Warum gibt es Leid?

von Johannes B. Brantschen |

Das Leiden unschuldiger Geschöpfe lässt sich nur schwer mit dem Glauben an einen guten und allmächtigen Gott vereinbaren. Was sagt Leid über Gott aus? Wie können wir mit der Erfahrung des Leids umgehen?
Brantschen, Johannes B.. Warum gibt es Leid?. ISBN 3451060566. Die grosse Frage nach Gott. Herder 2009. 128 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

 

Als Simund Freud seine Tochter Sophie verlor, schrieb er einem Freund: „Da ich im Tiefsten ungläubig bin, habe ich niemand zu beschuldigen und weiss, dass es keinen Ort gibt, wo man eine Anklage anbringen kann.“ Freud fand Ablenkung in der Arbeit und versuchte, „sich in der Resignation des Überlebenden zu üben.“

Christen haben es in solchen Situationen einerseits leichter: Sie haben eine Adresse für ihre Klage; andererseits verkompliziert der Glaube an den guten Gott das Leiden. Denn, wie kann man als Christ an Gott, der Macht der Liebe, festhalten angesichts der Leidensgeschichte der Menschheit? Eine unheimliche Frage, die der Ungläubige so nicht kennt.

Einleitung

Reden und Schweigen?

All die unzähligen Antworten müssen an irgendeiner Stelle einen letzten Rest an Sinngebung schuldig bleiben. Angesichts der Shoah ist jede Sinnsuche aussichtslos, es bleibt einzig erschüttertes Schweigen.

Dennoch sollte man über das Leiden reden. Denn erstens ist der Mensch ein Wesen, das verstehen will, zweitens kann uns das Nachdenken über das Leiden, solange wir „glücklich“ sind, in der Nacht des Leidens zu einer Hilfe werden. Denn in Krisenzeiten können kaum neue Inhalte erlernt werden. Es trägt nur das, was im Leben schon angeeignet wurde und sich bewährt hat.

Wenn wir uns dieser Frage stellen wollen, dann müssen wir zuerst den Skandal des Leidens in seinem Umfang und ganzen Brutalität sehen. Verweigern wir dies, werden all auch noch so stotternden Antwortversuche von vornherein unredlich. Doch ein Stück Leiden gehört offensichtlich zum Menschsein, zur so genannten „conditio humana“, und wer diesen Schmerz verleugnet, bleibt lebenslang in seinem Narzissmus gefangen.

Das Leiden ist der wichtigste Einwand gegen Gott, sogar der einzig ernst zu nehmende Einwand. Camus (in „Die Pest“): „Ich werde mich bis in den Tod hinein weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ Auch Iwan in „Die Brüder Karamasow“ will vom Himmel nichts wissen, wenn der Weg zum Himmel über Kinderqualen geht: „Nicht Gott lehne ich ab, Aljoscha, sondern ich gebe ihm nur ehrerbietig die Eintrittskarte zurück.“

In einem letzten Brief aus Stalingrad schreibt ein Soldat seinem Vater, einem Pastor: „In Stalingrad die Frage nach Gott stellen, heisst sie verneinen ... ich habe Gott gesucht in jedem Trichter, in jedem zerstörten Haus ... Gott zeigte sich nicht, wenn mein Herz nach ihm schrie. Auf der Erde war Hunger und Mord, vom Himmel kamen Bomben und Feuer, nur Gott war nicht da... Und wenn es doch einen Gott geben sollte, dann gibt es ihn nur bei euch, in den Gesangsbüchern und Gebeten, den frommen Sprüchen der Pastoren, aber in Stalingrad nicht.“

Jiob ist überall: Er wird in Indien als Kind zur Schwerstarbeit in Minen gezwungen, er resigniert in Darfur und ist nicht weniger der ganz gewöhnliche Mensch von nebenan, der in einer zerstrittenen Ehe lebt, der mit zwanzig keine Arbeit findet und mit siebzig in die Einsamkeit eines Heims gehen muss.

Und wenn wir ins Tierreich schauen, dann verdüstert sich das Bild noch mehr; denn fressen und gefressen werden heisst das Gesetz der Natur. Schopenhauer meinte: „Diese Welt ist ein Tummelplatz gequälter und geängstigter Wesen, welche nur dadurch bestehen, dass eines das andere verzehrt.“ Und: „Wenn Gott diese Welt geschaffen hat, möchte ich nicht Gott sein, denn das Elend der Welt würde mir das Herz zerreissen.“

 Schon Aristoteles stellte fest: „Nicht göttlich, sondern dämonisch ist die Natur.“ Sicher, man kann die Natur auch anders sehen. Die Romantiker, allen voran Joseph von Eichendorf, haben es gezeigt. Aber auch die Bibel sagt: „Das Geschaffene seufzt und ängstigt sich schmerzlich bis zur Stunde“ (Röm 8,22). Schon der Psalmist sagt: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hochkommt, sind es achtzig. Das Beste daran ist nur MĂĽhsal und Beschwer“ (90,10).

Stendhal folgert daher: „Die einzige Entschuldigung für Gott besteht darin, dass er nicht existiert, denn wenn Gott wäre, müsste er als Schöpfer dieser grauenvollen Welt vor Gericht gestellt werden.“

Hat Gott kein Herz? Warum dieses Übermass an Leiden? Warum das Leiden Unschuldiger? Wenn Gott uns gerne hat, wie wir glauben, und wenn Gott alle Macht besitzt, wie wir bekennen, warum lässt er dann so viel Leiden zu?

(Def.: Das Übel, das der Mensch tut, nennen wir das Böse; das Übel, das dem Menschen widerfährt, nennen wir Leiden (Augustinus). Leibnitz unterscheidet noch das metaphysische Übel. Das ist die Endlichkeit und Begrenztheit alles Geschaffenen.

Obwohl man das Böse und das Leiden unterscheiden muss, stehen sie oft in einer spannungsreichen Beziehung zueinander. Odo Marquard zeigte in seinem Buch „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“, dass sich der moderne Europäer in einem unheimlichen Unschuldswahn gefällt. Er fühlt sich als Opfer. Schuld sind die anderen: das Erbgut, das Milieu, die Erziehung, die Sachzwänge, der Teufel. Nur das Gute, das tut man selbst. Es vollzieht sich eine Verschiebung vom Bösen zum Leiden, vom Täter zum Opfer.)

