VBG kritisiert Stigmatisierung

VBG kritisiert Stigmatisierung

von Daniel Kummer | 03.06.2011

Die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms NFP58 «Lehrerausbildung – zwischen Beruf und Berufung?» zeigen für einen Teil der engagiert gläubigen Studierenden einen Konflikt zwischen ihren Glaubensüberzeugungen und den Berufsanforderungen auf. Die Vereinigte Bibelgruppen (VBG) arbeiten mit den angesprochenen Studierenden und Lehrpersonen zusammen und haben das Ziel, Glauben und Beruf sowie Glauben und Denken miteinander zu vereinbaren. Die VBG kritisieren den Bericht des NFP58 als teilweise irreführend und stigmatisierend.

Die Studie des NFP58 «Lehrerausbildung – zwischen Beruf und Berufung?» thematisiert differenziert die Frage, ob der Generalverdacht zutreffe, dass gläubige PH-Studierende in Gefahr stehen, ihren Glauben missionierend in ihr pädagogisches Handeln einfliessen zu lassen. Vom hohen Anteil von 15% ‹unbeirrbar› Gläubigen setzt sich laut der Studie ein Teil der Studierenden (Typus 1: Distanzierung) in einer ‹reflexiven Distanz› mit dem eigenen Glauben auseinander. Sie suchen selbstkritisch eine Balance zwischen den eigenen Glaubenseinstellungen und den Ansprüchen der professionellen Ausbildung. Der andere Teil der Studierenden (Typus 2: Sinnstiftung) neigt, so die Studie, durch ihren ‹unerschütterlichen› Glauben eher zu einer ab- und ausgrenzenden Haltung gegenüber Andersdenkenden. Es fehle ihnen an der Bereitschaft, sich mit den eigenen Werthaltungen und Einstellungen auch kritisch auseinander zu setzen und sich auf die wissenschaftlich orientierte Ausbildung einzulassen.

Als Vereinigte Bibelgruppen sind wir an solchen Untersuchungen interessiert und nehmen sie auch selbstkritisch zur Kenntnis. Auch aus unserer Sicht gibt es Studierende, wie sie im Bericht vorgestellt werden, die in ihrer persönlichen Glaubensentwicklung in einem Stadium sind, in dem die Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden im Vordergrund steht und durch Einseitigkeiten auffallen. Solche Menschen versuchen wir zu einer wertschätzenden Öffnung gegenüber andern Positionen zu bewegen.

Inwiefern die im Interview befragten sechs oder sieben Studierenden, die dem Typus 2 angehören, wirklich eine grössere Gruppe der ‹unbeirrbar Gläubigen› repräsentieren, ist fraglich, da methodisch ja bewusst eine ‹kontrastreiche Gruppe› gewählt wurde. Fraglich ist auch, inwieweit diese Studierenden noch die gleiche Haltung wie vor drei Jahren haben, denn oft erleben wir, dass sich die Einstellungen gegenüber Andersdenkenden im Laufe der Jahre öffnen und ändern, ohne dass dabei die Beziehung zu Gott zur Disposition steht. Gerade für den Lebensabschnitt zwischen 15 und 25 ist eine gewisse Radikalität und Ausschliesslichkeit nicht ungewöhnlich, wie die Studie auch mit Bezug zur Jugendbewegung aufzeigt.

Gemäss der Studie würden alle 15% der ‹unbeirrbar Gläubigen› der Bibelgruppe angehören. Das wären über 250 Personen, was ein eindeutig falsches Bild ergibt. Bereits seit Sommer 2010 trifft sich z.B. am Institut S1 gar keine Bibelgruppe mehr regelmässig. Insofern ist das Bild, das die Studie vom Organisationsgrad der ‹streng Gläubigen› zeichnet, irreführend.

Durch Begriffe wie ‹absolute Glaubensgewissheit›, ‹unbeirrbarer Glaube› und ‹streng gläubig› entsteht eine falsche Vorstellung des Glaubens, die unseres Erachtens ein stigmatisierendes Bild der ‹gläubigen Studierenden› verstärkt. Im Glauben an Gott geht es primär um eine Begegnungs- und Beziehungsdimension, wie sie auch Martin Buber hilfreich beschrieben hat, und nicht um abstrakte Dogmen.

Dass gläubige Menschen in Verbundenheit mit Gott zu leben versuchen, ist nicht nur ein ‹Berufsrisiko›, sondern auch eine Ressource, da zum Beispiel Erfahrungen des Leidens und Scheiterns von einem christlichen Welt- und Menschenbild zum Leben gehören und durch die Glaubenspraxis verarbeitet werden können. Der Glaube an einen gütigen Gott, der sich dieser Welt zuwendet, gibt auch Zuversicht im Umgang mit schwierigen Jugendlichen und kann Motivation und Freude am Unterricht verstärken. Insofern kann der Glaube, wie ihn die Studie beim Typus 1 aufzeigt, auch eine Hilfe sein, sich im Schulalltag zu bewähren.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, in der verschiedene Werte und Weltdeutungen miteinander im Konflikt stehen. Damit müssen wir als Gesellschaft umgehen ler­nen. Die Frage der Religion ist dabei eine der Kernfragen, wie das NPF58 als Ganzes deutlich macht! Einen lebens- und lernförderlichen Umgang mit Religion erwerben wir als Gesellschaft am ehesten dann, wenn wir im Diskurs auch das Verbindende suchen, die eigene Haltung kri­tisch reflektieren und diese in die öffentliche Diskussion einbringen. Diesen Diskurs haben wir im November 2009 und 2010 auch in Form von zwei Podien an der Universität Bern gesucht. Die Berichte dazu können in der Tagespresse nachgelesen werden. Insofern leisten die Verei­nigten Bibelgruppen gerade mit ihrer Arbeit unter gläubigen Studierenden und Lehrpersonen einen Beitrag, dessen Relevanz die Ergebnisse des Nationalen Forschungsprogramms unterstrei­chen!

 

Die Nationalfondsstudie NFP58

Die Stellungnahme der VBG (pdf)

Bericht in der BZ vom 7.6.2011