Mitten in die Seele hinein

von Johannes Bartels |


Eine Buchzusammenfassung von Peter FlĂĽckiger


Das Enneagramm, eine Typologie von neun Persönlichkeitsprofilen, hat sich längst als Thema religiöser Erwachsenenbildung etabliert. Johannes Bartels skizziert die Geschichte des Ennegaramms, untersucht dessen theologischen Hintergrund und zeigt Möglichkeiten zur pädagogischen Vertiefung.
Bartels, Johannes. Mitten in die Seele hinein. Das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung. ISN 3825872823. Münster: LIT 2005. 315 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

 

Der evangelische Theologe Johannes Bartels kann als profunder Kenner des Enneagramms und vor allem seiner Geschichte bezeichnet werden. So hat er beim ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm in Deutschland (www.enneaforum.de) höchst interessante Texte zur Herkunft des Enneagramms veröffentlicht. Er hat über den Spanier Raimund Lull, den Deutschen Athanasius Kircher, den Russen Gerog Gurdjieff, den Südamerikaner Oscar Ichazo und über die amerikanischen Jesuiten um Patrick O’Leary geforscht und ihre unterschiedlichen Vorstufen undVerdienste zum heutigen Enneagramm aufbereitet, festgehalten und beurteilt.

Bartels beginnt mit einer Definition und der Herkunft des Enneagramms: es ist eine geometrische Figur mit neun Ecken, die sich aus einem regelmässsigen Dreieck, einem unregelmässigen Sechseck und einem Kreis zusammensetzt. Die möglichen Interpretationen sind sehr verschieden, sie gehen von Kosmologie, Charaktertypologie bis zu Entwicklungsprozessen. Nach seiner Auffassung, die ich teile, liegen seine Ursprünge trotz anderweitiger Behauptungen weiterhin im Dunkeln: als mögliche Entdecker und Entwickler kommen folgende Gruppierungen in Frage:

  • die Chaldäer („die Weisen aus dem Morgenland“),
  • die Griechen (im speziellen: Homer und Pythagoras),
  • die frĂĽhchristlichen WĂĽstenväter (im speziellen: Evagrius Ponticus, 345-399 n.Chr, der der BegrĂĽnder der acht HauptsĂĽnden ist, die die Ostkirche kanonisiert hatte. Die Westkirche anerkannte unter Cassianus und Gregor I nur  sieben TodsĂĽnden)
  • die Sufis (islamische Mystiker, in Samarkand, im 15. Jahrhundert).


Wahrscheinlich ist, dass alle obgenannten Gruppen intuitiv mit der Neunerfigur oder enneagrammähnlichen Vorläufern zu tun hatten. In moderner Zeit spielt Georg Iwanowitshc Gurdjieff, geboren 1866, eine wesentliche Vorläuferrolle. In Zentralasien hat er eine Lehre, die dem Enneagramm nahe kommt, aufgeschnappt und instinktiv, aber nicht systematisch, an seine Schülern weitergegeben. Einer seiner Weggefährten war Piotr Demianowitsch Ouspensky 1878-1947. Mehr zu Gurdjieff ist dem Buch von James Moore: Georg J. Gurdjieff – Magier, Mystiker, Menschenfänger zu entnehmen (oder heute findet man vieles unter: www.wikipedia.org).

Als eigentlicher Erfinder des heutigen Enneagramms kann Oscar Ichazo, geboren 1931 in Bolivien, bezeichnet werden. Er deutete die Figur ab 1952 in Richtung einer Charaktertypologie oder besser ausgedrückt als Persönlichkeitsmuster: jeder Mensch leide an einer Ego-Fixierung, an einem Mangel an essentieller Qualität. Dieser Mangel, diese Ego-Fixierung zeige sich in den neun Formen der Trägheit, Zorns, Stolzs, Lüge, Neids, Geizes, Angst, Völlerei und der Wollust.

