Studieren mit Standpunkt

von Andi Allemann | 16.09.2005

Der Uni-Alltag wird von den Göttern Naturalismus, Relativismus und Individualismus beherrscht. Ich beschloss als Student, mich mit diesen Weltanschauungen anzulegen – und machte dabei gute Erfahrungen.

Diesen Sommer schloss ich mein Studium in Philosophie und Theologie ab. Von Anfang an wollte ich bewusst als Christ studieren und meinen Glauben in den Unialltag einbringen. Besonders als Philosophie-Student merkte ich schnell, woher der Wind weht. Genauer gesagt sind es drei "Windböen" bzw. Strömungen, die mir begegneten. Da gibt es den Naturalismus, wonach – vereinfacht gesagt – letztlich alles mit den Mitteln der Naturwissenschaften beschrieben werden kann. So etwas wie eine Seele gibt es demnach "nicht wirklich"; Gedanken zum Beispiel sind nichts weiteres als physiologische oder chemische Vorgänge im Gehirn. Dann gibt es den Relativismus, der nichts Absolutes gelten lässt, seien das Werte oder Standpunkte. Der Mensch selbst ist das Mass aller Dinge. Und schliesslich den Individualismus: Jede und jeder schaut für sich. Das ist gerade im Fach Philosophie sehr ausgeprägt.

Mut zum Forschen

Während meiner Kantizeit las ich einige Bücher von Francis Schaeffer, Apologet und Gründer des Studienzentrums L'Abri. Ich möchte mir seine Grundhaltung zu eigen machen, immer wieder ehrliche Antworten auf ehrliche Fragen zu suchen. Das kann auch heissen, bestimmte Zweifel bewusst zuzulassen, sich bohrenden Fragen zu stellen und sich richtiggehend durch gedankliche "Nebelschwaden" durchzuarbeiten. Ich erlebte während meines Studiums einige Male, dass die Auseinandersetzung mit solchen Zweifeln meinen Glauben letzten Endes nicht geschwächt, sondern gestärkt hat – wenn ich auch zwischenzeitlich manchmal nicht mehr wusste, wo mir der Kopf stand bzw. was und wem ich nun eigentlich glauben sollte. Aber: Ich weiss heute besser als zu Beginn meiner Studienzeit, weshalb ich so glaube.


Mut zum Forschen in allen Gebieten machte mir auch ein Wort des Kirchenvaters Augustin: "Es sollte nämlich jeder gute und wahre Christ verstehen, dass wo immer er auch Wahrheit finden mag, diese Wahrheit die Wahrheit seines Herrn ist." So wie die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten ägyptisches Gold mitnahmen und einer neuen Nutzung zuführten, so sollen auch wir als gute RosinenpickerInnen "säkulares" Wissen prüfend untersuchen und nutzbar machen.

Glaube oder Wissen?

"Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen", schrieb vor rund 200 Jahren der philosophische Halbgott Immanuel Kant. Der Einfluss dieses Zitats ist immer noch deutlich spürbar, wenn etwa der Glaube von Christen als das Gegenteil von Wissen verunglimpft wird. Nun haben jedoch verschiedene Wissenschaftstheoretiker im vergangenen Jahrhundert gezeigt, dass jede Beobachtung "theoriebeladen" ist, und dass am Anfang jeder Theorie bestimmte Grundannahmen stehen. Strikte Neutralität bzw. vollkommene Objektivität gibt es nicht, denn gewisse Grundannahmen müssen einfach gesetzt werden und können nicht begründet werden.


Irgendwo muss man beginnen, betont auch der Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller: "Man mussnicht das Wissen beseitigen, um dem Glauben Platz zu machen. Vielmehr muss man bereits etwas glauben, um überhaupt von Wissen und Wissenschaft reden zu können." Aufgrund dieser Einsicht machte ich es mir zur Regel, bei allen philosophischen Themen jeweils die Grundannahmen herauszufinden und dann mit den Grundannahmen meines christlichen Glaubens zu vergleichen. Bei einigen Themen formulierte ich aufgrund meiner christlichen Grundannahmen christliche Alternativen, was teilweise sogar meine Dozenten spannend fanden.

Ressourcen und Vorbilder

Beim Unterfangen, bewusst als Christ Philosophie zu studieren, wäre ich alleine nicht weit gekommen. Glücklicherweise stiess ich schon früh auf christliche Philosophinnen und Philosophen, die mir nicht nur eine Fülle von Ideen für das Denken auf christlicher Grundlage gaben, sondern mir auch als persönliche Vorbilder dienten. An zwei Konferenzen erlebte ich einige dieser Vorbilder hautnah, was sehr inspirierend war. Diese Persönlichkeiten und ihre Werke bildeten für mich eine andersartige Plausibilitätsstruktur, die ich der herrschenden Unikultur entgegensetzen konnte; demnach ist es ganz normal, dass Top-Philosophen Christen sein können, ganz unbekümmert Gott und theologische Inhalte in ihre wissenschaftliche Arbeit mit einbeziehen.

Scientific community...

Die erwähnten Ressourcen haben mir geholfen, mit der herausfordernden geistigen Unikultur umzugehen. Doch wie in der individualistischen sozialen Unikultur bestehen? Gerade in der Philosophie dominiert das Ideal des brillanten intellektuellen Revolverhelden; von der vielgerühmten "wissenschaftlichen Gemeinschaft" spürte ich wenig. Da in den Seminaren oft eine unpersönliche Atmosphäre herrschte – einige Dozenten bemühten sich gar nicht erst, unsere Namen kennen zu lernen – suchte ich anderweitig Unterstützung. So nahm ich zuerst an einer von der Fachschaft angebotenen Lektüregruppe zum Thema "Existenzialismus" teil, später initiierte ich eine eigene Lektüregruppe zu Religionsphilosophie. Gerade in diesen Lesegruppen setzten wir uns gemeinsam intensiv mit philosophischen Themen auseinander und kamen dabei oft auf persönliche Fragen zurück. Die besten Gespräche über den Glauben hatte ich mit diesen Kolleginnen und Kollegen. Daneben traf ich mich mit einem christlichen Mitstudenten regelmässig bei einem Teller Spaghetti zur Diskussion von Texten christlicher Philosophen; später legten wir beide über einige dieser Texte Prüfungen ab, und ich entwickelte daraus meine Abschlussarbeit.

Credo ut intelligam

Ich schaue gerne zurück: Ich konnte ausgiebig ganz unterschiedliche Ideen kennen lernen und mit ihnen jonglieren, was mir meistens viel Spass machte. Auch als glaubender Mensch schaue ich dankbar zurück: Mein Glaube wurde gerade auch durch mein Studium gestärkt und gefestigt. Und so sage ich heute zusammen mit dem bereits erwähnten Kirchenvater Augustin: "Credo ut intelligam" (Ich glaube, damit ich erkenne). Dabei bin ich mir bewusst, dass ich vieles einer Tradition verdanke, die sich die denkerische Durchdringung des Glaubens zur Aufgabe gemacht hat. Eine Aufgabe, die ich mittlerweile als Teil meiner eigenen Berufung anschaue.

Praxis-Tipps

Einem beginnenden Studenten oder auch einer schon fortgeschrittenen Studentin würde ich folgende Empfehlungen mit auf den Weg geben:

  • Prüfe die jeweiligen Grundannahmen und wage es, scheinbar Selbstverständliches in Frage zu stellen.
  • Geh von eigenen, christlichen Annahmen aus und entwickle dazu Alternativen, auch wenn diese zuerst nur eine A4-Seite füllen.
  • Suche die gemeinsame Auseinandersetzung.

 

 

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