Esoterik

von Guido Kreppold |

Das naturwissenschaftliche Weltbid weiss auf die Ängste der Menschen keine Antwort. Auch die Kirche mit ihrer oft unverständlichen Morallehre bietet nur noch wenigen eine emotionale Heimat. Diese Heimat finden heute viele bei der Esoterik. Guido Kreppold geht diesem Phänomen nach und entdeckt in den typischen Themen der Esoterik eine vergessene Seite des Christentums.
Kreppold, Guido. Esoterik; Die vergessene Herausforderung. ISBN 3878686293. MĂĽnsterschwarzach: Vier TĂĽrme 2007. 128 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

1. Esoterik: Eine Niederlage für die Aufklärung

Die neue Walpurgisnacht

„Ihr seid noch immer da! Nein, das ist unerhört! Verschwindet doch! Wir haben ja aufgeklärt! Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. Wir sind so klug! Und dennoch spukt`s in Tegel.“ Goethe, Faust I


Dasselbe könnten alle, die dem aufgeklärten Weltbild verpflichtet sind, sagen, wenn sie die esoterische Szene betrachten. Es sind nicht nur einzelne Sünden gegen die Dogmen der Wissenschaft und der intellektuellen Redlichkeit. Es ist, als ob Walpurgisnacht wäre.


Die Faszination des Geheimnisvollen

Der Begriff „Esoterik“ erweckt bei den Interessierten das Gefühl von etwas Geheimnisvollem, von etwas, das einen der Langeweile und Öde des Alltags entreisst.

Wegen der Fülle der Angebote auf dem Gebiet der Selbsterfahrung, Therapie und Lebenshilfe, ist es schwierig eine Definition von Esoterik zu finden. Sie fällt je verschieden aus, wenn man auf der Seite des streng rationalen Weltbildes steht, oder selber zur Esoterik tendiert.

Vom Wort „eso“ - innen her definiert, kann man sagen, dass es sich hier um Sonderwissen handelt, das durch höhere Erkenntnis, Intuition, Meditation gewonnen wird, aber den Kriterien der Rationalität (exo) nicht standhält.

Esoterik muss erlebt und gelebt werden. Erst dem Übenden wird durch Prüfungen, Riten, Lebensweisen, im rechten Handeln der Gehalt des esoterischen Systems erfahrbar und verstehbar. So geht es nicht so sehr um Lehrinhalte, sondern um eine Innenerfahrung des Daseins, um Zugang zu den Geheimnissen des Lebens. In der Esoterik sucht man weniger eine Lehre, eher Antworten auf Lebensfragen. Esoterik kann man daher nur verstehen, wenn man selber beteiligt ist. Vieles von dem, was sich heute in esoterischer Literatur findet, könnte man als „Gnosis“ bezeichnen: Die eigene Erfahrung ist alles. (Die von der Kirche bekämpften Gnostiker stellten ihre eigene Erfahrung über die Heilige Schrift.)


Die Religion der Intellektuellen

Untersuchungen eines Soziologen zeigen: Mit dem Grad der Schulbildung wächst das Interesse für Psychomarkt und Esoterik.

Während man wegen der intellektuellen Redlichkeit - wie man glaubt - die Bibel zu entmythologisieren versucht und sie von Wundern, Engeln und Teufeln reinigt, sitzen die „aufgeklärten“ Leute aus akademischen Berufen - für die man es eigentlich tut - beim Tischrücken zusammen, und befragen das I-Ging. Dabei fällt das Urteil über die esoterischen Praktiken gemäss wissenschaftlicher Kriterien durchaus negativ aus. Das bedeutet: Es ist so gut wie nichts zu halten von Heilmethoden archaischer Kulturen, von Tarot, Astrologie Reiki etc. Noch weniger von den Zukunftsprognosen oder von den Künsten der Magier, die vorgeben, durch bestimmte Riten das Schicksal beeinflussen zu können. Nach den Massstäben der empirischen Wissenschaften, die einen exakten Wirkungsnachweis einfordern, ist der ganze esoterische Aufwand somit nichts als Fiktion.

Aber mit begründeten Argumenten und Aufklärung ist hier nichts zu bewirken. Hilfreicher ist die Unterscheidung zwischen den Inhalten und der psychischen Dynamik der esoterischen Bewegung.

Wer nun alle Entwürfe für Lebenshilfe, die nicht in den aufgeklärten Rahmen der modernen Wissenschaft und der herkömmlichen Theologie passen für nichts als Aberglaube hält, entzieht sich der Mühe der ernsthaften Auseinandersetzung. Er muss dann aber damit rechnen, jeglichen Einfluss auf Esoteriker zu verlieren.

Es muss die Frage erlaubt sein: Was ist los mit unserem Bildungssystem, wenn sich Menschen nach 20 Jahren der Schulung im kritischen Den Denken einer völlig irrationalen Bewegung ausliefern? Welche Grundbedürfnisse, Sehnsüchte und Werte wurde bisher übergangen.

Mit der höheren Bildung wird auch höhere existentielle Unsicherheit erworben. Das erwachte eigene Denken stellt Kirche, Tradition und Autoritäten in Frage. Damit schwinden moralische Gewissheiten - z.B. Glaubenssysteme, die zwar einschränken, aber auch Halt und Richtung geben. In den Seelen entsteht eine Leerstelle, die mit Nicht-Rationalem gefüllt wird. Der heutige Schüler muss immer mehr Dinge lernen, die mit ihm in keinem Zusammenhang stehen. Die Beschränkung der Bildungskultur auf Willen und logisches Denken lässt das Leben veröden und nimmt ihm den tragenden Sinn. Mit Recht darf man von einer Verengung des Bewusstseins reden, wenn Intuition, Inspiration, Gefühle, Ergriffensein vom Transzendenten unbekannt sind.


Die fremden Mächte

In den 68er Jahre schob man die Schuld am eigenen Unglück den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen zu. Heute spricht man in der Esoterik-Szene von kosmischen Kräften, von guten und bösen Geistern, Engeln und Dämonen. Hier geht eine streng wissenschaftliche Sicht, welche aussersinnliche Mächte in das Reich der Fantasie verweisen, am eigentlichen Problem vorbei. Es steht vielmehr die Tatsache im Mittelpunkt, dass sich der moderne Mensch im Grunde seiner Existenz Verunsicherungen ausgesetzt fühlt, die ihm die Wissenschaft nicht abnehmen kann. Selbst wenn die Bedrohung reine Einbildung ist, kann sie eine gewaltige Wirkung auslösen. Doch, noch so logische Argumente können einen krankhaften Zustand der Seele nicht verändern. Auch hier muss man unterscheiden zwischen dem Inhalt einer Vorstellung und der inneren Verfassung eines Menschen.

