden im Kirchenraum Lebenshilfen in Form von biblischen Darstellungen gegeben, aber auch durch die Architektur an sich. Im Mittelalter waren Kirchen Heilungsorte und Ihre Stellung war einzigartig. Andere kulturelle Einrichtungen wie zum Beispiel Museen gab es nicht. Isabella Skuljan hat untersucht, welchen Einfluss Kirchenräume auch heute noch auf den menschlichen Körper ausüben, unabhängig vom Glauben der jeweiligen Kirchenbesucher. So wird beim Betreten eines Kirchenraums der Rhythmus des Menschen automatisch langsamer, und der Blick richtet sich nach oben. Es ist also auch ohne spezielle Kenntnisse und liturgisches Vorwissen möglich, allein durch die räumliche und ästhetische Wirkung, Andacht oder Ehrfurcht zu spüren. Zum Abschluss unseres Besuchs im Fraumünster betrachten wir den spätromanischen Chor aus dem Jahr 1250. Seine strenge Einfachheit mit den fünf hohen Rundbogenfenstern fällt ins Auge, die von Marc Chagall 1967 gestaltet wurden. Chagall waren durch seine weissrussische, jüdische Herkunft die ostjüdische Welt und auch christliche Ikonen vertraut. Er war von Chartres, dem Urbild der Gotik, fasziniert. Zeitlebens beschäftigten ihn die Blautöne, die er dort gesehen hatte, in seinem eigenen Werk. Chagall fühlte sich von der Heiligkeit des Raums im Chor des Fraumünsters angesprochen und wurde beauftragt, die Fenster neu auszugestalten. Seine fliessenden Bilder stecken voller Symbolkraft, die uns Isabelle Skuljan erläutert. Altes und Neues Testament stehen in direkter Beziehung zu einander. Die leuchtenden Farben sah er als Quelle der Liebe, mit deren Hilfe die Menschen erleuchtet werden können. Der Mensch soll durch den Glauben erweckt werden und über sich selbst hinausgehen. Dieses Anliegen war für Chagall konfessionsübergreifend.

Am Ende unseres Besuchs im Fraumünster halten wir fest, dass ein theologisches Vorwissen beim Besuch einer Kirche nicht notwendig ist, um die architektonische und ästhetische Wirkung des Kirchenraums in sich aufnehmen zu können. Wir stellen uns die Frage, ob dies auch in der modernen Zeit noch möglich ist und besuchen dazu die Kirche St. Theresia von Fritz Metzger aus dem Jahr 1933.

St. Theresia

Die katholische Kirche entstand im Zusammenhang mit der Wohnsiedlung am Friesenberg und ist ein bedeutendes Beispiel für den Kirchenbau des Neuen Bauens in der Schweiz. 1947 wurden im Innenraum Malereien hinzugefügt. Eine weitere Veränderung im Altarbereich ergab sich bei einem Umbau 1978/79, die jedoch im Jahr 2001 bei einem weiteren Umbau von Martin Schneider und Thomas Twerenbold wieder rückgebaut wurde.

Man betritt die Kirche über einen niedrigen Andachtsraum, um sich dann nach links in den Hauptraum zu begeben, einen schlichten langgestreckten Kubus mit Fenstern in den oberen Wandbereichen, die den Raum indirekt belichten. Auf einer Längsseite ist ein weiterer niedriger Andachtsbereich angefügt. Die Kirche erinnert sofort an die Fronleichnamskirche von Rudolph Schwarz in Aachen, in die eine VBG-Exkursion vor zwei Jahren führte. Wir erfahren, dass St. Theresia tatsächlich nach dem Vorbild der Fronleichnamskirche entstanden ist.

Therapeutische Wirkung

Wir lassen den Raum auf uns wirken und fragen nach seiner "therapeutischen" Wirkung. Wir finden einen klaren und stimmigen Raum vor, dessen Lichtführung ins Weite führt, architektonisch umgesetzt durch den Rhythmus der Fensteröffnungen und die indirekte seitliche Belichtung des Altarraums. Auch hier wird, wie im Fraumünster, ein Weg zum Altar beschrieben. Moderne Elemente, wie die pastellfarbenen Fenster und Wandbilder, ergänzen die strenge Architektur. Durch die geschlossenen Wandflächen mit den hochliegenden Öffnungen erfahren wir Geborgenheit im Raum. Räumliche Spannung entsteht durch den assymmetrisch angeordneten Altar, der von Frédéric Dedelley aus Kunsstein und Messing neu entworfen wurde. Er bildet eine Einheit mit anderen liturgischen Objekten, wie Ambo und Taufbecken, die ebenfalls aus diesen Materialien neu entstanden. Sie bestechen durch ihre schlichte Schönheit und finden darin eine Entsprechung zur Spiritualität der Heiligen Theresia von Lisieux, der die Kirche geweiht ist.

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