Claudio Naranjo, auch er ein Südamerikaner und Schüler von Ichazo, trug diese neuen Ideen 1972 in die USA. Dort waren die Psychologin Helen Palmer und der Jesuit Robert Ochs erste begierige Schüler. Palmer begründete danach die mündliche Tradition in Berkeley, Ochs verbreitete das Enneagramm unter Jesuiten an der Loyola-Universität in Chicago.
1984 gaben Patrick O’Leary, Maria Beesing und Robert Nogosek ein erstes gut verständliches Buch heraus. Die Theorien der Triaden und Reaktionszentren (Instinkt/Leibmitte: Hier bin ich, nimm mich! Gefühlszentrum/Herz: Magst du mich? Denkzentrum/Kopf: Wie hängt das alles zusammen?) wurden erstmals schriftlich fixiert. Ein aussergewöhnlicher Literatur-Boom in der westlichen Welt begann, das Enneagramm emanzipierte sich von den Exertitien- und Einkehrhäuser und verlor zunehmend den Nimbus einer Geheimlehre. Das jesuitische Konzept war stark geprägt von der Erlösung durch Gott, von der Hilfe durch andere Menschen und von der Arbeit an sich selbst. Jesus Christus wird dadurch mehr zum Vorbild, zum Ideal, zum Imperativ, zur „Christusikone“ als zum bedingungslosen, sich ganz herablassenden Erlöser. Weitere bekannte Exponenten dieser Schule sind Metz/Burchill und Suzanne Zuercher.

Erstaunlich viel Raum nimmt danach die geschichtliche Person Raimund Lull ein, der 1232- 1316 auf Mallorca gelebt hatte. 1263 erlebte er eine Bekehrung durch Visionen des Gekreuzigten. Sein Ziel war die gewaltlose Bekehrung der Sarazenen. 1273 erhielt er die Eingebung der „Ars“, einem philosophischem System bestehend aus neuplatonischen, jüdischen (Kabala), christlichen (Augustin, Anselm, Richard von St. Viktor) und muslimischen (al-Gazali und Sufi-Mystik) Elementen. Dadurch versuchte er die göttliche Trinität rational zu durchdringen und sie für Moslems verständlich zu machen und sie damit zu überzeugen. Aus diesem Grund bereiste er auch Nordafrika und Vorderasien und lernte die arabische Sprachen. Diese Missionstätigkeit kostete ihm schlussendlich das Leben.
Die Figura A enthielt die absoluten Prinzipien, die Grundwürden Gottes: Gutheit, Grösse, Dauer, Macht, Weisheit, Wille, Tugend, Wahrheit und Herrlichkeit. Die Figura T dagegen zeigte die relativen Prinzipien, die der Menschen. Aehnliche Bestrebungen gab es bereits bei Platon, Dionysios Areopagita und bei Duns Scotus.
Andreas Ebert bezeichnet Lulls Figur T als Vor-Enneagramm, doch Bartels widerspricht ihm vehement. Er hält fest, dass das Enneagramm bis 1952 als Charaktertypologie unbekannt war. (Mehr zu Lull siehe Erhard Platzeck: Raimund Lull. Sein Leben – seine Werke.
DĂĽsseldorf 1962.)

Etwas kürzer fällt der Exkurs zum Deutschen Athanasius Kircher, 1602-80, aus. Mit sechzehn Jahren trat er zur Gesellschaft Jesu bei. Dort erhielt er viel Raum zu vielfältiger Forschung und wurde Universalgelehrter. So entwickelte er auch die Neunerfigur der „Enneade“.

Bartels versucht auch, den Zeitgeist zu fassen, indem er schreibt: „Wir sind wissenschaftlich und technologisch intelligent, aber traditionsarm und spirituell dunkel. Die Folge ist, dass eine grosse Suche nach spiritueller Tradition da ist. In diese Suche oder in dieses Vakuum stösst nun das Enneagramm. Denn es ist weder wissenschaftlicher noch historischer, sondern weisheitlicher Natur. Je komplexer und bestimmter es verstanden wird, desto kraftloser und unschärfer sei es.“

Sein Exkurs zu Helen Palmer, die eine gewichtige Exponentin des heutigen Enneagramms ist, macht daher viel Sinn. Sie wurde 1940 in New York geboren und wuchs als Pflegekind in einer christlichen Familie auf. Sie studierte Psychologie bis 1960 und hatte ab 1969 einen Lehrauftrag in San Francisco. Sie hatte schon früh „eine intuitive Begabung, sich traumartig in andere Menschen zu versetzen.“ 1973 lernte sie durch Claudio Naranjo an einem Esalen-Seminar das Enneagramm kennen. Ihre besonderen „panels“ sind die Podiuminterviews mit den entsprechenden Charakteren. Diese vermitteln die unterschiedlichen Aufmerksamkeitsstile, die Blickverengungen, das Ausblenden von Informationen und haben daher eine hohes Mass an Anschaulichkeit. Als Verfechterin der mündlichen Tradition hat sie erst 1988 ein Buch geschrieben: „The Enneagram. Understanding Yourself an the Others in Your Life”. Sie spricht darin von defizitärer Ur-Erfahrung des Menschen, was zu Verteidungsstrategie, Leidenschaft und Dilemma führe. Der Transformationsprozess geschehe durch Wahrnehmung der Defizite und bewege sich dann in Richtung Tugend. Die Lebensdeutung ist alltagnah. Es geht um wahrnehmungspsychologische Vertiefung und Gewohnheit (Aufmerksamkeitsstil). Palmer bearbeitet die Schnittstelle Psychologie/Theologie. Ihre Beschreibungen der neun Persönlichkeitsmustern darin sind stimmig, recht präzise umrissen und daher gekürzt wiedergegeben:

1: der Perfektionist

  • „Innerer Kritiker“ (Richter, Ueberwacher) wird begĂĽnstigt durch strenge Erziehung, hohe Erwartungen und korrektes Verhalten eines braven Kindes
  • Perfekt sein durch UnterdrĂĽckung negativer Impulse
  • Scheitern der Perfektion fĂĽhrt zu Groll, Zorn und Wutanfällen
  • Aufgabe (zur Integration und Reifung) heisst Entspannung: Negatives nicht stauen, sondern zulassen, heitere Gelassenheit erleben, geborgen sein in/trotz Mangel


2: der Geber

  • UnterdrĂĽckt eigene BedĂĽrfnisse und GefĂĽhle, erspĂĽrt und erfĂĽllt andere, um unentbehrlich zu sein und Gunst zu sichern, besonders bei den Eltern
  • Manipulative, bedingte Hilfsbereitschaft: will dafĂĽr Anerkennung, Dank und Kontrolle
  • Aufgabe: echte Demut statt verdeckten Stolz suchen und ausleben


3: der Leistungsmensch

  • Imponiert anderen Menschen durch Leistung, Effizienz und Erfolg: Ăśberaktivität und Rollenspiel
  • Will im jeweiligen Umfeld gut ankommen und wird zum „Chamäleon“
  • GefĂĽhle werden verleugnet und gespielt, funktioniert eher wie eine Maschine
  • Illusionäres Image, Eitelkeit und Selbsttäuschung
  • Aufgabe: Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit anstelle von LĂĽge suchen und ausleben


4: der (tragische) Romantiker

  • FrĂĽhe Erfahrung von Verlust und Schmerz; sich ausgeschlossen fĂĽhlen vom LebensglĂĽck fĂĽhrt zu Neid
  • Melancholisches Selbstmitleid bestehend aus Sehnsucht und Traum verstärkt die „Atmosphäre bittersĂĽssen Bedauerns“
  • Idealisierung des Fernen und Abwertung/Enttäuschung des Nahen; der Vergangenheit hinterher trauern und irreale Zukunftsträume haben
  • Aufgabe: in Gegenwart leben, in Ausgeglichenheit und Gleichmut kommen


5: der Beobachter

  • Erfahrung von Aufdringlichkeit und Eindringen in Privatsphäre
  • UnterdrĂĽckung von Instinkten und GefĂĽhlen, da sie Chaos und Gefahr bedeuten
  • RĂĽckzug, Kontaktreduktion und Distanz, um Privatraum zu schĂĽtzen
  • Intellekt und Innenraum als Kompensation kann zu geistiger Habgier fĂĽhren
  • Selbstgewählte Isolation wird zum Zwang (Zwanghaftigkeit) und Gefängnis
  • Aufgabe: BedĂĽrfnisse wahrnehmen, kennen, leben und loslassen (Nichtanhaften)


6: der loyale Skeptiker

  • Angst als fixe Idee (und umfassendes Muster), auch in Familie, fĂĽhrt zu (unaufhörlicher) Stimmungswahrnehmung und zwanghaftem Misstrauen
  • Verhältnis zu Autoritäten ist daher ambivalent
  • Aufgabe: Vertrauen und Mut lernen und ausleben


7: der Epikureer

  • Möglichkeiten finden zum vollkommenen Genuss zwecks Ablenkung von tiefem Schmerz; aufregende Erfahrungen als Flucht: Leben wird arrangiert und geplant
  • Unersättlichkeit und Völlerei im Sinnlichen, Geistigen (und Geistlichen!)
  • Aufgabe: NĂĽchternheit im Alltag und Schmerz nicht ausweichen und aushalten


8: der Boss

  • Erleben von Ungerechtigkeit und Machtkampf
  • Auf direktem Weg zum Ziel kommen durch begehren, leugnen, ignorieren, ĂĽberrumpeln und verletzen
  • SchĂĽtzt Opfer und Schwache, vollstreckt Gerechtigkeit, behauptet sich selbst, ist ein EnergiebĂĽndel
  • Versucht durch Konflikt Intimität zu erreichen
  • Aufgabe: Unschuld durch Offenheit und Nichtvorgefasstheit lernen