1. Alte und neue Antworten

Auf die Frage nach dem Warum des Leidens hatten die Alten eine klare Antwort: Leiden ist Strafe für Sünden. Diese Antwort findet man im Judentum, Christentum und vor allem in der Karma-Lehre. In der Karma-Lehre sündigt man aber gegen sich selber, im Judentum sündigt man auch gegen Gott. Die alttestamentliche Weisheitslehre kennt den Tun-Ergehen-Zusammenhang (Jiobs Freunde sind klassische Vertreter, z.T. noch die Jünger Jesu – vgl. Joh 9,2). Auch in unseren Tagen ist es nicht so selten, dass Menschen, denen Leid widerfährt, von Schuldgefühlen geplagt werden. Typisch ist dann die Frage: Womit haben wir das verdient?


a) Leiden als Strafe: Diese Vorstellung wurzelt u.A. darin, dass der Mensch glaubt: „Alles muss bezahlt werden.“ Mag dieser Grundsatz im Alltag Sinn machen, im Reich Gottes hat er zunächst nichts zu suchen. Hier gilt Gnade und Erbarmen, ohne Vorbedingung, ohne Leistung. Reine Güte ist uns Menschen der Leistungsgesellschaft aber unheimlich.

Eine weitere Wurzel sehe ich im prägenden Denken von Thomas von Aquin. Seine Ansicht, dass seit dem Sündenfall alle Menschen Schuldig sind und Strafe verdienen, wurde in der Kirche über Jahrhunderte zur Haupterklärung. Dieses System brach aber aus zwei Gründen zusammen:

  1. Die Evolution: (Gott schuf den Menschen als lebendige Seele, hebr. Nefesch – ausgetrocknete Kehle, hungriger Schlund.) Die Menschwerdung des Menschen ist dann geschehen, als der höchstentwickelte Hominide sich bewusst wurde, dass sein Hunger und Durst durch Nahrung und Sexualität nicht mehr alleine gestillt werden konnten. Durch diese, die Natur übersteigende Sehnsucht wurde der Hominide ein Fremdling unter den Tieren.
    Oder wie der Säugling, der in symbiotischer Einheit mit der Mutter lebt, erst durch einen langen verbalen und nichtverbalen Dialog mit ihr zu einem eigenen Subjekt wird, so könnte auch im Hominiden ein langer Dialog mit dem immanenten und transzendenten Gott seine Subjektwerdung bestimmt haben. Wann dieser Bewusstseinssprung geschah, wissen wir nicht.
  2. Bibelwissenschaft: Durch sie wurde uns klar, dass die Schöpfungsgeschichten keine historischen Reportagen sind, sondern dass sie uns etwas eminent Theologisches sagen wollen: Gott hat fĂĽr den Menschen das GlĂĽck vorgesehen. Sigmund Freud wollte aber zeigen (in Totem und Tabu und Der Mann Moses und die monotheistische Religion), dass der Anfang der Religion in den SchuldgefĂĽhlen wurzelt, die aus einem fantasierten Vatermord  (Gen 3,5 „Ihr werdet sein wie Gott.“) stammen. Er ignoriert die Paradiesgeschichte (Gen 1;2) und setzt fĂĽr seine Religionskritik beim SĂĽndenfall ein, um zu schliessen: Das ganze jĂĽdisch-christliche BemĂĽhen besteht darin, den Vatermord zu sĂĽhnen. Paulus wĂĽrde daher den Tod Christi als SĂĽhnopfer fĂĽr den beleidigten Vater interpretieren.
    Die Bibel sagt uns, dass der Anfang der Geschichte zwischen Gott und Mensch nicht geglückt ist. Sie sagt uns aber auch, dass das menschliche Leben nicht so sein müsste. Dem Erzähler geht es auch um den Kontrast zwischen dem, was eigentliche Bestimmung des Menschen ist, und dem, was infolge des menschlichen Unverstands traurige Wirklichkeit geworden ist. Falls der Mensch von Anfang an nach Gottes Willen gelebt hätte, würden dann auf Erden andere biologische und physikalische Gesetze herrschen? Mitnichten. Aber der Mensch könnte in angstfreier, solidarischer Partnerschaft leben, und der Tod könnte als friedvolles Aushauchen des Lebens in Gott hinein erfahren werden.

Fazit: Weil der Mensch Gottes Absicht von Anfang an nicht recht verstanden hat, kommt er mit sich selber, miteinander und mit der Natur nicht zurecht. Daraus folgt: Nicht Gott straft, sondern wir strafen uns selber, wenn wir an Gott vorbei unser GlĂĽck suchen wollen.

Die Rede vom Leiden als göttliche Strafe zeitigt ungute Folgen. Sie fördert selbstzerstörerische Schuldgefühle und allzu willige Ergebung ins Leiden. (Noch im 18. Jahrh. wurde den Christen verboten, sich gegen Pocken zu impfen, denn Pocken seien eine Strafe Gottes.) Wer Leiden als Strafe Gottes deutet, wird unfähig, zwischen abwendbaren und unabwendbaren Leiden zu unterscheiden. Widerstand und Ergebung – das ist die christliche Haltung dem Leiden gegenüber.


b) Leiden als Erziehungsmittel: Unsere theologischen Urväter waren sich bewusst, dass ihre Theorie, Leiden sei Strafe, nicht der Weisheit letzter Schluss sein könne. Denn auch bei gleicher Erbschuld leiden nicht alle gleich, und auch bei den aktuellen Sünden packt das Leiden den einen viel grausamer als den anderen. Thomas fand eine zweifach gegliederte Antwort: Die Strafe für die Ursünde ist für alle gleich, sie besteht im Verlust des Gnadengeschenks, das verhindert hätte, dass Menschen leiden und sterben müssen.

Die göttliche Vorsehung hat zweitens bei den ungleichen Schicksalen ihre weise Hand im Spiel: Die ungleichen Leiden bei gleicher Schuld sind göttliche Medizin, die läutert.

Auch in der Bibel heisst es, wie ein guter Vater nicht mit der Rute spart, so auch der himmlische Vater nicht. Und Gott allein, weiss, was er dem Einzelnen zumuten kann.

