"Ihr werdet meine Zeugen sein ..."

von Philipp Aebi | 15.11.2008

Als man Christen fragte, wie sie zum Glauben an Jesus Christus und zu einer Kirchgemeinde fanden, antworteten bei einer Umfrage unter 14'000 Angehörigen christlicher Gemeinden fast 90 Prozent, dass weder eine persönliche Notlage noch eine Grossevangelisation oder kirchliche Angebote entscheidend waren, sondern das schlichte zeugnishafte Leben von Freunden und Verwandten und die Pflege der Beziehungen mit ihnen.

Es kann offensichtlich nicht nur darum gehen, dass wir punktuelle Veranstaltungen wie etwa evangelistische Anlässe organisieren. Vielmehr sind die Christen letztlich Gottes Veranstaltung in der Welt. Öffentliche Aktionen, bei denen die Verkündigung des Evangeliums (gute Nachricht) im Vordergrund steht, sind zwar zweifelsfrei wertvoll, wenn sie als Ergänzung zur Beziehungspflege eingesetzt werden. Sie können aber niemals echte Beziehungen und Freundschaften mit (Noch-)Nichtchristen ersetzen. Nicht Ersatz, sondern Ergänzung ist der Schlüssel, um Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Die Duftnote des Evangeliums soll in unserer ganzen Lebensführung ein ‘angenehmer Wohlgeruch’ und für andere ansteckend sein!

Zudem zeigt die eingangs erwähnte Umfrage, dass sich die Verbreitung und Verkündigung der guten Nachricht von Jesus Christus, in welcher Weise auch immer sie erfolgt, nicht einfach delegieren lässt, z.B. an besonders ‘Evangelisationsbegabte’. Wer in die Nachfolge Jesu tritt, dem wird – neben spezifischen Gaben und Aufgaben – immer auch die Universalrolle anvertraut, andere Menschen zu Jesus Christus zu führen, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet.

Aber wie kann das konkret geschehen? Welche Evangelisationsformen gibt es? Fünf zeugnishafte Stossrichtungen seien im Folgenden kurz erläutert.

1. Geh-hin-Evangelisation

Das Verb ‘gehen’ kommt in der Bibel unglaublich oft vor (über 2000 Mal in der Luther-Bibel, davon weit über 100 Mal allein im Matthäus-Evangelium). Jesus gibt seinen Jüngern immer wieder die Anweisung zu gehen (z.B. «Gehet hin und macht alle Völker zu Jüngern …» Mt 28,19). Das Evangelium hat ‘Geh-Struktur’, es will unterwegs sein zum Nächsten.

Das Grundmotiv muss sein: Die frohe Botschaft von Jesus Christus ist zu wichtig und zu gut, als dass wir sie anderen verschweigen dürften. Haben wir einmal begriffen, welch eine froh machende Botschaft das Evangelium ist, werden wir sie nicht mehr für uns behalten können. Wenn wir in der Wüste unterwegs wären und endlich eine Oase entdeckt hätten, dann wäre es extrem unfair und egozentrisch, die Verdurstenden um uns herum nicht auf die Quelle hinzuweisen, an der sie ihren Durst löschen können. Oder, um es mit einem abgewandelten Lutherwort auszudrücken: Evangelisation ist, wenn ein Bettler dem anderen sagt, wo es etwas zu trinken gibt. Die Leitidee der Evangelisation ist also nicht einfach nur Gehorsam gegenüber dem Auftrag von Jesus und blosses Pflichtbewusstsein. Vielmehr ist die frohe Botschaft von Jesus Christus ganz einfach zu wichtig und zu gut, als dass wir sie unseren Mitmenschen verschweigen dürften.

2. Dialogische Evangelisation

Hingehen zum Nächsten bedeutet aber nicht, ihm den eigenen Glauben überzustülpen. Glaube kann nie erzwungen werden, sondern entsteht im Herzen eines Menschen auf Grund einer freien Entscheidung.