Nach wie vor ist der Mensch damit konfrontiert, dass fremde Mächte in sein Leben eingreifen und sein Schicksal wesentlich mitbestimmen, ganz gleich, ob sie „Dämonen“ oder „Schutzgeister“, „Archetypen“ oder die „Dynamik des Unbewussten“ genannt werden. „Der Mensch ist nicht Herr in seinem eigenen Haus“ (Freud). Die blosse Leugnung der aussersinnlichen Wirklichkeit bzw. alles „Jenseitigen“ durch die sog. Aufklärung hebt die Wirklichkeit irrationaler psychischer Mächte nicht auf. Selbst wenn man einem Menschen die Ursachen und Zusammenhänge seiner Angst genaustens aufzeigen könnte, wäre er sie damit noch lange nicht los.

Esoteriker werden daher vom Urteil der modernen Wissenschaft nicht berührt. Sie treten sogar zum Gegenangriff an und sagen: Euer Denken kommt aus einem Weltbild, das nur die Aussenseite der Wirklichkeit umfasst. Die Innenseite, also die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zureinander und zur Schöpfung, d.h. die Erlebniswelt, bleibt bei aller Aufklärung im Dunkel. Noch nie haben die Menschen so viel Wissen und Macht besessen, und dennoch stehen sie den Grundfragen des Lebens ratlos gegenüber. Weil diese Grundfragen in Krisen oft eine Bedrohung darstellen, die rationale Bildungsstruktur aber versagt, ebenso die rationale Theologie, suchen die Menschen Hilfe in irgend welchen Ansätzen.

 

Geistesgeschichte: Gewinn und Verlust
Die Entfaltung des Rationalen und Individuellen scheint einen Höhepunkt erreicht zu haben. Dieser Höhepunkt wurde aber mit grossen Verlusten erkauft. Bei allem Feuerwerk des Erlebens, wächst die Zahl derer, die im Innersten eiskalt sind. Sie können nichts mehr empfinden fĂĽr die, mit denen sie leben, noch weniger können sie den Kindern die nötige Wärme geben. Oft fehlt ihnen die Kraft zu allem. Sie fĂĽhlen sich durch die AnsprĂĽche der Arbeit und ihrer Umgebung ĂĽberfordert. So wächst die Zahl der FrĂĽhrentner ständig. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, dass der Markt fĂĽr die vielfältigsten Formen der Selbsterfahrung gerade aus nichteuropäischen Kulturen blĂĽht. Sie sind daher so beliebt, weil sie die Einseitigkeit einer rein rationalen Einstellung, vor allem die Eintönigkeit der Arbeitswelt durchbrechen und vom Machen zum Zulassen hinfĂĽhren. In einem gewissen Sinn kann man das Esoterik-Angebot als Gegenkultur zur europäischen Zivilisation sehen. Sie ist die Folge des emotionalen und spirituellen Verlustes, den der moderne Mensch durch die einseitige rationale Prägung erleidet und setzt ganz neue Akzente: Wahrnehmen des Hier und Jetzt, und nicht ferne Ziele anstreben;  einen anderen Umgang mit der Zeit (sich Zeit gönnen); bewusster Genuss des Lebens (Es-sen, Trinken, Sex); Entdeckung und Annahme des Leibes auch in seiner Bedeutung fĂĽr das Religiöse (In der Kirche fĂĽrchtet man, dass man Körpererfahrung fĂĽr religiöse Erlebnisse hält).

Wie immer man die Dinge sehen mag, man sollte die gewaltige Kraft, die in den esoterischen Ansätzen der Selbsterfahrung steckt, beachten. Sie entspricht dem Bedürfnis des einzelnen nach Vertiefung, sich dem zuzuwenden, das bisher vernachlässigt wurde. Die Aufgabe besteht aber nicht nur darin, sich dem Unbewussten zu stellen, sondern es dann auch in Worte zu fassen. Erst das Aussprechen befreit und schafft Nähe in Bewusstheit und ohne neuen Zwang Wir dürfen den erworbenen Stand des Denkens, der Unterscheidungsfähigkeit, der Freiheit und Selbständigkeit nicht wieder verlieren. Wir sollten lernen mit dem Herzen zu denken, dürfen aber dabei den Kopf nicht verlieren.


Grenzpfähle gegen die Überschwemmung?

Viele Beiträge in theologischen Schriften laufen darauf hinaus, aufzuzeigen, wie widersprüchlich und gegen jede rationale Einsicht die Denkansätze der neuen Weltanschauung sind. Solche Veröffentlichungen sind aber nichts anderes als der Versuch mit Grenzpfählen eine Überschwemmung einzudämmen. Argumentatives Vorgehen gegen Esoterik-Begeisterte ist in den meisten Fällen von vornherein zum Scheitern verurteilt - einfach weil die gemeinsame Plattform fehlt. Es liegen verschiedene Denkmodelle vor. Anstatt sich auf inhaltliche Auseinandersetzungen zu stürzen, ist es fruchtbarer, das Suchen der Interessierten als solches und die Faszination ernst zu nehmen und zum Thema zu machen. Anstatt fremde Lebensentwürfe und Zugänge zur Wirklichkeit zu widerlegen, sollten wir als Christen erst einmal fragen: Was bewegt diese Menschen?


Die vergessene Herausforderung

Die Ratlosigkeit innerhalb des traditionellen Christentums im Hinblick auf die stärkste Konkurrenz seit Jahrhunderten mag darin ihren Grund haben, dass die theologische Ausbildung an den emotionalen und existentiellen Bedürfnissen der Menschen von heute so ziemlich vorbeigeht. Die Wahrheit, die Jesus vertreten hat, war jedoch keine abstrakte Lehre, sie war höchst personal, sie war er selbst. Der Aufstieg irrationaler weltanschaulicher Bewegungen macht den Mangel an spiritueller Erfahrung und personaler Überzeugungskraft im Raum der Grosskirchen offenbar.