Zweifelsohne haben Christen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie durch Leiden hindurch liebesfähiger geworden sind und ihr Glaube reifer geworden ist. Sobald wir aber aus diesen Erfahrungen eine Theorie machen und behaupten, Gott schicke uns Leiden, um uns zu erziehen, wird die Sache schief. Denn die Rute macht aus denen, die sie spüren, viel eher Menschen voller Furcht, Hass und Untertanengeist als glückliche Kinder Gottes. Gott aber will aus uns freie Söhne und Töchter machen, die mir aufrechtem Gang und ohne Hass durchs Leben gehen. Zudem greift die Rede vom Leiden als Erziehungsmittel entschieden zu kurz, angesichts der Tiefe und des Ausmasses menschlichen Leidens.


c) Die Schönheit des Universums: Warum müssen auch unschuldige Tiere leiden? Die Antwort unserer theologischen Urväter tönt sehr gelassen: Bitte keine Sentimentalität! Die Leiden der Tiere gehören zur Schönheit des Universums. Der vielschichtige Ordo-Gedan¬ke, der von einer Schöpfungsordnung ausgeht, wird somit zu einem Pfeiler der Leidenserklärung. In einer Werde-Welt, hat dieser statische Gedanke aber wenig Überzeugungskraft. Auch sollten wir unsere Mitschuld am Leiden der Schöpfung erkennen. Nachdem Descartes (gest. 1650) die Tiere zu gefühllosen ‚Maschinen’ herabgestuft hat, hat die europäische Moderne das Tier immer mehr verdinglicht und zum Objekt menschlichen Profitstrebens gemacht. Erst wenn hier ein Umdenken und eine neue Praxis einsetzen, wird unsere Klage über die Grausamkeit der Schöpfung ehrlich.


d) Leiden- Preis der Liebe: Nachdem die traditionellen Leidenstheorien ihre Plausibilität weitgehend eingebüsst haben, versuchen die Theologen, das Leiden als Preis der Freiheit zu deuten (vgl. Gott im Leid. Zur Stichhaltigkeit der Theodizee-Argumente, Armin Kreiner, Herder 2005).

Unsere Mitverantwortung: Der Mensch, nicht Gott, spielt das Trauerspiel. Aber hat den Gott ein Ungeheuer erschaffen?

(Leiden, die wir Menschen einander antun, sind schwerer zu ertragen, als Leiden, die die Natur uns zufĂĽgt. Eltern werden eher damit fertig, wenn ihr Kind an einer Krankheit stirbt, als wenn es von einem betrunkenen Raser zu Tode gefahren wird.)

Die Freiheit ist der Preis der Liebe. Weil Gott Liebe will, will er Freiheit, auch wenn in der Freiheit die Möglichkeit steckt, sie zu missbrauchen und so einander Leid zuzufügen. Wer die Freiheit leugnet – so klein sie im Konkreten auch sein mag -, der leugnet nicht nur die Liebe; er muss auch für die Abschaffung aller Gerichte dieser Welt kämpfen. Denn ohne Freiheit gibt es auch keine Schuldfähigkeit.

Vor der Freiheit des anderen sind wir und auch Gott ohnmächtig. Wer Liebe will, muss Freiheit wollen, und wer Freiheit will, geht das Risiko ein, dass der andere Nein sagt, dass er mich ablehnt. Gott ist dieses Risiko eingegangen, weil er Freude an der Liebe hat – und Gott hat Freude an der Liebe, weil er Liebe ist (1. Joh 4,8.16). Gottes und Menschenliebe lassen sich aber nicht auseinanderdividieren (1. Joh 4,20). Gott will, dass wir füreinander einstehen (Nächstenliebe), und dass wir miteinander glücklich werden. Überdies hinaus hat uns Gott auch noch einen Hunger ins Herz gelegt, der durch nichts in der Welt ganz gestillt werden kann. Mit Freiheit beschenkt, mit Hunger nach dem Unendlichen versehen, kann die Geschichte der Liebe beginnen. Vollendet wird sie im Reich Gottes. Unsere Freiheit können wir missbrauchen und unseren Hunger können wir am falschen Ort zu stillen versuchen. Beides haben wir denn auch getan. Und die Welt hat sich verdunkelt. Ist Gott gescheitert? Er wollte eine Geschichte der Liebe und wir haben daraus eine Leidensgeschichte gemacht. Wir haben Gott nicht verstanden.

Was machen wir, wenn wir jemanden gern haben und der andere versteht uns nicht? Es bleibt uns nur eines übrig: dem, den wir gern haben, durch noch grössere Lieb zu verstehen zu geben, dass wir ihn wirklich gern haben, denn Liebe kann nur durch Liebe geweckt werden, niemals durch Manipulation oder Gewalt. Nachdem der Mensch Gottes Absicht ins Gegenteil verdreht hat, hat Gott mit noch grösserer Liebe geantwortet. Er hat uns seinen Sohn Jesus geschickt, um uns zu sagen, dass er uns alle verrückt gern hat. Diese Botschaft verkündete er in Wort und Tat. Und was passierte? Die Familie nannte ihn einen Irren, die Theologen nannten ihn einen Säufer und töteten ihn als Gotteslästerer. Er starb für die Botschaft: Gott hat euch alle gern. Und sterbend verzeiht Jesus noch seinen Henkern. Denn nur durch Verzeihen bricht etwas Neues in unsere Welt des Hasses. Nicht Gewalt, nur Verzeihen vermag den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Am Kreuz schreit die Liebe. Wann werden wir verstehen? So wartet denn Gott, nachdem er uns alles gegeben hat, mit einem Herzen voll brennender Liebe, bis wir weder gezwungen noch überlistet, sondern aus freiem Herzen auf Gottes zuvorkommende Liebe antworten. Gott kann warten. Liebe kann warten. Aber dabei leidet sie. Gott leidet an der noch nicht beantworteten Liebe, wie Liebe immer leidet, wenn sie nicht beantwortet wird. Erschütternde Ohnmacht des allmächtigen Gottes! Dieses Leiden Gottes stellt uns Jesus in der Geschichte vom verlorenen Sohn plastisch vor Augen. In der Liebe macht sich Gott ohnmächtig und damit verletzlich. Gott, wie er uns in diesem Gleichnis begegnet, ist kein beleidigter Vater, wohl aber ein ohnmächtiger, leidender Vater, der auf die freie Antwort seiner Söhne wartet. Die Macht Gottes zeigt sich aber dann, wenn wir heimkommen, dann kann uns der Vater ein Fest bereiten, ein Fest, das nicht einmal mehr durch den Tod begrenzt wird.

