Gewissensprägung und Glaubensvermittlung

von Hannes Wiher | 01.09.2009

Im Interview erklärt der Missiologe Hannes Wiher, warum alle Nachfolger Christi Missionare sind – und wie sie ihren Auftrag besser erfüllen können. Zudem rät er, bei der Verbreitung des Evangeliums zwischen scham- und schuldorientierter Kulturen zu unterscheiden.

Hannes Wiher, du sprachst von der VBG als einer «missionarischer Organisation». Was verstehst du darunter?
Dr. Hannes Wiher: Wenn wir die Bibel lesen, sehen wir, dass Gott ein missionarischer Gott ist. Er hat Missionare ausgesandt, zuerst Propheten, dann Jesus. Jesus hat Apostel ausgesandt und sagte: «Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.» Wer immer sich als Jünger von Jesus bezeichnet, ist von Jesus auch als Missionar gesandt. Wenn Mitarbeitende der VBG sich als Jünger von Jesus verstehen, sind sie somit auch Missionare und die VBG eine missionarische Organisation.
 
Sich als Missionar verstehen – ist das nicht eine Überforderung für viele?
Diese Frage setzt bei einem stereotypen Bild des Missionars an und setzt Evangelist und Missionar gleich. Wenn Gott jemanden sendet, kann es irgendeine Sendung sein. Es gibt spezielle und allgemeine Berufungen. Die allgemeine Berufung ist, Zeuge dessen zu sein, was wir mit Gott und Jesus erleben. Dazu ist jeder berufen, der sich als Jünger Jesu sieht. Aber es gibt auch bestimmte Begabungen. Die einen können gut zuhören, die andern gut dienen, andere gut verkündigen. Die einen sind Evangelisten, andere Seelsorger, andere Lehrer. Es gibt verschiedene Begabungen, aber alle stehen unter der Sendung Jesu.
 
Welche Rolle spielen Weltanschauung und Kultur bei der Glaubensvermittlung?
Gott hat mit den Menschen immer in der jeweiligen Kultur gesprochen. Zum Beispiel mit Abraham, der in einer animistischen Kultur lebte. Gott kommuniziert nie in einem kulturfreien Raum, sondern spricht in die Kultur hinein, damit ihn die Menschen verstehen können. Kulturen sind aber sehr vielfältig und erfordern normalerweise umfangreiche Studien, um sie zu verstehen. Wenn wir aber den Kern einer Kultur verstehen, können wir bereits viele Verhaltens- und Denkweisen beschreiben.
 
Du sprachst von schamorientierten und schuldorientierten Kulturen. Kannst du das kurz erklären?
Für mich ist die Gewissensorientierung eine Operationalisierung der Weltanschauung. Es gibt zwar Tausende von Definitionen von Kultur und Weltanschauung, wenn wir aber die Gewissensorientierung betrachten, kommen wir schnell zu ganz praktischen Ergebnissen: Wir können die Realität so vereinfachen, dass wir sie erfassen und uns daran orientieren können. Wenn wir die Gewissensorientierung betrachten, sehen wir, dass diese im frühen Kindesalter und vom kulturellen Umfeld geprägt wird. Je nach Umfeld entwickelt sich das Gewissen in Richtung «Scham» oder «Schuld».
 
Wie sieht das konkret in der Schweiz aus?
Traditionell sind die Schweizer mehrheitlich mit einem schuldorientierten Gewissen versehen. Die Gesellschaft hat traditionell mit Regeln funktioniert, die auch eingehalten wurden. Seit viele Regeln aufgelöst worden sind, hat sich unser Verhalten zur Beziehungsorientierung hin verschoben und wurde damit stärker «schamorientiert». Je nach Erziehung gibt es aber alle möglichen Varianten zwischen den beiden Gewissensorientierungen. Die Gesellschaft ist auch in dieser Hinsicht sehr heterogen geworden.
 