So stellt sich für uns die Frage: Mit welchem Potential an geistiger, spiritueller und emotionaler Wirksamkeit können wir der Esoterik-Szene entgegentreten? Eines lässt sich sicher sagen: Es geht nicht auf der rein intellektuellen Ebene und nicht ohne volles persönliches Engagement. Damit ist gemeint, dass uns ihre Fragen auch berühren und umtreiben müssen. Im Grunde geht es darum, dass wir uns den Anfragen unseres Lebens voll stellen, statt in vordergründigen Erklärungen der Problematik ausweichen und, selbst unbeteiligt, Lösungen für andere suchen. „Der Hauptgrund der Entfremdung der Menschen vom Glauben ist die Unfähigkeit der Kirche, auf die Sorgen verstehend einzugehen, dem frustrierten Glücksverlangen entgegenzukommen und den Menschen in ihrer Überforderung, Vereinsamung und Lebensangst einen Raum des Aufatmens, der Solidarität und Geborgenheit zu bieten.“ Prof. Eugen Biser

Diesem Vorwurf können wir nur begegnen, wenn wir uns unserer eigenen Problematik stellen, unserer Überforderung, Angst und Einsamkeit, und uns dem Prozess der Heilung aussetzen. Anderen Hilfestellung zu geben ist nur möglich, wenn man die Nöte des Lebens am eigenen Leib ausgetragen hat. Das beste Argument - ein Damm und nicht nur Zaunpfähle - ist die eigene reflektierte und bearbeitete Lebensgeschichte.


Die Einsamkeit und die Suche nach Gott

Menschen leiden heute unter einer seelischen Heimatlosigkeit und Entwurzelung. Im letzten ist es die nicht gelungene Suche nach Gott. Die Einbindung in eine lebendige Religion mit ihren festen und Riten ist abgerissen oder nie gelungen. So findet die Seele keinen Raum, wo sie ausruhen könnte. Um so grösser werden dadurch die Erwartungen an das Glück im ganz kleinen Kreis oder an das Leben zu zweit. Ob nun innerhalb oder ausserhalb der Kirche, Tatsache ist, dass immer mehr Menschen an einem Zustand des „Stecken-Bleibens“ oder „Festgefahrenseins“ leiden. Es ist, als ob sich die Seele aus allem entfernt hätte. Man hat keinen Schwung bei der Arbeit, das Gespräch zwischen den Lebenspartnern verstummt, es fehlen die Einfälle, das Leben mit Freude kreativ zu gestalten. Die Gefühle sind wie vertrocknet, es findet kein Austausch mehr statt, auch nicht im Sexuellen; alles ist verödet. Satt einander eine Hilfe zu sein, wird man einander zur Last. Man fühlt sich überfordert von anderen, von den Kindern und vom Beruf. Damit geht die Angst einher, nicht zu genügen vor dem, was auf einen zukommt, vor dem eigenen Schicksal, vor den Veränderungen in der Arbeitswelt. Selbst gläubige Menschen sind verunsichert durch die verschiedensten gegensätzlichen Meinungen im heimatlichen religiösen Raum.

Die Suche der Menschen geht heute der Frage nach: Wo eröffnet sich eine Möglichkeit, den seelischen Stillstand zu überwinden, einen festen Grund unter sich und Kraft in sich zu erfahren. Nicht zuletzt ist es die Sehnsucht nach religiöser Tiefe, nach der mystischen Dimension ausserhalb des Alltäglichen, nach Ausbrechen aus der rein rationalen Welt. Man könnte es eine Suche nach Gott nennen, auch wenn die Betroffenen dem kaum zustimmen. Denn unter Gott verstehen sie oft ein abstraktes Wesen jenseits dieser Welt, das, obwohl mit Allmacht ausgestattet, den Menschen seinem Schicksal überlässt. So ein Gott ist nicht anziehend und kann nicht Grund für leidenschaftliche Suche sein. Wenn schon Gott gesucht werden soll, dann muss er innerhalb dieser Welt sein, nicht ein Feind der Gefühle, sondern deren Anwalt, nicht ein Wesen der abstrakten Begriffe sondern der unmittelbaren Erfahrung.

Wo ist heute die Kraft des Religiösen im christlichen Raum? Dort wo Fragen im Mittelpunkt stehen, die das Leben berühren und ausmachen. Dort wo man sich verstanden fühlt, innerlich beteiligt und erfüllt und beglückt weggeht. Dort wo einer Predigt, dem man anmerkt, dass er sich der Einsamkeit, der Angst und den Zweifeln gestellt hat.

2. Die Esoterik und ihre Themen

Die Einheit der Welt: Heimat gegen die Verlorenheit

1981 berichtete jemand vor 400 Psychologen über Castanedas Begegnung mit dem indianischen Zauberer Don Juan. Fast 90 Min. lang folgte man ergriffen den Ausführungen. Das zentrale Thema des Vortrages war die Sicht: Es besteht eine Einheit von Mensch, Kosmos und Gott. Das Erlebnis dieses Vortrages war deshalb so bereichernd und wohltuend, weil die Sehnsucht der Zuhörenden, aus der Verlorenheit in die Einheit mit sich selbst und mit der Welt zu kommen, zumindest in diesem Moment erfüllt wurde.

Es gibt andere Augenblicke, in denen man begreift, was mit Einheit von Mensch, Kosmos und Gott gemeint sein kann: Erlebnisse, ausgelöst durch eine tiefe Berührung durch ein Musikstück, durch eine Abendstimmung in der Natur, etc. Das bekannteste und überzeugendste Beispiel eines solchen Zustandes ist der Sonnengesang des hl. Franziskus. Dieser Mann stand an dem Punkt, wo sich Gott, Mensch und die Schöpfung berühren. Wir hätten das beste Mittel gegen das Abdriften in magische, fremde, undurchschaubare spirituelle Praktiken, wenn wir dieses einzigartige Lied des hl. Franziskus so singen könnten wie er, mit derselben Freude und Hingabe, mit demselben Gefühl, in dieser Welt zuhause zu sein. Auch bei der Stelle im Kolosserbrief (1,16f) dürfen wir annehmen, dass hinter dieser Aussage die Erfahrung der Einheit steht.

Aufgrund dieser Einheitsterfahrung konnte dann die Vorstellung entstehen, dass der Mensch eine Welt im Kleinen (Mikrokosmos) ist, der der Welt im Grossen (Makrokosmos) entspricht. Das ist eine Sicht der Wirklichkeit, die bei Naturvölkern, in alten Kulturen und im christlichen Mittelalter verbreitet war (Kusanus, 15 Jahrh.: Der Mensch ist aber auch die Welt). Ein Sioux sagte: „Der Mensch trägt das Weltall in der Mitte seines Herzens.“ Für viele sind solche Sätze reine Fantasie. Trotzdem gibt es eine grosse Aufnahmebereitschaft für diese andere Sicht von Mensch und Kosmos. Dies lässt schliessen, dass hier in mythologischer Form eine Wahrheit ausgesprochen wird, die im engen rationalen Rahmen der Wissenschaftlichkeit verlorenging.