Gott schweigt und ist unheimlich diskret, weil er unsere Freiheit respektiert. In Die Brüder Karamasow sagt der Grossinquisitor zu Jesus: „Du wolltest sie nicht durch ein Wunder gebannt. Dich dürstete nach freier Hingabe, nicht nach dem feigen Entzücken eines Sklaven über eine Macht, die ihn ausser sich bringt.“

Doch auch diese Antwort ist nur ein Fragment. Auch sie vermag das Dunkel nicht aufzuhellen, denn wer wagt es, Auschwitz als „Preis der Liebe“ zu deuten; wer wagt es, das Leiden eines einzigen zu Tode gemarterten Kindes als „Preis der Liebe“ hinzustellen?

Zudem müssen wir noch all die Schrecken betrachten, die ihren Grund in der Schöpfungswirklichkeit haben: Erdbeben, Stürme etc.


e) Das verhüllte Antlitz des Vaters: Pierre Teilhard de Chardin (gest. 1955) hat für die Naturleiden gesagt: Alle Leiden, die die Natur uns und den Tieren zufügt, sind notwendige Nebenfolgen der Evolution. (in Mein Weltbild). Naturübel sind unvermeidlich, wenn am Ende des evolutiven Prozesses der Mensch als freies Geschöpf erscheinen soll. Ungläubige sehen im Menschen ein Zufallprodukt. Christen glauben, dass der Mensch von Gott intendiert war, weil die unendliche Freiheit, die Gott ist, endliche Freiheiten, also den Menschen, als Mitliebenden wollte. Dafür müssen zwei Minimalbedingungen erfüllt sein:

Es braucht verlässliche Strukturen, andererseits dürfen diese nicht vollständig determiniert sein. Warum? Endliche Freiheit muss sich auf gewisse Gesetzmässigkeiten und Konstanten der Natur stützen können. In einer völlig chaotischen Welt wäre verantwortungsvolles Handeln unmöglich. Diese harten Vorgaben der Natur brachten aber auch verfall, Leid und Tod in die Welt. Andererseits dürfen diese verlässlichen Strukturen nicht total festgelegt sein, sonst wäre Freiheit unmöglich. Es muss Platz für Unvorhergesehenes haben. Im Evolutionsprozess sind beide Bedingungen erfüllt: Zufall und Notwendigkeit. Es gibt also Sackgassen der Evolution, es gibt Abfälle, es gibt Leiden.

Auch in der Physik ist man vom reinen Determinismus abgerückt. Auch hier findet man Gesetzmässigkeiten und Zufälle.

Die Evolutionslehre gibt uns Christen die Freiheit, die Geschichte der Evolution als schmerzlichen Weg hin zur menschlichen Freiheit zu denken. Es scheint, dass das Universum auf das Kommen des Menschen gewartet hat: Einsame Erde, anthropisches Prinzip. Das Universum ist voller Unwahrscheinlichkeiten, die erfüllt sein mussten, damit menschliches Leben möglich wurde. Noch geheimnisvoller erscheint die Entstehung des Bewusstseins: Wie kann ein Produkt letztlich unbeseelter Prozesse sich selbst und seine Welt erkennen? Wen wundert es daher, wenn Theologen bei so viel „zufälligen“ und doch lebensnotwendigen Konstanten von einem Schöpfer reden, der sich in der Evolution zeigt?

Aber wie geht dieser Schöpfer, der über unzählige Leichen geht, zusammen mit dem Vater Jesu, der um die Zahl unserer Haare weiss und ohne dessen Willen kein Spatz vom Dach fällt? Ich weiss es nicht. Vielleicht gibt uns der christliche Philosoph Paul Ricoeur einen Wink: „Der Glaube blickt in eine andere Richtung: Der Ursprung des Bösen und des Leidens ist nicht sein Problem, sein Problem ist das Ende des Bösen und des Leidens.“


Bilanz: Alle Antworten bleiben Fragmente – und nimmt man alle Antworten zusammen, so ergeben sie auch noch kein Ganzes. Die Frage von Dostojwski, „Warum müssen auch unschuldige Kinder leiden?“ bleibt unbeantwortet. Wir können diese dunklen Geheimnisse nicht auflösen, noch steht uns zu, über Gott zu Gericht zu sitzen. Theodizee wird immer dann platt, wenn sie einerseits das Geheimnis Gottes zu durchdringen glaubt und wenn sie andererseits das menschliche Elend zu verniedlichen sucht. Karl Rahner meinte am Ende seines Lebens: „Die Unbegreiflichkeit des Leidens ist ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes.“

Die logisch einwandfreien Einwände gegen Gott wegen des Leidens (von Epikur bis Dawkins) sowie die rationalistischen Versuche, Gott zu rechtfertigen trotz des Leidens – all diese Versuche sind oft auf der Tribüne entstanden und nicht in der Arena. In der Arena wird gelitten, geklagt, geflucht und vielleicht auch gebetet, aber in der Arena wird nicht über die Versöhnung Gottes mit dem Leid spekuliert. Es sind Menschen aus den Konzentrationslagern gläubig herausgekommen und es sind aussenstehende Beobachter dieser Lager ungläubig geworden. Es ist eine seltsame Erfahrung, dass Leiden zuweilen ein grösseres Problem für den neutralen Beobachter als für den Leidenden selbst ist.

2. Über den christlichen Umgang mit Leiden – fünf Griffe

Jeder Kletterer über dem Abgrund braucht ‚Griffe.’

1. Griff: Jiob – gestern und heute: Die tiefsinnige und vielschichtige Jiob-Dichtung sagt uns unter vielem anderen auch dies: Mensch, du kannst das dunkle Geheimnis des Leiden nie und nimmer ergründen, aber du brauchst dich nicht schuldig zu fühlen, wenn du leidest.

Zuerst schweigen die Freunde. Das ist oft das Einzige, was man angesichts schweren Leids tun kann. Dann meint der erste Freund beiläufig, das Leiden sei göttliche Medizin (5,17-19). Dann sagen alle drei Freunde in langen Reden (4-27) immer wieder dasselbe: Unglück ist immer eine Strafe für etwas. Jiob sagt dazu, dass sie ihn nur quälen mit ihren Theorien (16,1-7). Dann greift Gott ein. Erstens tadelt er die Freunde mit harten Worten (42,7). Er verwirft die Theorie der Freunde und nimmt Jiob in Schutz. Dann wendet sich Gott an Jiob und stellt ihm ironische Fragen (38,1-40,2). Damit sagt er Jiob: Du darfst nicht meinen, mit deinen Fragen und Antworten das Geheimnis der Welt zu durchschauen. Gott bestreitet die Kompetenz Jiobs, Gottes Möglichkeiten und Gedanken erfassen zu können. Das zeigt: Das Wissen, dass ich es nicht wissen kann, dass aber Gott weiss, ist mir persönlich hilfreicher als jede noch so kluge Leidenstheorie, die immer hinterfragbar bleibt.