Wie stellen wir das fest?
Man kann das Profil von Menschen zum Beispiel durch einen Testbogen ermitteln. Wir können auch beobachten, wie sie sich in verschiedenen Situationen verhalten. Was tut zum Beispiel ein Autofahrer, wenn er nachts um zwei Uhr an ein Rotlicht fährt und weit und breit ist weder ein Auto noch ein Polizist sichtbar? Wenn er anhält, zeigt er, dass ihm Regeln wichtig sind. Er ist somit schuldorientiert. Wenn er durchfährt und feststellt, dass er vielleicht beobachtet wird, zeigt er, dass er eher ein schamorientiertes Gewissen hat.
 
Welche Vorteile kann eine christliche Organisation aus diesen Erkenntnissen ziehen?
Wer die Gewissensorientierung der Zielgruppe kennt, hat eine gute Grundlage, die Menschen so anzusprechen, dass sie positiv auf das Evangelium reagieren. Es ist noch sehr neu, diese Erkenntnisse auf die Kommunikation des Evangeliums anzuwenden. Wenn wir aber die Tiefenschichten einer Person kennen, können wir viel besser mit ihr kommunizieren. Jesus oder auch Paulus haben es intuitiv getan, ohne das Modell explizit zu kennen. Jesus hat zum Beispiel Nikodemus mit seiner Aussage «Du musst von neuem geboren werden» klar und direkt auf sein Defizit angesprochen und ihn somit als Vertreter der «schuldorientierten» Pharisäer ernst genommen. Mit der Samariterin am Jakobsbrunnen hat er ganz anders kommuniziert. Er baute zuerst in einem längeren Gespräch eine Beziehung auf, bevor er sie beim entscheidenden Punkt ansprach. Sie war eindeutig eine schamorientierte Person.
 
Welche Konsequenzen mĂĽssten bei der Evangelisation in der Schweiz aus deinen Erkenntnissen gezogen werden?
Noch vor 30 Jahren hielten alle Radfahrer in Bern vor dem Rotlicht an. Heute beachten es 80% nicht mehr. Wir sehen also, dass sich die Schweizer Gesellschaft von einer schuldorientierten hin zu einer schamorientierten Gewissensentwicklung bewegt hat. Wir müssen das Evangelium so erzählen, dass es für die Schamorientierten attraktiv ist. Also Beziehungen aufbauen, Freundschaften pflegen und sich so das «Recht» erwerben, auch über intime persönliche Dinge zu reden. Wir vermitteln die Botschaft zeugnishaft mit eigenen Erlebnissen und den Erfahrungen anderer. Wir wenden indirekte Kommunikation an: Musik, Theater, Kunst, Tanz und Drama. Diese Elemente werden heute schon in den schamorientierten Kulturen von Asien und Afrika stark genutzt. Dort wird die Verkündigung ja auch stark mit Heilungen verbunden.
 
Was heisst das fĂĽr die Schweiz?
Je mehr Menschen mehrheitlich schamorientiert sind, desto weniger stellen sie die Frage nach der Wahrheit und umso mehr fragen sie nach überzeugenden Auswirkungen des Evangeliums. Wer ist der mächtigere Gott, der mich bei Krankheit heilt oder mir einen Job gibt, wenn ich arbeitslos bin? Erfolg, Karriere sind die Fragen von schamorientierten Leuten.
 
Kannst du einige Hinweise zur Anwendung dieser Erkenntnisse in der VBG geben?
Die Tradition der VBG liegt in der Auseinandersetzung in Sachthemen und in der Apologetik. Sie muss vermehrt auch darĂĽber nachdenken, wie Beziehungen entwickelt und aufgebaut werden. Dazu sind Angebote in indirekter Kommunikation wie z.B. in Kunst, Theater, Film und Musik zu gestalten. Sachorientierte Themen mĂĽssen indirekt angesprochen werden.
 
Soll die VBG die Apologetik und die sachorientierte Auseinandersetzung reduzieren?
Nein, das wird ein aktueller wichtiger Bereich bleiben, denn die Schweiz ist nicht eine rein schamorientierte Gesellschaft. Viele sind nach wie vor vorwiegend schuldorientiert. In einer gemischten Gesellschaft sind beide Ansätze wichtig. Das ist aus der Sicht der Bibel auch erwünscht und wichtig. Der schuldorientierte Ansatz ist zu fördern, damit er auf einem hohen Kompetenzniveau erhalten bleibt.
 
Zuerst erschienen in BST 3/2009

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