In einem ägyptischen Text der Spätantike heisst es: „Was oben ist, ist gleich dem, was untern ist, um die Wunder des Einen zu vollbringen.“ Wenn man statt “oben“ und “unten“, “aussen“ und “innen“ sagt, wird einiges verständlicher. Es ist unbestritten, dass das Innere eines Mensches, d.h. wie er denkt und fühlt, was er hofft und befürchtet, auch das Äussere beeinflusst.

Der Esoterik wird vorgeworfen, dass man eine reine Innerlichkeit zelebriere: „Es gibt in dieser Welt nichts zu verbessern, aber sehr viel an sich selber.“ (Th. Detlefsen) Hier werden wir eindeutig widersprechen. Es gibt in dieser Welt viel zu verbessern. Nur ist die Frage: Wo fangen wir an? Dauerhafte Veränderung der äusseren Verhältnisse wird ohne Wandlung des inneren Menschen nicht möglich sein. Wer jedoch an sich selber eine grosse Aufgabe sieht, ist dem Vorwurf ausgesetzt, er kreise egozentrisch um sich selbst. Doch durch die Bemühung, seine eigene Problematik zu lösen, wird man sich selbst, den Menschen und den Umständen eher gerecht und findet Lösungen, mit denen sich leben lässt. Alle grossen gestalten des Christentums haben sich zunächst dem Prozess der eigenen Wandlung ausgesetzt. Dieser Prozess beansprucht alle Aufmerksamkeit und Energie. Deshalb zogen sie sich aus der gewohnten Umgebung in die Einsamkeit zurück.

Der Satz „Das Aussen entspricht dem Innen“, brauchen wir nicht eng so zu verstehen, dass Leid, Krankheit oder Glück nur eine Folge der inneren Verfassung oder sogar eines früheren Lebens wäre. Nicht jede Krankheit ist psychisch bedingt und nicht jedes seelische Heilwerden macht auch schon gesund. Im Gegenteil kann man ausgehend von den Lebensgeschichten der Heiligen annehmen, dass die erfahrene Einheit von Gott, Mensch und Welt nicht der Zustand einer dauernden Euphorie ist, sondern mit Leiden verbunden ist. So hat sich Jesus ganz und gar dem Anspruch des Innen (Stimme des Vaters) gestellt und zugleich die Herausforderungen von aussen angenommen - daran ist er zerbrochen. Aber damit hat er einen Raum eröffnet, in dem trennende Wände beseitigt sind.

Dass es einen Punkt gibt, wo Mensch, Kosmos und Gott einander berĂĽhren, ist altchristliche Lehre. Entscheidend ist, ob wir ihn finden.


Gott ist innen: Erfahrung vor Belehrung

Heute herrscht im Raum der Kirche die grosse Klage, dass Gott sich zurückzieht, dass man nur mit Mühe über ihn reden kann. Andererseits wird seine Erscheinung in unserer Zeit nicht wahrgenommen bzw. werden Menschen, denen sie zuteil wird, nicht ernst genommen.Ausserordentliche religiöse Phänomene werden von theologischer Seite mit Skepsis betrachtet. Das Schwinden des Religiösen im christlichen Raum und das Aufblühen esoterischer Praxis hat damit zu tun, dass religiöse Erfahrung im theologischen Denken und im praktischen Tun nicht den gebührenden Stellenwert besitzt. Blaise Pascal hat den Gegensatz von einem bloss gedachten und einem erfahrenen Gott erkannt (Sein Memorial: Gott Abrahams .. nicht der Gott der Philosophen). Für Pascal ist Gott Feuer wie für Moses. Was immer es gewesen sein mag, das Wort „Feuer“ spricht von einer innersten Betroffenheit, schmerzlich und beglückend zugleich. Gewissheit, Freude und Friede erfüllte ihn, sogar Tränen der Freude. Gott ist nicht ein Gedanke, mit dem man jongliert; er ist das letzte Innen der Existenz; er ist das, was den Menschen zuinnerst aufwühlt und umwirft, das, was ihn unbedingt angeht.

Es wird zwar beständig behauptet, dass Gott in der Geschichte handelt, aber allein bei einem solchen Satz schalten die meisten schon ab, weil davon im Hier und Jetzt nichts zu spüren ist. Derartiges Reden wird zur Belehrung, die niemand bewegt. Wenn in Paulus nicht die Kraft seiner Urerfahrung mit dem Auferstandenen gewirkt hätte, hätte er sicher kein Bewohner Korinths für den Glauben gewinnen können.

Für uns heisst das: Wie kann das Feuer in uns geweckt werden, wenn nirgends ein Funkenflug zu entdecken ist? Hier könnte Eckehards Reden vom „Seelenfünklein“ zu Hilfe kommen. Es wird dann entfacht, wenn wir Achtsamkeit entwickeln für das, was in uns vorgeht, vor allem wenn wir den Sinn schulen für das, was echt und stimmig ist, und die Sehnsucht nach Tiefe und Erfüllung zulassen. Das fordert allerdings den Einsatz unserer ganzen Person. Was Pascal und andere erlebt haben, ist nicht einfach machbar; Erfahrungen geschehen, sie sind dem Willen entzogen. Aber man kann sich dafür bereit machen. Es gibt Wege, die in die Nähe solcher Erlebnisse führen. Hier ist der Ansatz der esoterischen Richtung: Sie sind deshalb gesucht, weil sie nicht damit beginnen, Lehren zu verkünden sondern Anleitung zu je eigener Erfahrung geben. Im christlichen Lager sieht man dabei häufig nur die Konkurrenz. Tatsache aber ist, dass hier Menschen in einer atheistischen Zeit anfangen, religiös zu werden.

 

Die Wahrsagekunst: Ein Mittel gegen die Zukunftsangst?

Man sucht sich Rat bei der Astrologie, im Handlesen, bei Tarot-Karten und Pendeln. „Opfern Menschen reihenweise ihren klaren Verstand?“ könnte man fragen. Auch hier gilt es die Keime der Wahrheit zu entdecken und sich vor pauschalen Urteilen zu hüten. Immerhin hatte die Astrologie im Mittelalter kein geringes Ansehen.