Zudem nimmt uns dieses Buch die selbstzerstörerischen Schuldgefühle, indem es die traditionelle Verbindung zwischen Schuld und Leiden zerreisst und uns damit zu verstehen gibt: Gott ist nicht dein strafender Richter, wenn du leidest. Gott ist nicht dein Feind, wenn es dir schlecht geht. Du darfst Gott klagend und anklagend deine Not und Verzweiflung entgegenschreien, aber quäle dich nicht mit Schuldgefühlen.


2. Griff: Leiden – Schule des Lebens: Auch in schweren Leiden kann eine Chance liegen. Sicher, zuerst quält die Frage: Warum gerade ich? Ohne die Phase der Klage droht der leidende Mensch von dumpfer Apathie verschluckt zu werden. Aber diese Warum-Frage führt selten weiter, weil unsere Antworten immer Bruchstücke bleiben. Wer sich in der Warum-Frage einkapselt, läuft Gefahr ständig zu hadern. Erst wenn sich die Warum-Frage in die Wozu-Frage wandelt, können sich Türen öffnen, können Sinninseln entdeckt werden. Der Leidende fängt an, an seinem Leiden zu arbeiten – und wenn es gut geht, wird er reifer und weiser.

Die Krankheit unserer Gesellschaft: Nicht leiden zu können (Horst E. Richter). Am Leiden wird nicht mehr gearbeitet, es wird nur noch verdrängt. Aber die Gesellschaften mit dem grössten Verdrängungspotential weisen die höchsten Selbstmordraten auf.

Gegen die Leiden, die Menschen einander zufügen gilt aber nicht die Rede von der Schule des Leidens, hier gilt der Kampf. Vermeidbares Leid muss bekämpft werden.

Es gilt aber: Es gibt keine menschliche Reife, ohne bewusste Auseinandersetzung mit den alltäglichen Schmerzen des Abschiedes und der Neuanfänge. Wir werden nur reich, indem wir loslassen. Ein durch Leiden reif und frei gewordener Mensch fordert uns Bewunderung und Hochachtung ab.

Doch auch dieser Griff bleibt wackelig und kann vor dem Absturz nicht immer bewahren. Es wäre naiv zu meinen, dass das Leben einem nur so viel zumutet, wie man ertragen kann. Es gibt Menschen, die am Leid zerbrochen und an Gott irre geworden sind. Es gibt ein Übermass an Leiden, aus dem nichts mehr gelernt werden kann. Vielleicht können die Überlebenden einer Katastrophe etwas lernen, nicht aber die Opfer. Was sollen am Hunger sterbende Kinder lernen? Was haben die in die Gaskammer Getriebenen noch lernen können? Dieses Übermass an Leiden können wir gemeinsam nur im Lichte von Ostern entgegentreten.


3. Griff: Einander im Leid trösten: „Ich war hungrig ... Mat 25. Im armen, kranken ... Menschen will der Weltenrichter uns begegnen, will Gott von uns gefunden werden. In dieser Trost spendenden Zuwendung zum Ärmsten werden wir Jünger Jesu (vgl. Gal 6,2). Trösten ist aber eine schwierige Kunst, und sich trösten lassen nicht weniger – und dabei gehört trösten zum Schönsten, was wir einander schenken können, auch wenn es oft nur wenig ist. Trost verscheucht das Leiden nicht, aber der Tröster tritt zum Leidenden hinzu. Er vermag den Schmerz nicht zu betäuben, aber durch sein Dasein kann er ihn vermindern. Gott hat noch andere Hände als die unsrigen – aber er will hier und jetzt durch unsere Hände die Leidenden trösten und sie nicht nur aufs Jenseits vertrösten.

Leiden führt in die Vereinsamung. Trösten heisst, den Leidenden nicht alleine zu lassen. Die Antwort Kains, „Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“ lässt Gott nicht gelten.

Trösten heisst auch: Die anderen nicht überfordern mit unerfüllbaren Erwartungen, nicht urteilen und verurteilen, keine fertigen Antworten bereithalten, sondern zuhören, zu verstehen suchen und vor allem Zeit füreinander haben.

Gebrechliche und behinderte Menschen zeigen uns, dass der Mensch letztlich nicht von seiner Leistungsfähigkeit lebt, sondern dass wir alle nur bestehen können, wenn wir von einem unendlichen Ja getragen werden, das uns unabhängig von unserer Leistung und unserem Erfolg zugesagt wird. An dieses unbedingte Ja – in jeder Situation – glauben Christen, wenn sie an Gott glauben.


4. Griff: Kreuzesnachfolge heute: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ Mk 8,34. Muss ein Christ jedes Leiden in Geduld tragen ohne Auflehnung und Widerstand? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie wir das Kreuz Jesu verstehen. Wer – wie Anselm von Canterbury im 11. Jahrh. – glaubt, Gott habe seinen Sohn ans Kreuz geschickt, um durch diesen grauenvollen Tod seine von uns beleidigte Vaterehre sühnend wiederherzustellen, wird Kreuzesnachfolge anders verstehen als ein Christ, der glaubt, dass Jesus gekreuzigt wurde, weil seine Frohbotschaft den Widerstand der Frommen seiner Zeit herausgefordert hat. Gott wollte Mitliebende. Dazu hat er sich ein Volk erwählt, um in einem langen Lernprozess seinem Volk kundzutun, dass er Freundschaft will zwischen sich und den Menschen. Nachdem Israel die gute Nachricht immer wieder missverstanden hat, reagierte Gott mit noch grösserer Liebe. Er liess alle Mittler weg und schickte seinen Sohn, um uns zu sagen, dass er für uns alle Leben (Joh 10,10) will. Wäre Jesu Grundbotschaft drohend gewesen, wäre Jesus überhaupt nicht originell. Jesu Frohbotschaft aber wurde als gefährlich empfunden. Wie es eben für jedes religiöse System gefährlich ist, wenn den Kleinen und Armen die Angst genommen wird. So geriet Jesus durch seine Frohbotschaft mit den religiösen Führern auf Kollisionskurs und musste beseitigt werden. Durch die Auferweckung Jesu gab ihm Gott aber recht. Nicht ihr habt recht, sagte Gott, die ihr in meinem Namen Jesus umgebracht habt. Jesus ist für uns gestorben, damit wir endlich glauben, dass Gott uns das Glück gönnt. Sein „Opfer“ meint also Selbsthingabe im Horizont der Liebe. Es meint Dasein für andere. Das „Muss“ in Lk 24,26 (Musste der Messias nicht all das erleiden ...) liegt nicht auf Seiten Gottes, sondern in der Faktizität des menschlichen Widerstandes, des menschlichen Unglaubens, der bewirkte, dass Jesus nur noch durch den Weg ans Kreuz seiner Botschaft von der Liebe treu bleiben konnte. Ernst Bloch sagte: „Das Kreuz ist die Antwort der Welt auf die christliche Liebe.“