9: der Vermittler

  • Versucht schwierige BedĂĽrfnisse zu vergessen oder wenig zu beachten
  • Beharrlich in Nebensächlichem, um Wichtigem nicht nachgehen zu mĂĽssen
  • Trägheit bedeutet tiefsitzende GleichgĂĽltigkeit, sich nicht festlegen und natĂĽrlich Ambivalenz
  • vermitteln, Frieden stiften, verschmelzen und Harmonie verströmen
  • Aufgabe: eigene BedĂĽrfnisse priorisieren und tatkräftig handeln lernen


Zu Recht rezipiert Bartels Richard Rohr und Andreas Ebert. Ihr Werk „Das Enneagramm“, das 1989 erstmals in Deutsch erschienen ist, gilt heute als Klassiker und Standardwerk. Es hat inzwischen 35 Auflagen erlebt und über 300'000 Stück wurden davon verkauft und ist als Sachbuch ein Erfolgsschlager geworden!


Zu den Personen und der Geschichte: Der US-Amerikaner Richard Rohr wurde 1943 geboren. Als junger Mann wurde er Franziskaner, Jugendpastor und Gründer einer Kommunität in Cincinnatti „Center for Action and Contemplation“. Der Jesuit Jim O’Brien erklärte ihm 1972 das Enneagramm, jedoch mit Schweigegebot. Ab 1984 hielt er trotzdem Vorträge darüber, weil nun Publikationen auf dem Markt erschienen waren.
Der Deutsche Andreas Ebert, geboren 1952, evangelischer Pfarrer, besuchte Rohr mehrmals in den USA. Er übersetzte Rohr ins Deutsche, adaptierte das Enneagramm für den deutschen Sprach- und Kulturraum und gründete den ökumenischen Arbeitskreis Enneagramm (ÖAE) 1989. Bereits 1991 erschien ein Nachfolgewerk: „Erfahrungen mit dem Enneagramm“. 1995 kam eine überarbeitete, verbesserte und ergänzte Auflage des Erstlingswerk heraus. Was zeichnet dieses grundlegende Werk „Das Enneagramm“ aus? Bartels verweist vor allem auf die theologischen Interpretationen. Rohr und Ebert vertreten eine Spiritualität der Subtraktion, des Loslassens: Es geht bei ihnen nicht um Selbsthilfe, Verbesserung und Bewusstseinssteigerung des Menschen, sondern um eine Reise des Abstiegs oder um eine „Nacht der Sinne oder Seele“, wie die Mystiker sagten. Das Enneagramm wurde von ihnen „getauft“, das heisst gründlich „christianisiert“ und in einen Kontext der Gnade überführt.
Es geht bei ihnen primär um einen Gott, der der grosse Liebhaber der Menschen ist. Die daraus folgende Selbstbeobachtung kann helfen, die eigene natürliche Gabenfixierung als Egoismus zu entlarven, Sünde radikal als Wurzelsünde, nämlich als subjektive Verabsolutierung eines Werts zu sehen und nicht nur als moralischer Fehltritt. Eine solche Anwendung dieses „Beichtspiegels“ wird zu einem spirituellen Geschehen.

In den „Theologischen Gesprächsfiguren“ im Teil 3 ab Seite 210 entfaltet Bartels aus christlicher Sicht verschiedene Motive und Themen, die für den Gebrauch des Enneagramms relevant sind. Er beginnt mit dem „Sündenmotiv“ und schreibt dazu: „ In den Podiumsinterviews wird also eine kritische Selbstbeobachtung kultiviert... spirituelles Anliegen der Selbstfindung ist nicht frei von den Einflüssen des sündigen Egos... ein radikales Sündenverständnis durch moderne psychologische Sensibilisierung passt zum Sündenbegriff der Reformation.“

Ab Seite 219: Das „Gnadenmotiv“ erachtet er zu Recht als wichtig für Muster 1. Nicht umsonst hat Luther um einen „gnädigen Gott“ gebetet und gerungen. (Schuldorientierung und Leugnung von Schuld hat die deutsche Kultur geprägt bis in die Gegenwart.)

Ab Seite 228: Das „Gottesmotiv“. „Gott ist. Gott ist nahe und gegenwärtig. Gottes Geist, Kraft, Wirkmacht reicht hinein in jedes Ding und Wesen der Schöpfung, reicht hinein auch in den Menschen, bis in das Innerste des Menschen.“ Meister Eckharts Mystik nach Jürgen Linnewedel 1983. Hier erläutert Bartels die mystische Tradition, die jedoch in Gefahr läuft, die Seele als überpersönliche Grösse zu verstehen. Der Gottesbegriff wird dann unscharf und oszilliert zwischen Gott, dem Seinsgrund und der Seele. Mystik hat deshalb Grenzen, weil Gott und Seele in Bartels Verständnis nicht identisch sind.