Um einer ernsthaft betriebenen Astrologie gerecht zu werden, müssen wir auf das Weltbild des in uns wohnenden archaischen Menschen zurückgreifen. Dieses ist ganzheitlich. Damit ist gemeint: Wir Menschen können unser Schicksal nicht losgelöst von dem uns umgebenden Kosmos betrachten. Wir sind eingebettet in die Welt. „Wie oben, so unten“ - wie die Gestirne zueinander stehen, so vollziehen sich die Schicksale der Menschen. Die gegenseitige Entsprechungen (Analogien) sind die Grundlage der Astrologie. Die Sterne sind daher nicht die Verursacher des Schicksals, sondern sie zeigen die Vorgänge nur.

Wir können das Interesse für die Sterne als eine Suche nach einer letzten Sicherheit in der Form des archaischen Menschen sehen. Nichts ist heute mehr verlässlich. So bleiben nur noch die Sterne. Der wohlwollende Betrachter kann in der Astrologie auch eine Art Charakterkunde sehen oder eine an den Himmel projizierte Tiefenpsychologie.

Die Gefahr im Umgang mit der Astrologie wird mit Recht angemeldet. Oberstes Prinzip sollte sein: Sich nie die eigene Entscheidung abnehmen lassen. Mit den Ergebnissen aller zukunftsdeutenden Künste sollte man wie mit den Träumen verfahren. Sie sind nicht unmittelbar eindeutige Aussagen, sondern Bilder und Symbole für einen psychischen Tatbestand. Die Arbeit mit Traum oder Tarot-Karten bildet die Intuition. Wer einen bisher geleugneten oder verborgenen Sachverhalt seines Lebens einsieht, lässt neue Gefühle zu. Die Intuition bringt Verstand und Gefühle zusammen. Dies bedeutet Stärkung der Entscheidungsfähigkeit und damit mehr innere Sicherheit. Wenn die Arbeit mit den Wahrheitskünsten zur kritischen Selbstprüfung und Selbsterfahrung und somit zum Wachstum der Persönlichkeit führt, dann gestalten wir unsere Zukunft zumindest zu einem erheblichen Teil selber.


Magie: Der geheimnisvolle Zugang zur Wirklichkeit

Für die einen hat das Wort „magisch“ keinen guten Klang. Man verbindet es mit fremden, undurchschaubaren Praktiken, um Einfluss auf die Natur oder andere Menschen ohne deren Einsicht und Einwilligung zu gewinnen. Andere erhoffen durch Magie das ersehnte Glück über undurchsichtige Kanäle zu erhalten.

Auch hier muss man den Kern der Wahrheit entdecken. Es kann nicht alles ganz falsch sein. Schliesslich werden die Magier in Mat 2,1-12 recht positiv dargestellt. Um der Sache auf die Spur zu kommen, muss man sich mit dem esoterischen bzw. magischen Weltbild auseinandersetzen. Im Rahmen dieses Weltbildes kann einiges recht sinnvoll erscheinen. Es handelt sich eben hier nicht um rein logisches Denken, sondern um eine Vor-Logik. Voraussetzung von allem ist, dass fĂĽr den archaischen Menschen der gesamte Kosmos belebt und beseelt  (Weltseele) ist. Auch unsere Seele und die GefĂĽhle, ebenso unsere Verhaltensweisen folgen anderen Regeln als unser rationales Denken. Die wichtigsten Regeln sind die Gleichzeitigkeit (Synchronizität) und die Entsprechung (Analogie).

Auf dem Hintergrund der Analogie werden die magischen Rituale der Naturvölker vollzogen. Während wir genau unterscheiden zwischen dem, was in uns ist und dem, was in der Natur ist, reicht die Seele archaischer Menschen weit über sich hinaus. Ein Schamane redet mit den Pflanzen, mit den Steinen und wird einer von ihnen. Von allen Lebewesen strömt etwas in ihn ein und von ihm strömt auch etwas aus. Aufgrund dieser seelischen Verbundenheit wird verständlich, dass man nach dem Gesetz der Analogie Einfluss auf die Umwelt ausüben kann. Das Mittel dazu ist das Ritual (Analogiezauber- z.B. Regentanz, der Tanz nimmt den Regen vorweg).

Da auch der Sitz unserer Impulse, der Leidenschaften etc. nach diesen Regeln „funktioniert“, ist der Grundsatz der Analogie auch Voraussetzung, um Einfluss auf das Unbewusste, auf Gesinnung und Stimmung auszulösen. Die bittere Erfahrung mit dem Dritten Reich bestätigt die Annahme, dass wir den archaischen Menschen in uns tragen - und dass magische Praktiken ein gewaltiges Potential der Zerstörung auslösen können. Eine sog. Aufklärung, welche alles, was mit Magie zu tun hat, für null und nichtig erklärt, geht an der Wirklichkeit vorbei. Statt dessen brauchen wir gerade die „magischen“ Rituale, festgelegte Muster der Entsprechung und Ähnlichkeit, um einen positiven Wandel herbeizuführen. z.B. Um jemanden aus seiner Trauer erlösen zu können, muss der Therapeut ein ähnliches Gefühl, ein Mitleiden mit dem Betroffenen aufbringen. Der grosse Erfolg der esoterischen Angebote beruht darauf, dass sie diese Rituale beherrschen. Ob das den Beteiligten immer zum Guten gereicht, ist eine andere Frage.

Ein guter Hinweis für die Nähe unserer Seelenlandschaft zur magischen Welt der Indianer sind unsere Träume. Beim Versuch einen Traum zu verstehen, sollte man sich immer sagen: Es ist wie wenn ... Die Analogie steht im Mittelpunkt.

Um Einfluss auf die Gefühle anderer zu nehmen und sie zu verändern, müssen wir nach dem Prinzip der Ähnlichkeit vorgehen. Um jemanden von seiner Traurigkeit zu erlösen helfen keine Argumente, sondern nur ein ähnliches Gefühl, das Mitleiden mit dem Betroffenen.