Kreuzesnachfolge - Widerstand und Ergebung: Leiden ist nicht an sich etwas Gutes. Kreuzesnachfolge heisst deshalb zuerst: Wir sollen uns wie Jesus dafür einsetzen, dass unsere Brüder frei und glücklich werden. Damit geraten wir aber angesichts der Widerstände der Welt unweigerlich ins Leiden und ans Kreuz wie Jesus. Der Weg der ohnmächtigen Liebe ist der Weg, den die Macht Gottes in dieser Welt gehen will. Die Auferstehungshoffnung gibt uns aber die Gewissheit, dass das Scheitern nicht das letzte Wort behält.

Kreuzesnachfolge geschieht aber auch dann, wenn wir uns ins unvermeidliche Leiden hinein geben: „Dein Wille geschehe.“ Wo immer es Menschen gelingt, durch Weinen und Klagen und Bitten hindurch schliesslich Ja zu sagen zu dem, was Gottes unbegreifliche Liebe uns zumutet, da geschieht christliche Ergebung. Und wo sie geschieht, geschieht immer ein Wunder, vor dem wir uns nur stumm und bewundernd verneigen können.


5. Griff: Das klagende und anklagende Gebet: im klagenden und anklagenden Gebet verlässt der Leidende die rationalistische, zeitlose und ohnehin wenig fruchtbare Antwortsuche und wendet sich direkt an den geschichtsmächtigen Gott. Dieser Schrei aus der Tiefe nimmt nicht nur Gott ernst, er entspricht auch der Würde des Menschen, denn Gott will keine Knechte sondern Freunde, die dem Freund ins Angesicht sagen, was zwischen Freunden nicht stimmt. Mit Gott kämpfen heisst, ihm die höchste Anerkennung zollen. Der Leidende nimmt damit Gott ernst, denn er glaubt, dass nur Gott ihm noch helfen kann. Jiob wendet sich mit seiner Klage und Anklage an Gott. Er schreit gegen Gott, aber er sagt sich nicht von ihm los.

Es gilt deshalb die Klage und Anklage wieder zurück zu gewinnen. Nur sie vermag unsere Gottesbeziehung im Leiden ihre Tiefe zurück zu geben. „Weh dem, der den Trauernden auf subtile Weise um den einstweiligen Trost der Trauer, sich Luft zu machen und mit Gott zu hadern, betrügen will.“ Kierkegaard

Johann Baptist Metz: „In unseren Kirchen ist zu viel Gesang und zu wenig Geschrei.“

Nur Gleichgültige und Zyniker resignieren, weil sie von Gott nichts mehr erwarten. Der Klagende hingegen traut Gott zu – und gibt ihm damit die Ehre.

3. Hoffnung oder: Gott selbst muss antworten

a) Hoffnung wider alle Hoffnung: All unsere Antworten bleiben Fragmente. Das menschliche Leid ist einfach zu gross. Gott allein kann Antwort geben. Ostern ist die Antwort Gottes auf unsere Leiden.

Der Mensch ist ein Wesen der Hoffnung, weil er ein Wesen der Sehnsucht ist. Wer ohne Hoffnung ist, droht angesichts der Sinnlosigkeit von der Verzweiflung hinweggeschwemmt zu werden. Er wird krank. Und umgekehrt gilt: Auch schlimmste Situationen können noch gemeistert werden oder wenigsten ertragen werden, wenn am Horizont ein Licht der Hoffnung leuchtet.

Mit Jesu Auferweckung hat Gott Hoffnung in die Tatsachen unserer Welt gebracht.

Tatsachen: Wer sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzt, gerät bald ins Leid. Die Liebe scheitert schliesslich am Tod. Der Tod ist die letzte Tatsache. Das Glück ist uns immer nur in einzelnen Augenblicken vergönnt. S. Freud: „Dass der Mensch ‚glücklich’ sei, ist im Plan der ‚Schöpfung’ nicht enthalten.“

Durch Ostern will uns Gott von unseren Tatsachen und Möglichkeiten weglocken hin zu seinen Möglichkeiten. Die Osterhoffnung sagt: Die Gerechtigkeit wird das letzte Wort zurückbekommen, Die Liebe wird das letzte Wort behalten, nicht der Tod. So hat es Gott gefallen, weil Gott Freude an der Freiheit, der Gerechtigkeit und Liebe hat. Dafür hat er uns in Jesu Auferweckung sein Ehrenwort gegeben – und der treue Gott hält Wort.

Doch auch durch Ostern wird die Frage Karamasows „warum müssen Kinder zum Dünger für Gottes Himmel werden?“ nicht beantwortet. Aber Ostern gibt uns genug Licht, um vertrauensvoll im Dunkeln zu wandern, weil wir wissen, dass am Ende der Tag uns erwartet.

Wir laufen ständig Gefahr, diese Hoffnung zu pervertieren, indem wir einerseits den Tod verniedlichen und andererseits die Getretenen allzu schnell aufs Jenseits vertrösten. Deshalb gilt es, ein Zweifaches zu bedenken.

Erstens: Gott ist kein Bedürfnisbefriediger. Solange wir nicht mit leeren Händen (Luther: „sterbliche Bettler“), vor Gott hintreten, degradieren wir Gott zu einem Objekt, das man verbraucht und verzehrt.

