Polen – eine Reise zu Architekturlandschaften

von Anne-Lise Diserens | 15.11.2010

2. - 10. Oktober 2010

Warschau, die wieder erstandene Stadt

Die Hauptstadt Polens ist keine homogene Stadt und keine, die sich einem auf den ersten Blick erschliesst. Es ist eine Stadt, die nach dem 2. Weltkrieg wieder neu erstanden ist, nachdem sie durch die Deutschen fast komplett zerstört worden war.


Jacek, Künstler, Philosophie und Ethiklehrer, ein Freund von Andreas, führte uns auf sehr persönliche Art durch Warschau. Bei unserem Rundgang sahen wir in einem schwer zugänglichem Hof nahe des Stadtzentrums ein Stück der Ghettomauer, die eine 4 km2 grosse Fläche umschliesst. Sie wurde 1940 errichtet. Von den 375'000 Juden, die in Warschau lebten, einem Drittel der Bevölkerung, stieg die Zahl der Juden im Ghetto bis 1941 auf 460 000. Nach ihrem einmonatigen aussichtslosen Aufstand 1943, der noch von den übrig gebliebenen 60'000 Juden durchgeführt wurde, wurde das Ghetto von den Deutschen vollständig zerstört. 20'000 Juden konnten sich retten. Ein Jahr darauf fand der Aufstand der polnischen Untergrundarmee statt. Von den Alliierten und Stalin im Stich gelassen, hatten sie gegen die Deutsche Armee keine Chance. Nach zweimonatigem, verzweifeltem Widerstand mussten sie aufgeben. Eine eindrückliche Gedächtnisstätte weist darauf hin. Nach diesen misslungenen Aufständen wurde die restliche Stadt Haus für Haus von den Deutschen abgefackelt. Warschau verlor während des Krieges ca. 800’000 Einwohner, 90 % seiner Fläche lag in Ruinen.

Ghetto Mauer

 

In ganz Polen wurden in den Ghettos und in den Konzentrationslagern insgesamt 3 Millionen polnische Juden und dazu 1.5 Millionen Juden aus anderen Ländern getötet. Eine unvorstellbare Zahl. Heute leben noch ca. 12’000 Juden in Polen. In all den Städten, die wir besuchten, gab es Ghettos. Sie zeugen heute noch von diesen furchtbaren Geschehnissen, die uns ratlos und mit vielen Fragen zurücklassen.


In der kommunistischen Zeit musste Warschau sich aufrappeln. Die Altstadt wurde von 1949 – 1963 originalgetreu wiederaufgebaut und 1980 ins Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen. Die ehemals prachtvolle Königsstrasse wurde so gut es ging wieder hergestellt. Diese Rekonstruktionen sind wichtig für die Bewahrung des kulturellen Erbes der Stadt. Damit zeigten die Bewohner, dass sie sich trotz dieser vernichtenden Zerstörung nicht unterkriegen lassen.


Wir waren beeindruckt von der guten Architektur der Nachkriegsmoderne. Anders als in weiten Teilen der ehemaligen Sowjetunion, in denen gesichtlose Plattenbauten vorherrschend sind, tragen hier die Bauten persönliche Handschriften der Architekten. Vor allem waren wir angetan von den ausdrucksstarken Bauwerken aus Sichtbeton und den Wohnbauten aus den 50er Jahren, die den Stil der 30-er Jahre fortführten.

Wohnbau 50er-Jahre

 

Seit der Unabhängigkeit,1990 hat sich nun die Stadt weiter verändert, moderne Hochhäuser kamen zur Stadtsilhouette dazu, riesige Shopping Center werden gebaut, der Verkehr nimmt zu. Die Stadt passt sich auch seit 2004, dem Anschluss an die EU, immer mehr westeuropäischen Massstäben an.

Hochhäuser, Stadtsilhouette

Industriestädte:

Wir besichtigten drei ehemalige Industriestädte.

Lodz wurde stark durch die Textilindustrie geprägt und ist eine typische Stadtgründung des 19. Jahrhunderts mit seinen schachbrettartig angelegten Strassen und den Blockrandbauten. Heute sind einige der ehemaligen Industrieareale zu Museen, Läden, Wohnungen und Hotels umgebaut. Die Stadt zieht in dieser Umbruchsituation, in der es immer noch viele Industriebrachen gibt, viele Künstler an. Arthur ein Kollege von Andreas, der uns beim Gang durch die Stadt begleitete, ermöglichte durch seinen Charme, dass sich viele, sonst verschlossene Türen vor uns öffneten. So konnten wir eine zu Loft umgebaute Fabrik von Innen besichtigen.

Umbau von Industriebau zu Hotel

 

Katowice, die Hauptstadt Oberschlesiens, inmitten von Polens grösstem Industrierevier, im polnischen „Ruhrgebiet“ gelegen, besticht durch seine spektakuläre futuristisch anmutende Bahnhofarchitektur aus den 60-er Jahren und durch ein ganzes Quartier von eindrücklichen Bauten aus den 30-er Jahren. Auch die erst kürzlich in Sichtbackstein erbaute moderne Musikakademie beeindruckte uns. Zwei Kunsthistorikerinnen führten uns auch durch typische Wohnsiedlungen der 70-er Jahren mit Hochhäusern im Grünen. Die sorgfältige Gestaltung der Aussenräume, wie die guten Sanierungen der Hochbauten fielen uns sofort auf. Die Leute sind laut den Kunsthistorikerinnen besonders stolz darauf, darin wohnen zu können. Daneben steht, wie eine grosse Skulptur eine katholische Kirche, die heute noch sehr gut besucht wird. (Siehe das Kapitel über den Katholizismus.)