Von der Magie lernen:

Magie verstanden als Einfluss auf die Wirklichkeit durch Vorahmung des gewünschten Effektes, scheint im diametralen Gegensatz zur Naturwissenschaft zu stehen. Dieser Umgang mit der Realität hat aber durchaus seine Berechtigung, wenn es sich um belebte, eigentätige Wesen handelt, im konkreten Fall um die bewusste Seele in uns. Das „magische“ Denken in diesem Sinn ist keineswegs überholt, es kommt auf den Bereich an, in dem es angewandt wird. Das naturwissenschaftliche Vorgehen deckt nicht den ganzen Umfang der Wirklichkeit ab. Es greift dort nicht, wo es um menschliche Probleme geht. Es gilt beide Bereiche zu unterscheiden. Wer auf magische Weise ein Auto starten will wird sich lächerlich machen. Wenn aber die wissenschaftliche Seite Übergriffe auf einen Bereich macht, der ihr nicht zusteht, scheint das niemandem mehr aufzufallen. Wenn man glaubt, dass die Seele des Menschen auch wie eine Maschine funktioniere, kann das tragisch enden. Man kann z.B. ein harmonisches Miteinander, edle Gesinnung und Begeisterung nicht durch Beschluss verordnen. Das Erwünschte ist Ergebnis von Erlebnisprozessen. Sie beginnen mit emotionaler Entlastung und nicht mit neuen Forderungen.


Der neue Mensch

Die New-Age-Bewegung hat sich die Verheissung vom neuen Menschen zu eigen gemacht. Nicht die wissenschaftliche Forschung ist die Grundlage fĂĽr den Bewusstseinssprung, sondern spirituelle Erfahrung soll die Transformation des Ich vom individuellen in das kosmische Bewusstsein leisten. Damit greift die New-Age-Bewegung auf alte esoterische Traditionen zurĂĽck.

Das sog. moderne Lebensgefühl meint, dass es vor allem auf das Hier und Jetzt ankomme, dass man Erlebnisse auf alle mögliche Weise steigern müsse, dass der Blick auf die Zukunft weniger wichtig sei. Die esoterischen Ansätze des Weges nach innen, der Wandlung und Transformation fallen allerdings eher dort auf fruchtbaren Boden, wo der unbeschwerte Optimismus angeschlagen ist, wo eher existentielle Verunsicherung vorherrscht. Oft ist es aber einfach auch das Bedürfnis, sich nach innen zu kehren, sich Zeit zu nehmen, um dem Anspruch der Tiefe zu genügen.

Was sagt der kirchlich-christliche Raum zu diesem Aspekt? Die FrĂĽhkirche hatte die Kraft Menschen zu wandeln. Das ist mehr als die Spannung zw. der (frustrierenden) Gegenwart und der Vollendung auszuhalten (theol. Kommentar). Es ist mehr, sogar total anders als zum Befolgen der Gebote anhalten. Das Grundlegende der Christen von damals war eine Erfahrung, weniger ein Hineinwachsen in schon vorgegebene Schemata oder ein mĂĽhsames, wiederholtes Ausrichten an hohen Idealen. Es muss etwas gewesen sein, was den ganzen Horizont des Erlebens, der Motivation und Impulse und den des Denkens, der Lebensinhalte und Werte umgekippt hat. Es ist etwas, das nicht unmittelbar vom Willen hervorgerufen wird, sondern ein Widerfahrnis. Paulus nennt es Gnade; etwas, was nicht er gemacht hat, sondern was mit ihm geschehen ist. Was aber ist mit den Neuen Menschen bei uns heute?

Zunächst sollten wir uns von der Vorstellung frei machen, als ob wir durch die Taufe schon alles hätten. Im Hinblick auf die Taufe werden Erlebnisprozesse Erwachsener geschildert, das kann ein getauftes Kleinkind gar nicht erfahren. Dem spirituellen Niveau nach steht die Mehrzahl der Getauften unserer Zeit den damaligen Heiden wesentlich näher als dem von Dynamik und Aufbruch erfüllten Christen der Frühzeit.

 

Sympathische Eigenschaften
Im New-Age-Wörterbuch werden die Qualitäten des Neuen Menschen des nächsten Weltzeitalters angeführt. Sie stammen aber nicht aus einer esoterischen Schule, sondern von Carl Rogers. Rogers weiss sich dem Standpunkt der klaren Vernunft genauso wie den gefühlsbestimmten, unberechenbaren Vorgegebenheiten des Menschen - dem Bereich der heutigen Esoterik - verpflichtet. Er versucht zwischen beiden eine Brücke zu schlagen. Denn nur dann entsteht etwas qualitativ Neues, wenn im Menschen selbst die Gegensätze zwischen Rationalem und Irrationalem auf einer höheren Ebene zu einer fruchtbaren Einheit gebracht sind. Nur so können die Einseitigkeiten der verschiedenen Weltanschauungen und Kulturen überwunden werden.

Es lohnt sich die Eigenschaften des Neuen Menschen, wie sie Rogers sieht ernst zu nehmen und sie mit denen des christlichen Ursprungs zu vergleichen.