Zweitens: Wir haben kein Recht, von der Auferstehung am Ende der Zeiten zu träumen, solange wir nicht bereit sind, alles in unserer Macht Stehende zu tun, damit die am Boden Liegenden bereits hier und heute ein wenig Auferstehung feiern dürfen. Gott ist kein Lückenbüsser für unsere Faulheit, Habgier und unseren Egoismus.


b) Ist mit dem Tod alles aus? Immer mehr Christen sagen, mit dem Tod ist alles aus. Der Tod ist etwas ganz Natürliches. Doch damit wäre der Botschaft von Ostern der Boden entzogen. Als Christen in Korinth die Auferstehung leugneten, reagierte Paulus sehr heftig (1. Kor 15,19.33): „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher dran als alle anderen Menschen ... Wenn Tote nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“

Auch wenn der Mensch heute alt wird, so ist er dennoch von einer im Diesseits unstillbaren Sehnsucht umgetrieben. Gott will diese Sehnsucht in seine Unendlichkeit aufnehmen.

Und was ist mit all denen, die nicht das Glück hatten, nach einem erfüllten Leben eines ‚natürlichen Todes’ zu sterben? Und was ist, wenn wir den Tod mit der Liebe zusammen denken? Dass Liebende auseinander gerissen werden, ist ‚unnatürlich’. Der Tod, dieser radikale Abschied, ist auch eine Beleidigung für die Liebe. Liebe will Ewigkeit. Das ist ihre Tiefengrammatik.

Die Liebe siegt, nicht der Tod, weil Gott Freude an der Liebe hat. Wenn dem so ist, dann darf kein Einwand gegen die Liebe das letzte Wort behalten, auch nicht der Tod, sonst wäre der Tod der heimliche Gott.

Uns empört aber auch das Scheitern des Ethos im Kampf um Gerechtigkeit in dieser Welt. Auch hier wird der treue Gott dafür sorgen, dass das Grab nicht der letzte Ort für Gerechte und Ungerechte bleibt. Mit der Gerechtigkeit anfangen, das ist unsere Aufgabe. Die Gerechtigkeit zu vollenden bleibt Gottes Sache. Es geht eben bei der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten nicht um ein privates Zückerchen für die Frommen, sondern es geht um die Hoffnung auf die Wiederherstellung der beleidigten Liebe und der mit Füssen getretenen Gerechtigkeit.

Wenn jemand sagt: Mich interessiert das Jenseits nicht. Ich habe genug an dieser Welt, dann würde ich antworten: Es kommt im Christentum nicht in erster Linie darauf an, was uns interessiert, sondern was Gott mit uns vorhat. Die Frage nach dem persönlichen Interesse ist vielleicht doch eine allzu bourgeoise Einstellung zu diesem Thema, zumal jene, die sie äussern meist auf der Schokoladenseite dieses Planeten leben dürfen. Mögen wir den Tod als etwas ‚Natürliches’ oder etwas ‚Widernatürliches’ ansehen, darauf kommt es letztlich nicht an, denn die Hoffnung auf die Auferweckung der Toten gründet nicht in unseren Theorien über den Tod, sondern einzig und allein in Gottes Freiheit.


c) Und die Täter? Gott hat unsere beklemmende Frage „Warum gibt es Leid?“ durch die Auferweckung Jesu in Hoffnung verwandelt. Aber weil Gott in seinem Reich unsere hier und jetzt angefangene Gerechtigkeit und Liebe vollenden will, geht es im Himmel nicht primär um „meine Seele und meinen Gott“ (Augustinus), sondern um solidarische Liebesgemeinschaft untereinander und mit Gott. Die christliche Hoffnung ist kein egoistischer Selbsterhaltungstrieb, sondern Hoffnung auf eine neue, unzerstörbare Gemeinschaft.

Doch was geschieht mit den Tätern? Die christliche Tradition hat auf dieses Problem mit der Lehre vom Gericht, vom Fegfeuer und von der Hölle zu antworten versucht.


d) Gericht und Fegfeuer: Wo vom Gericht geredet wird, muss nach katholischem Verständnis auf vom Fegfeuer die Rede sein, also von der schmerzhaften Reinigung, durch die der Mensch geheilt und vollendet wird. Man bezieht sich dabei auf (2. Makk. 12,45; 1. Kor 3,10-15 und Mat 5,26). Festgelegt wurde diese Lehre auf dem Konzil von Trient (1546-1563).

Gericht: In der unverstellten Begegnung im Gericht mit Gott, dem Heiligen und Liebenden, geht mir blitzartig auf, was ich hätte werden können und was in Wirklichkeit geworden ist. So wird die unverhüllte Gottesbegegnung gleichzeitig zur unverhüllten Selbstbegegnung – das Gericht wird zum Selbstgericht. Dieses Auge-in-Auge mit Gott wird zum erschütternden und schmerzlichen Augenblick der eigenen Wahrheit. Jeder muss im Gericht die Wahrheit über sein leben schmerzhaft erleiden. Denn Schuld kann nicht einfach zugedeckt werden. Das naiv-gutmütige Übersehen der Schuld, die billige Gnade, wäre letztlich ein Nicht-ernst-Nehmen des Menschen. Gott bringt auch im Gericht der menschlichen Freiheit und Verantwortung unbedingte Achtung entgegen. Der Mensch muss sich seiner Geschichte stellen. Schuld muss aufgearbeitet werden, dann erst kann sie vergeben werden. Diese schmerzliche Aufarbeitung in Reue und Scham und Bitte um Vergebung geschieht im Gericht, das zugleich Fegefeuer ist.

Nach neutestamentlichem Verständnis ist der Richter Jesus Christus (Joh 5,22 etc.). Der, der uns im Gericht gegenübersteht, ist jener, der unsere Erdenschwere aus eigener Erfahrung kennt. Jesus, der Retter und Heiland selbst, wird das Feuer sein, das die Erstarrungen und Rückstände unserer Trägheit und Schuld weg brennt. Seine Liebe wird unser verschlossenes Herz frei brennen, sodass wir gerettet werden „wie durch Feuer hindurch.“

Das Gericht ist auch Tag der Offenbarung. Weil Jesus seine JĂĽnger Freunde nennt, die wissen dĂĽrfen, was der Freund wollte (Joh 15,15f.), darf der Mensch im Gericht auch sein unbeantwortetes Warum einbringen.

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Mat 7,11), dieses Wort Jesu muss uns auf dem Weg durchs Leben begleiten. Und in unserem Versagen mag uns das andere Wort trösten: „Wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist grösser als unser Herz“ (1. Joh 3,20). Für die meisten Menschen, die Opfer und Täter zugleich sind, wird somit die Rede vom Fegefeuer zur Frohbotschaft.