Ab Seite 234: Das „Kontemplationsmotiv“ sieht er im Zusammenhang von Selbst- und Gotteserfahrung, Introspektion und Transzendenzerfahrung gehören eng zusammen. Wahrnehmungsgewohnheiten sind oft spirituelle Barrieren. Der Mensch muss Eingrenzungen seines Bewusstseins sprengen, dann werden wirkliche Zusammenhänge erfahrbar, nämlich Ruhen und Sein in Gott. (Meine Frage dazu ist, ob der Mensch in der Lage ist oder ob es nicht eher ein Geschenk Gottes ist!) Josef Sudbrack, ein Jesuit hat in seinem Werk „Was heisst christlich meditieren?“ (Mainz 1996) treffend vermerkt: „Je tiefer du in dein Selbst hineinsteigst, desto mehr wirst du gewahr, dass Gott allein es ist, der dich erfüllen und dir Verzeihung und Liebe schenken kann“

Ab Seite 241: Das „Transformationsmotiv“ geht von der Selbstverhaftung in Schritten zum befreiten Leben. Selbstwerdung heisst nicht Selbstverwirklichung, sondern leer werden für Gott „vacare Deo“.

Im letzten, im vierten Teil ab Seite 267 kommt die Synthese mit Ansätzen zur Vertiefung. Zusammenfassend werden nochmals die wichtigsten Definitionen und Sichtweisen des Enneagramms dargelegt:
Gurdjieff: Das Enneagramm ist universales Symbol, Wissen oder Gesetz
Rohr: Das Enneagramm ist einfach und schön wie die Wahrheit
Ebert, W. Trillhaas (Internationale Enneagramm-Gesellschaft): Das Enneagramm ist heuristisch zu gebrauchen als Suchhilfe und Wegweiser.
Bartels: Das Enneagramm soll als offenes System gesehen werden und darf nicht gesetzlich und zwanghaft angewendet werden. Triaden, Flügel und Pfeile dürfen deshalb nicht zu stark gewichtet werden, sonst entsteht ein Systemzwang. Gesetzmässigkeiten können überschätzt werden und machen verkrampft, humorlos und unfrei. Er verweist auf das Buch von Bernhard
Grom: Wer bin ich? Reichweite und Grenzen von Charaktertypen in Psychologie und Esoterik. Köln 2000.

Bartels unterstützt auch die Sicht von Henning Luther, der das Leben als Fragment versteht. Dann heisst Reife auch, die eigene Gebrochenheit und Endlichkeit annehmen statt Ganzheit und Selbsterlösung suchen. Ganzheit, eine volle Identität ist nur bei Verzicht auf Trauer, Hoffnung und Liebe möglich! Wie Gott sein wollen, das ist die Sünde! Das Kreuz zeigt uns Jesus gerade als gebrochenen Menschen!
Als evangelischer Theologe weist Bartels auch darauf hin, dass Sünde „Sund“, Tod und grundsätzliche Trennung von Gott bedeutet. Es geht um mehr als Barrieren, Blockaden, Dilemma, dunkle Seiten, Einseitigkeiten, Fallen, Fehlhaltungen, Hindernisse, Lieblingslaster und Zwänge, wie sie im Enneagramm beschrieben werden. Es geht um die Stellung des Menschen vor Gott und um grundsätzlichen Unglauben, Gott nicht zu vertrauen. Das ist die eigentliche „Todsünde“.
Bartels plädiert daher für eine Vertiefung des Sündenbekenntnisses: „Ich habe nicht nur eine dunkle Seite, sondern ich bin als Person, Natur und Wesen ein Sünder“. „Superbia“ ist die sündige Selbstüberschätzung, gerade auch in Form sittlicher Leistungen, und führt zu Selbstgerechtigkeit, spirituellem Hochmut und elitärem Selbstbewusstsein. Der Mensch ist verkrümmt in sich selbst, das war schon Martin Luthers Erkenntnis. Sündenerkenntnis mit Gotteserkenntnis macht uns lebendig. So ist eine Gemeinschaft der Verwundbarkeit, ein Anteilgeben an eigenen Schwächen möglich (nach Ulrich Bach und Samuel Jakob), eine Gefährtenschaft der Nackten kann beginnen (Henning Luther) und ein kommunikativer Suchprozess wird eingeleitet (Ch. Meier). Dem ist nicht viel anzufügen!

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