  1. Offenheit: Neue Erfahrungen, Betrachtungsweisen, Lebensarten nicht sofort ablehnen, sondern sich daraus zum eigenen spirituellen und persönlichen Wachstum und zur Erweiterung des Horizontes Anregung holen.
    Bei der Taufe wurde früher der „Effata-Ritus“ vollzogen. Damit soll angedeutet werden, dass das Ergebnis eines Bekehrungsweges ein neues Reden und Hören ist. (FRu: Auch: Prüfet alles, das Gute behaltet. 1. Thess 5,21)
  2. Authentizität: Ablehnung von Heuchelei, Betrug, Doppelzüngigkeit. Gemeint ist die Echtheit eines Menschen im Reden, Auftreten und Begegnen. Das schafft Vertrauen, und ermöglicht es anderen sich zu öffnen.
    Im NT steht dafür das Wort „Wahrheit“. Echte Religiosität zeigt sich darin, ob jemand rechthaben oder rechtsein will.
  3. Skepsis gegenüber Wissenschaft und Technologie: Sie ist insofern berechtigt, als die Technik die Sehnsucht des Menschen nach wahrem Glück, nach Erfüllung, nach Verstehen und Nähe nicht abdeckt, und ihr Missbrauch mit Recht zu fürchten ist.
  4. Ganzheit: Sie ist das hervorstechendste Anliegen der Esoterik und eines der GrundbedĂĽrfnisse der Menschen unserer Zeit. Es bedeutet, dass der Mensch nicht mehr in verschiedene Segmente aufgeteilt ist, sondern dass alle Lebens- und Erfahrungsbereiche eingeschlossen sind.
    Im christlichen Kontext spricht man von Heil. Das Entscheidende dürfte sein, dass die Berührung mit dem Heiligen in der Tiefe der Existenz innere Einheit und wohltuende Geschlossenheit mit sich bringt. Wer davon getroffen und geprägt ist, kann auch andere berühren und ihnen ähnliche Erfahrungen und Einsichten mit sich und Gott ermöglichen. Hier ist der Grund, warum Begegnungen mit Heiligen so beliebt waren. Ein Mensch, der von der Atmosphäre des auferstandenen Jesus geprägt ist, ist heil, heilig und ganz. Er kann auch diese Qualitäten an andere weitergeben (Mk. 16,17).
  5. Nähe: Man bemüht sich, Gemeinsamkeiten zu entdecken und gemeinsame Ziele zu erreichen. Ob die gewonnene Nähe Einengung und Unterdrückung oder sogar Aufgabe der eigenen Identität bedeutet oder ob Nähe in Freiheit möglich ist, an dieser Frage müssen die neuen Formen der Selbsterfahrung und der spirituellen Innenwege gemessen werden.
  6. Prozessbewusstsein: Es ist die Einsicht, dass Leben ständige Veränderung bedeutet. Der Wandel wird aber nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung der eigenen Lebendigkeit erlebt. Es ist das Gegenteil von Erstarren in Routine und Denken in Schablonen. Es beinhaltet die Bereitschaft zum Risiko, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Für Prozess steht in den spirituellen Schulen das Wort „Weg“. Das ist auch ein zentrales Wort des Christentums (Apg 22,4 und Joh 14,6). Die Erfahrung mit Jesus wird also auch als Weg beschrieben. Das bedeutet Aufbruch, Wandel, Entwicklung, Lebendigkeit - nicht Erstarrung und Verhärtung.
  7. Anteilnahme: Eine unaufdringliche, nicht moralisierende, nicht urteilende Form der Zuwendung. Sofort fällt hier das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ein (Lk 16,25f). Jesus will mit dieser Geschichte sicher auch darauf hinweisen, dass einer mit einem anderen Glauben (Samariter), auch zu einer guten Tat fähig ist. Was die Sorge um die Armen und Kranken anbelangt, haben wir in der Christenheit grosse Helden vorzuweisen. Was aber gegenseitige Toleranz, Einfühlung und Achtung auch den Vertretern eines anderen Glaubens gegenüber anbelangt, sieht es allerdings beschämend aus.
  8. Der neue Mensch, wie Rogers und Jesus ihn sehen, nimmt auch auf die Gefühle des andern Rücksicht. Er wird die Wahrheit, die ihm so wichtig ist, dem anderen nicht um die Ohren schlagen, sondern sie ihm wie einen Mantel anbieten, in den er schlüpfen kann. Nächstenliebe besteht auch darin, die Entscheidungen des anderen zu respektieren und seine Überzeugungen und Lebensgeschichte zu verstehen.
    Ökologie: Der neue Mensch lebt in Einklang mit der Natur und schützt sie. Schon Paulus spürte das Seufzen der Schöpfung (Röm 8,19-23). Auch der hl. Franz zeigt eine grosse Schöpfungsliebe.
  9. Ablehnung von Institutionen, wenn sie überstrukturiert sind und sich gegen Menschen wenden. Auch Jesus greift die Verhärtung und Herzlosigkeit in der Auslegung der Gesetze an. Er ist alles andere als ein Freund des seelenlosen Apparates. Man darf aber nicht zu viel von der häufig geforderten Veränderung der Strukturen erwarten, wenn sich nicht auch der Mensch ändert.
  10. Innere Autorität: Damit hängt das Vertrauen in die eigenen Erfahrungen zusammen. Heute muss man sie oft gegen Tradition und äussere Autorität verteidigen. Allerdings gehört zu einer echten inneren Autorität auch die Bereitschaft, seine Erfahrungen und Überzeugungen kritisch überprüfen zu lassen. Echte Autorität ist gelassen und selbstkritisch.
  11. In zwei weiteren Punkten nähert sich Rogers dem Christlichen. Zum Neuen Menschen gehört die Unwichtigkeit materieller Dinge, Gleichgültigkeit gegenüber materiellen Anreizen und Belohnungen, gegenüber Geld und Statussymbolen.
  12. Damit verbunden ist die Sehnsucht nach dem Spirituellen. Es wird etwas gesucht, das grösser ist als das Individuum. Es geht um Bewusstseinszustände, welche die Einheit und Harmonie mit dem Universum zum Inhalt haben.

Niemand wird bestreiten, dass hier von einer ganz anderen Seite Werte des Urchristentums auftauchen. Wer wie Jesus in einer Wiesenblume mehr Schönheit sieht als im Prachtschloss des orientalen Fürsten Salomo und wer auch den Feinden Achtung und Würde schenkt, der hat etwas begriffen von der Einheit und Harmonie des Ganzen bzw. des Universums.

Der Mensch der Aufklärung muss sich mit dem des Mittelalters, sogar mit dem noch älteren archaischen Menschen in sich versöhnen. Der westliche Mensch braucht etwas vom Instinkt und der Nähe zur Natur, die man noch bei den Indianern beobachten kann. Ähnlich ist es mit der spirituellen Kraft, die wir Europäer heute bei asiatischen Religionen suchen, die wir aber im Mittelalter einmal hatten.

Die esoterische Überschwemmung aus diesen Kulturen ist deshalb möglich, weil beim europäischen Menschen in Bezug auf Religion, Instinkte und Gefühle eine Leerstelle ist. Die von C.G. Jung praktizierte Bildung der Persönlichkeit hat zum Ziel, diese Leerstelle mit den Inhalten der eigenen unbewussten Seele zu füllen. Der archaische Mensch ist ja in uns selbst. Er soll mitleben dürfen aber in Bewusstheit

 

Der neue Mensch: nur Utopie?
Nun bleibt aber noch die Frage nach der Verwirklichung. Franz von Assisi hat zwar Bewunderer, aber wenige, die ĂĽberzeugend so leben, wie er. Hier setzt die esoterischen Schulen an. Sie haben Transformation in ihrem Programm. Sie kenne Mittel und Wege, um aus alten neue Menschen zu machen. Die Methoden bestehen darin, dem einzelnen ausserordentliche Erlebnisse zu verschaffen, die gerade seiner inneren Leere, Trauer oder Einsamkeit entsprechen und ihn auf diese Weise auf eine neue Spur der Lebenseinstellung und Gestaltung fĂĽhren.