Zwei Fragen sollen aber noch angesprochen werden: Was geschieht mit den durch und durch bösen Menschen? Und, ist das Gericht nur ein Begegnungsgeschehen zwischen dem schuldigen Menschen und dem richtenden Gott? Verlangt das Gericht nicht auch die Konfrontation zwischen Täter und Opfer?


e) Und die Hölle? Es gibt hierzu verschiedene theologische Meinungen.

Schillebeeckx et al.: Der auferstandene Christus hat uns nicht als Waisen zurückgelassen, sondern als Geschenk den Geist gesandt. Er lockt uns, uns auf die Liebe einzulassen, ein Dasein für andere zu wagen. Wer sich darauf einlässt, den wird Gott aus dem zweiten Tode erretten. Die zerstörerische Unterdrückung aber ist ohne Hoffnung, nicht wegen einer kommenden äusseren Strafe (Hölle), sondern wegen ihrer inneren Logik. Wer nämlich andere unterdrückt und verachtet, der bringt nichts hervor, das geeignet wäre, ins kommende Reich der Freiheit und Liebe hinein vollendet zu werden. Gott rächt sich nicht, er verhängt keine ewigen Strafen, er lässt nur die Unterdrücker ihren Weg gehen – ins Nichts. Ausserhalb des Reiches Gottes ist nicht ein Reich der Finsternis, sondern nur das Nichts. „Der Lohn der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23) ist hier wörtlich zu nehmen. Die zerstörerische Gewalt, die nichts vom Reich Gottes vorwegzunehmen vermag, verschwindet aus ihrer eigenen Logik im Nichts. Diese Lehre hat aber in der kath. Tradition nie Heimatrecht gefunden, zumal sie voraussetzt, dass der Mensch im Tod ganz stirbt, völlig erlischt.

Seit Augustinus gibt es noch das andere Bild der Hölle mit dem grausamen Gott, bei dem Gerechtigkeit und Barmherzigkeit weit auseinander gerissen werden. Frage: Sollte Jesus, der sich geweigert hatte, Gewalt mit Gewalt zu vergelten, beim Gericht plötzlich ein anderer sein?

Eine weitere Interpretation die zwei Wahrheiten gleichzeitig festhält:

  1. Die Hölle bleibt reale Möglichkeit, die mit der Freiheit des Menschen gegeben ist. Das Reich Gottes ist ein Reich der Freiheit, zu dem nur Freie freiwillig Zutritt haben. Wenn ein Mensch von diesem Reich nichts wissen will, so nimmt Gott diese Entscheidung ernst. Gott verdammt niemanden; wenn aber der Mensch ohne Gott sein will, respektiert Gott diesen Entschluss.
  2. Die Hölle ist letztlich auch eine Niederlage Gottes, denn er will, dass alle Menschen gerettet werden (1. Tim 2,4). Sollte es Gott nicht gelingen, alle zu gewinnen, uns alle zu überzeugen, dass er uns liebt und unser Glück will, wäre das letztlich auch eine Niederlage und ein Schmerz Gottes. Die wahre Macht Gottes zeigt sich aber nicht in der Einkerkerung oder Vernichtung der Gegner, sondern in ihrer freien Gewinnung, in einem schwierigen Prozess der Versöhnung. Denken wir nicht all zu menschlich, wenn wir Gott diese Macht nicht zutrauen? Muss unsere Hoffnung nicht ganz offen bleiben und alle einbeziehen, weil Gott sich aller erbarmen will (Röm 11,32). Wir dürfen hoffen, dass es Gott schliesslich gelingt, alle zu gewinnen, aber wir können es nicht wissen und dürfen vor allem nicht vermessen mit diesem Gedanken spielen: „Wer nicht glaubt, dass es Gott gelingt, alle zu gewinnen, ist ein Ochse; wer diesen Glauben aber lehrt, ist ein Esel!“

Zum Mörder: Wie könnte er zur schmerzlichen Reue und Scham finden? Gott ist immer auf der Suche nach dem Verlorenen, und zwar so sehr, dass er die neunundneunzig Gerechten zurücklässt, um den einen Verlorenen zu suchen und zu finden (auch Jes 49,15). Der Osterjubel lässt uns hoffen – wir wissen es aber nicht - , dass es Gott gelingt, auch das Herz eines Mörders zu erweichen, das heisst, ihn zur Einsicht in seine verdrängte Schuld und damit zur schmerzhaften Reue und Scham zu führen, denn nur einem reumütigen und beschämten Henker kann vergeben werden. Dass ein Mörder sich dem Gericht verweigert, muss um der Freiheit willen offen gelassen werden.

Zum Opfer: Wie findet das Opfer den Mut und die Freiheit zum Verzeihen und damit zum Verzicht auf Rache und Vergeltung?

Einen ersten Wink gibt uns Paulus (der zur Rettung seiner Brüder auf sein eigenes Heil verzichten möchte – Röm 9,3), wenn er schreibt: „Ich halte dafür, dass die Leiden der jetzigen zeit nichts bedeuten im Vergleich zur Herrlichkeit, die an uns geoffenbart werden soll“ (Röm 8,18). Das ist ein Satz über Gott: Wie muss Gott und seine Herrlichkeit sein, dass alle Ungeheuerlichkeiten in einem neuen Licht erscheinen können? Denn ungeschehen machen, was geschehen ist, kann auch Gott nicht. Diese Aussage erlaubt uns den Traum, dass angesichts der Herrlichkeit Gottes vielleicht sogar Anne Frank ihrem reuigen Henker die Hand reicht. Denn erst dann wäre Shalom, Friede; erst dann wäre Himmel.

Einen zweiten Wink entnehmen wir dem Gleichnis vom verlorenen Sohn: Auch der Vater ist verloren, solange ihn seine Söhne nicht verstehen, wie Liebe immer verloren ist und leidet, wenn sie nicht verstanden, nicht beantwortet wird. Der Vater leidet, solange seine Söhne unversöhnt bleiben. Erst wenn der ältere dem jüngeren Sohn die Hand gibt, ist die Freude des Vaters ganz, wäre die Liebe zu Hause.

Weil Gott sich – Torheit der göttlichen Liebe – an uns gebunden hat, sich freiwillig von uns abhängig gemacht hat, ist die Versöhnung seiner Töchter und Söhne auch seine Freude.


Wir können und brauchen Gott nicht zu rechtfertigen. Gott wird sich selber rechtfertigen. „An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen“ (Joh 16,23).

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