Indem wir unser Gegenüber ernst nehmen, ihm zuhören und an seinem Leben Anteil nehmen, aber auch hilfreiche Fragen stellen und Lösungswege kommunizieren (wie Jesus z.B. gegenüber dem reichen Jüngling), zeigen wir unserem Nächsten Liebe. Wer das Gegenüber im Evangelisationseifer mit Argumentationssalven eindeckt und es damit gewissermassen ‘meuchlings zu erbibeln versucht’, läuft dagegen Gefahr, dass sich die Person dem Evangelium gegenüber verschliesst. Niemand will schliesslich als blosses Evangelisationsobjekt betrachtet und behandelt werden.

3. Monastische Evangelisation

Über das Gemeinschaftsleben der ersten Christen, welche «beständig in der Lehre der Apostel, in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und in den (gemeinsamen) Gebeten blieben», berichtet der Apostel Lukas, dass sie «Gunst beim ganzen Volke besassen und täglich Menschen hinzugefügt wurden, welche errettet wurden» (Apg 2,42-47). Wir könnten in diesem Zusammenhang von monastischer Evangelisation reden. Gemeinschaftsformen wie Klöster, Kommunitäten, aber auch Studierenden-WGs, verbindliche Kleingruppen usw. können eine ‘magnetische’ Kraft ausüben. Eine von Gottes Liebe durchdrungene Gemeinschaft, die bereit ist, Gäste einzuladen, zieht Suchende an und kann sie in den ‘Duftbereich’ des Evangeliums hineinnehmen.

Für die VBG könnten die Kurs- und Ferienzentren Campo Rasa und Casa Moscia, aber auch Bibelgruppen für Schüler/Schülerinnen und Studierende solche Oasen im Alltag sein, welche ‘Gunst beim Volk’ erlangen, wo Menschen ‘gluschtig machende’ christliche Gemeinschaft erleben können.

4. Die zu Evangelisierenden evangelisieren sich selber

Der emeritierte Theologieprofessor Walter Hollenweger prägte in einer Univorlesung den Satz: «Die zu Evangelisierenden evangelisieren sich selber»1. Damit nahm er Bezug auf eine Reihe moderner Theater- und Musikwerke mit biblischem Inhalt, welche er geschrieben hatte. Das Besondere an diesen Werken ist, dass ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen mitwirken - auch Kirchenferne, die sich mit der biblischen Botschaft auseinandersetzen. Durch diesen intensiven Kontakt mit christlichen Texten kann eine Hinwendung zum Glauben erfolgen.

Hollenweger fordert heraus, Noch-nicht-Christen in christliche Projekte einzubeziehen, ihnen Verantwortung zu übergeben, damit sie ganz selbstverständlich Verkündigung an sich selber ausüben.

5. Dienende Evangelisation

Wer von Gottes Liebe berührt ist, drängt es, diese Liebe weiterzugeben. Wir leben in einer Welt, in der man nichts geschenkt bekommt, sondern sich alles selber verdienen muss, und in welcher bedingungslose Liebe Mangelware ist. Gott dagegen will, dass jeder Mensch seine überwältigende Liebe begreift. Darum sind wir aufgerufen, dieser Welt mit seiner Liebe zu dienen. «Wer unter euch gross sein will, der sei euer Diener», hält Jesus fest (Mt 20,16), und fordert zum ‘Dienst des Füsse Waschens’ heraus. Einmal stand ich mit dem Einkaufswagen vor der Migroskasse. Die Frau vor mir bemerkte erst, als sie zahlen wollte, dass sie ihr Portemonnaie zu Hause vergessen hatte. Ich bot spontan an, ihr das Geld vorzuschiessen. Die Frau musterte mich ungläubig und willigte schliesslich ein. Da ich nicht in Eile war, anerbot ich der Frau, ihre beiden Taschen nach Hause zu tragen. Nach etwa zehn Minuten Fussmarsch dort angelangt holte die Frau das nötige Geld und überreichte es mir mit der Frage: «Sie sind sicher ein Christ, oder?»

Dienende Evangelisation braucht keinen Spezialisten. Wir alle sind gefragt, kleine Dinge mit grosser Liebe zu tun! Das ist das Motto der dienenden Evangelisation.

 

1 Zitat aus einer Vorlesung von Walter Hollenweger an der Theol. Fakultät der Uni Bern zum Thema ‘Evangelisation in der Landeskirche’ (1993).

 

Zuerst erschienen in 4/2008

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