Wohnsiedlung 70er-Jahre

 

Weiter fuhren wir mit dem Bus nach Bytom, einem völlig heruntergekommenen Ort, nicht weit von Katowice entfernt. Dort besuchten wir das Architekturbüro Medusa. Anders als in Lodz müssen die Architekten noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um die Investoren von ihren originellen Umbauprojekten der stillgelegten Kohlenbergwerke zu überzeugen. Eine grosse Hoffnung auf den Aufbruch ist damit verbunden. Doch spürten wir in Bytom eine gewisse Trostlosigkeit, bedingt durch die Arbeitslosigkeit, die viele dieser ehemaligen Industriestädte belasten.

Katholizismus

Von den 38.6 Millionen Einwohnern Polens sind 90 % ethnische Polen, 90 % Katholiken und 80 % praktizierende Katholiken.

Schon in Warschau fiel uns auf, welche wichtige Bedeutung Johannes Paul ll. für das Land hat. Mitten auf dem grossen Stadtplatz hat er 1979 vor Tausenden seine erste Rede gehalten und dabei vielen Menschen Mut gemacht, dem atheistischen Regime zu trotzen. Ein hohes Kreuz mitten auf dem Platz zeugt heute davon. Insgesamt ein Viertel der Bevölkerung Polens sahen den Papst auf seiner ersten Polenreise. Er wurde zum Symbol des polnischen Widerstands, zumal er sich hinter Solidarnosc um Lech Walesa stellte.

Kreuz auf Platz

 

So kämpfte er auch gegen allen Widerstand für den Bau einer Kirche in Nowa Huta, einem neuen Stadtquartier, das wir in Krakau besuchten. Es wurde zur Zeit Stalins erstellt und besticht durch seine gute städtebauliche Qualität.

In Krakau, wo Johannes Paul ll. im Untergrund studierte, als Priester abschloss und später Bischof war, wird er noch heute stark verehrt. Zur Papstmesse 1987 erschienen 1.5 Millionen Menschen. Ein neuer Bau soll nun in Krakau ganz ihm gewidmet werden.

Kirche in Nowa Huta

 

Er war auch der erste Papst, der 2001 eine Synagoge in Rom und eine Moschee in Damaskus besuchte. Ebenso sprach der Papst 2000 ein „Mea Culpa“ für die Kirche wegen ihren Verfehlungen wie Glaubenskriege, Judenverfolgungen und Inquisition aus.

Dieser Papst strahlt auch etwas Positives auf mich Reformierte aus. Für die Morgenbesinnnungen wählte ich unter anderem Texte von ihm aus, in denen es um Hoffnung und Vergebung geht.

Obwohl sicher viel mehr Menschen die Kirchen besuchen als bei uns, darf es nicht darüber hinwegtäuschen, dass seit der Unabhängigkeit die Bedeutung der katholischen Kirche abnimmt. Das hat auch damit zu tun, dass die Kirche wieder mächtiger wird und die Autorität des Papstes in moralischen Dingen, wie die der Verhütung, in Frage gestellt wird.

Abschluss in Krakau

Am letzten Abend besuchten wir in der neuen Oper in Krakau das Ballet „Aschenputtel“ von Rossi, eine für Klein und Gross inszenierte Aufführung. Wir waren alle begeistert vom Witz und der Originalität der Choreographie. Danach schlenderten wir über den grössten mittelalterlichen Platz Europas, der zu jeder Tages- und Nachtzeit von unzähligen Touristen und Studenten besucht wird. Krakau ist mit seinen 250’00 Studierenden von 750'000 Einwohnern eine Studentenstadt! Selten habe ich einen Ort gesehen, der von so vielen jungen Menschen bevölkert ist.


Dank Andreas Widmer mit seinen Kenntnissen und Kontakten haben wir ausserordentlich viel von diesem kontrastreichen, vielfältigen Land gesehen. Da wir eine kleinere Gruppe von 12 Personen waren, war es möglich, uns auch spontan und flexibel zu bewegen.

Gruppenbild, Teilnehmende mit zwei polnischen Kunsthistorikerinnen

 

Von Silvia Beyer Meiler:

Nachdem ich meine 400 digitalen Fotos zuhause nochmals habe Revue passieren lassen habe ich doch ganz viele Bilder vermisst, die ich in meinem Kopf gespeichert, aber offensichtlich nicht fotografiert hatte. So viel haben wir erlebt in diesen 9 Tagen in Polen. So viele interessante, seltsame, elegante, ungewohnte, neue und alte Gebäude, Städte und Orte haben wir besucht. Dadurch, dass wir ein Dutzend Teilnehmende in der Gruppe waren, konnten wir vieles zusammen unternehmen, sind wir alle untereinander in Kontakt gekommen, das hat die Reise sehr persönlich gemacht. Den Kontakt zu Andreas' Freunden in Polen, die uns in ihre Städte mitgenommen haben, habe ich besonders geschätzt, sie waren unbezahlbar.

 

Print
  • ZurĂĽck zur Ergebnisliste
  • ZurĂĽck zu Ressourcen
  • Weitere Inhalte von Anne-Lise Diserens