Schuld- und Vergebungsfähigkeit

von Walter Gasser | 15.11.2008

«Unser unvermeidliches Schuldigwerden einsehen, bejahen und ertragen lernen, das ist Schuldfähigkeit.»

Schuld ist eine Grunderfahrung unseres Daseins, eine Grunderfahrung wie der Tod – unausweichlich für jeden und jede. Schuld kann Fehlverhalten oder Unterlassung sein. Es fällt auf, dass in der Beschreibung des Endgerichtes in Matthäus 25 nur Unterlassungen als Schuld erwähnt werden.

Schuld ist eine Grunderfahrung

Wir können vielfältig schuldig werden: gegenüber uns selbst, unseren Mitmenschen und gegenüber der Schöpfung; und dabei werden wir immer auch vor Gott schuldig. «Gott, an dir allein habe ich gesündigt» (Ps 51,6), sagt David nach seinem Ehebruch. Natürlich auch an Bathseba und Uria, aber vor allem an Gott.

Bei Schuld gegenüber Gott sprechen wir von Sünde. Sünde geschieht immer ‘vor dem Angesichte Gottes’.

Schuldfähig werden heisst: Wahr werden gegenüber mir selber, vor andern und vor Gott.

 Â«Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst irre, und die Wahrheit ist nicht in uns.» (1. Joh 1,8)

Der Schuldfähige akzeptiert: Ich kann nicht ‘nicht schuldig’ werden. Ich gebe die Illusion der Schuldlosigkeit – gerade als Christ – auf. Aber nicht fahrlässig und nicht depressiv. Ich werde ein fröhlicher, verantwortungsvoller Sünder.

Und der oder die Schuldfähige sagt zum Bruder und zur Schwester: «Auch du kannst nicht ‘nicht schuldig’ werden. Ich gestehe dir das zu. Das ist auch deine Grunderfahrung.»

Wahr werden

«O Gott, siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. Siehe, an Wahrheit im Innersten hast du, Gott, Gefallen. Tue mir im Verborgenen (diese) Weisheit kund.» (Ps 51, 7-8)

«Meine Mutter hat mich in Sünden empfangen». Darunter wird meistens verstanden, Zeugung und Sexualität seien Sünde. Was für ein Unsinn! Dabei kann ein Wesensaspekt von uns Menschen kaum tiefer ausgesagt werden, als wenn ich Gott klage: «Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.»

Meine Mutter war Sünderin, meine Grossmutter war Sünderin, ich selbst bin Sünder von meiner Geburt an. Das ist unsere Sündenverkettung über Generationen, unsere Solidarität in der Not der Sünde. Das ist meine, das ist deine Wahrheit.

Sünde wurzelt viel tiefer als moralisches Vergehen. Gewiss, Psalm 51 wird im Zusammenhang von Davids Ehebruch und Mord verstanden. Aber die Sünde liegt noch tiefer. Kierkegaard definierte sie so:

«Verzweifelt sein wollen, was ich nicht bin, und verzweifelt nicht sein wollen, was ich bin.»

Da müssen wir uns auf die Schliche kommen. Beispielsweise: Wir sind Geschöpf – wo und wie wollen wir verbissen nicht Geschöpf sein, sondern Schöpfer, ohne es zu merken?

Sünde ist ganz einfach die Gottlosigkeit. Wenn ich auch in Kleinigkeiten lebe, als ob es Gott nicht gäbe. Meine Sorgen sind oft gott-los. Aber mein Gewissen reagiert nicht bei diesen gott-losen Sorgen wie bei einem moralischen Vergehen. Daher verstehe ich Alexandre Vinet, wenn er schreibt: «Das Gewissen ist das gewissenloseste Ding. Das Evangelium ist das Gewissen des Gewissens.»

Der Weg zur Schuldfähigkeit ist ein immer fundamentaleres, aber getrostes Verstehen, was Sünde ist.

Wachstumsbedingungen

Ich bin nicht nur als Sünder geboren. Das ist nur die eine Seite.

«Ich bin – und bleibe – mit Ehre und Hoheit gekrönt» (Ps 8,6). Gott hat Wohlgefallen an mir, einfach weil ich sein Geschöpf bin. Was der Vater im Himmel zu Jesus gesagt hat: «Dies ist mein geliebter Sohn, der meine ganze Freude ist», gilt um Jesu willen auch für mich: Ich bin Gottes geliebter Sohn – auch als Sünder. Das ist meine unverlierbare Würde. Eine Meditation, zu der ich gerne anleite, ist die Taufe Jesu im Jordan: Stell dir vor, dass du, nachdem du Johannes dem Täufer deine Schuld bekannt hast, neben dem schuldlosen Jesus im Jordanwasser untertauchst und wieder hochkommst. Und da hörst du die Stimme von Himmel: «Dies ist mein geliebter Sohn, der meine ganze Freude ist.» Und dieses Wort gilt für Jesus und um seinetwillen auch für dich: «Dies ist meine geliebte Tochter, die meine ganze Freude ist.»

Schuldfähigkeit hat nichts mit neurotischer Selbstabwertung zu tun. Nur im Wissen um meine unverlierbare Würde kann gesunde Schuldfähigkeit wachsen.

Rembrandt hat das verstanden: In seinem grossen Gemälde ‘Heimkehr des verlorenen Sohnes’ kniet der total zerlumpte Sohn vor seinem Vater. Und was trägt er immer noch? Das Schwert als Zeichen seiner edlen Abstammung! Du kannst in deinem Elend alles verkaufen, aber das Schwert der Würde und Hoheit bitte nicht. Zu Rembrandts Zeit war das Schwert Zeichen der edlen Abstammung. Auf Rembrandts Bild ein Symbol, eine ergreifende Botschaft. Das ganze Erbe war verprasst. Aber dieses Zeichen seiner Würde nicht. Rembrandt hat an dieser Stelle das Gleichnis eigenwillig, aber sehr weise gedeutet.

Nur auf Grund meiner Würde, auf Grund von Ich-Stärke kann ich meiner Wahrheit ins Auge schauen und schuldfähig werden.

«Unter dem liebenden Auge Gottes kann ich mir selbst in die Augen sehen», sagte Paul Tournier. So entsteht Schuldfähigkeit, die nicht neurotische Selbstabwertung ist.

Als Königskind werde ich schuldfähig, aber als sich krankhaft minderwertig Fühlender ist Schuldfähigkeit nicht zu gewinnen. Da kann ich nur Schuld auf andere projizieren, andere anklagen, Eigenes verharmlosen und verdrängen.

Wer so sein unausweichliches Schuldigwerden annehmen kann, kann Projektionen zurücknehmen, gewinnt Geduld mit sich selbst und andern und noch vieles mehr.

Vergebungsfähigkeit

Vergebungsfähigkeit heisst Vergebung für mich suchen und annehmen, von Gott und Mitmenschen. Andern vergeben können, wie mir vergeben worden ist. Je mehr wir schuldfähig sind, desto eher werden wir auch vergebungsfähig. Beides hängt zusammen.

Vergebung ist etwas ganz anderes als ‘Schwamm drüber’, etwas völlig anderes, als Voltaire von Gott meinte: «Pardonner, c’est son métier.»

Gott sehnt sich nach uns. «Mensch, du kannst dich nach nichts so sehr sehnen, wie Gott sich nach dir sehnt», sagte Meister Eckehart. Gott sehnt sich danach wegzuschaffen, was zwischen ihm und uns steht. Vergebung ist die Gabe Gottes par excellence. Im Vergeben gibt Gott sich selbst. Um uns das zu beweisen, hat er Jesus hingegeben.

Zu den Ordnungen, die Gott seiner Schöpfung gestiftet hat, gehört der Tat-Folge-Zusammenhang: «Was der Mensch sät, das wird er ernten.» Unsere Taten haben Auswirkungen für uns selbst, die Folgen fallen auf uns selbst zurück, jetzt und in der Ewigkeit. Wo Gott vergibt, greift er in diesen Tat-Folge-Zusammenhang ein und hebt ihn teilweise schon jetzt auf. Das ist Gnade, wenn du nicht mehr alles ernten musst, was du gesät hast. Viele Folgen hebt er nicht schon in diesem Leben auf, aber die schlimmste immer: Die Störung unserer Beziehung zu ihm, zum Quell des Lebens.

Um diese Gottes Gabe par excellence, ja um diesen Neu-Schöpfungsakt durch Vergebung dürfen wir als Einzelne und als VBG-Gemeinschaft bitten: Vater im Himmel, vergib mir, vergib uns VBG unsere Schuld.

Und wir dürfen als Menschen einander die Erhörung dieser Bitte konkret werden lassen, wir dürfen einander hörbar zusprechen: Gott vergibt dir! Das ist ein Kraftwort, das ist konkretes Evangelium.

Schritte in die Praxis

Heute kennen wir Hilfen für Vergebungsprozesse. Auch die Psychologie hat gemerkt, wie wichtig innere Vergebung ist.

Ich nenne einige wenige Hilfen für den Prozess, den wir als Einzelne oder als VBG immer wieder vor uns haben. Dabei ist ganz wichtig, dass wir das nicht wie eine psychologische Methode abwickeln. Wir brauchen die Hilfe des Heiligen Geistes, aber auch eines Bruders oder einer Schwester!

 Bring deine Anklage möglichst genau auf den Punkt. Was wirfst du dem Andern, der Andern vor? Und klage das dann Gott vor einem Zeugen: Gott, ich klage den X, die Y an, dass er, dass sie …

Du darfst dir Zeit lassen, du musst nicht heute schon vergeben können. Aber vereinbare mit Gott: «Herr, ich verspreche dir, dass ich einen Weg gehe, an dessen Ende ich vergeben werde. Führe mich in diesem Prozess.»

Du darfst schrittweise vorgehen: Es genügt, wenn du vorerst sagst: «Gott, ich willige ein, dass DU dem Andern vergibst, wie ich DEINE Vergebung brauche.» Vielleicht kannst du mit der Zeit sogar bitten: «Gott, vergib ihm!»

 

Wenn andere an uns schuldig werden, spielt oft die Kränkung unseres Selbstwertgefühles eine Rolle, wir fühlen uns gedemütigt und beschämt. Darum gehört zur Vergebungsfähigkeit immer die Rückbesinnung auf die Quellen unseres Wertes.

Weder meine Leistungen noch mein Versagen bestimmen meinen wirklichen Selbstwert. Ich bin ein Königskind, mit Ehre und Hoheit gekrönt. Diese unverlierbare Würde, die ich in Gottes Augen habe, kann ich täglich in mich aufsaugen. Psychologen sagen: Um vergeben zu können, braucht es Ich-Stärke. Die Quelle unserer Ich-Stärke kann und soll die Würde sein, die Gott uns gibt.

Schuldfähigkeit und Vergebungsfähigkeit – nur als Königskinder!

 

1 Diese Aussage stammt von Hans Bürki, dem Gründer der VBG.

 

Zuerst erschienen in BST 4/2008

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