Dass es auf das Erleben und nicht auf die Belehrung ankommt, wenn Menschen sich wandeln sollen, diese Wahrheit scheint in den traditionellen christlichen Gemeinschaften meist vergessen worden zu sein. Hier könnten wir sehr viel von Rogers und Jung lernen, die sich mit Heilung und Entwicklung der Persönlichkeit befasst haben. Ihr Weg kann so beschrieben werden:

In uns selbst, jenseits unseres Bewusstseins, ist die Dynamik einer heilenden und wandelnden Kraft. Sie ist Bild Gottes und Gefäss der göttlichen Gnade. Als Organ der Gotteserfahrung bewirkt sie eigentätig die Entwicklung zur Ganzheit, zu einer differenzierten Individualität, zu einer neuen Nähe zu den Menschen und zur Natur. Jung geht von einer geistigen Mitte aus, die diesen Prozess von sich aus als geistige Kraft in Bewegung setzt. Diese Instanz ist nicht nur Zentrum für den Einzelnen, sondern für alle, die daran angeschlossen sind. Für Christen ist hier Christus, Mitte und Haupt der Gemeinde.

Auslöser des Prozesses sind meistens Einbrüche in das gewohnte Leben (oft um die Lebensmitte). Sie zwingen, uns von äusseren Lebensinhalten zurückzuziehen, uns voll dem Innen (griechisch eso) zuzuwenden und ganz dem nachzugehen, was das Eigene ist. Dabei geschehen oft spirituelle Neuheitserfahrungen, welche die bisherigen Wertmässstäbe in Frage stellen. Ohne solche Ereignisse ist die Wende im Leben vieler Heiliger nicht zu verstehen.

Die Nachfolge Jesu beginnt dann wirksam zu werden, wenn in uns ein ähnlicher Prozess angestossen wird. Man kann Erlebnisse aber nicht machen - man kann sich nur für sie bereiten. Dies geschieht dann, wenn wir uns mit uns selbst konfrontieren. Wir sollten bei einem Konflikt unsere eigenen Anteile sehen, statt unsere neg. Seiten auf andere zu projizieren. Wir werden dann der Not, Einsamkeit und Leere in uns nicht mehr davonlaufen.

3. Esoterik: Die existentielle Falle

Auslöschung der Individualität?

Bei ernsthaften esoterischen Ansätzen ist oberstes Ziel die Wandlung des Menschen zur Einheit mit sich selbst, mit dem Kosmos und mit Gott. Eine Einführung in die Mysterien, die sogenannte Initiation soll diesen Prozess bewirken. Der Schüler, Adept, soll sich für eine höhere Welt öffnen und deren Kräfte erfahren und dadurch zu einem neuen Menschen werden.

Die Frage wird immer sein: Wie sieht der Mensch aus, der dabei herauskommt? In einem Wörterbuch heisst es: Endziel ist die absolute und endgültige Auslöschung der Individualität ohne Bewusstseinsverlust. Im christlichen Raum ist aber immer die Ausprägung und nicht die Auslöschung der Individualität Ziel des menschlichen und spirituellen Strebens. Der Mensch findet dann seinen Sinn und die Erfüllung seines Lebens, wenn er sich auf die Erfahrung des Transzendenten einlässt.

Wer den Weg nach innen gehen will, braucht auch ein starkes Ich. Gerade die Bedrohungen und Ängste, denen man dabei ausgesetzt ist, erfordern es. Zuerst sollte ein Mensch lernen, sich abzugrenzen, „ich“ zu sagen, den Raum seiner Lebensmöglichkeiten entdecken; er sollte sich eine feste Disziplin auferlegen und sich die Fähigkeit zur Konzentration aneignen.

So sehr der Wert der Stille, den der Osten pflegt, zu schätzen ist, so kann das nur die eine Seite eines spirituellen Weges sein. Zur Ganzheit gehört auch das Wort. Das, was in einem vorgeht, auszusprechen und zu verstehen ist die Grundlage der Begegnung von Mensch zu Mensch, der Bewusstwerdung und der Persönlichkeitsbildung. Wie der Westen die Stille braucht, damit das leergewordene Wort wieder an Kraft gewinnt, so braucht der Osten die Kultur des Wortes, um sich zu artikulieren und zu reflektieren. Im Osten muss die Individualität entwickelt werden, im Westen muss sie in die Schranken gewiesen werden. Man kann häufig hören: Östliche und westliche Heilswege führen zum selben Ziel. Man muss jedoch ergänzen: Es ist nicht derselbe Mensch, der dabei herauskommt.

 

Psychische Inflation: Die Aufblähung des Ich

Der Weg der Individuation führt zunächst in die Tiefen und Dunkelheiten des menschlichen Daseins. Es ist die Konfrontation mit den negativen Eigenschaften, mit den Defiziten der Persönlichkeit, ebenso mit Krankheit, Leid und Tod. Zunächst ist es Abstieg.

Der Innenweg wird falsch, wenn man meint, sich den Abstieg nach unten, d.h. in die nüchterne Sicht der Wirklichkeit, in das Austragen von Einsamkeit und Leid ersparen zu können, und man ständig nur von einem Gipfel zu noch höheren Gipfeln fortschreiten möchte. Das bedeutet konkret: Alle Angebote, die vorzüglich mit Ekstase und Erleuchtungserlebnissen werben, sind verdächtig. Die Suche nach High-Erlebnissen kann zur Sucht werden und lebensuntüchtig machen. Jung spricht von der Inflation des Bewusstseins. Damit meint er einen Zustand bei Menschen, die von sich höchst eingenommen sind, die ihren eigenen Horizont für das Mass aller Dinge halten, die glauben alles und jedes zu wissen und beurteilen zu können. Ohne jede eigene Lebenserfahrung unterschätzen und entwerten sie die anderen. Von sich selbst wie hypnotisiert lassen sie nicht mit sich reden. Sie glauben einzigartig und für höchste Ziele erwählt zu sein.

Inflation ist immer dann gegeben, wenn Menschen mit einem Dauerlächeln ihre felsenfesten Überzeugungen anderen einzureden versuchen; wenn sie weder Argumenten zugänglich noch bereit sind, eigene Positionen kritisch zu überprüfen. Die Faszination an der psychischen Inflation ist, dass sie in Euphorie versetzt, dass sie den einzelnen seiner Einsamkeit und Last eigener Entscheidungen entreisst, dass sie die Einheit schafft, nach der sich Menschen sehnen. Aber es geht auf Kosten der freien, eigenständigen Persönlichkeit.


Gnosis: Von der Selbsterfahrung zur Selbstüberschätzung

Die Gnosis war im Altertum eine philosophisch-religiöse Bewegung, die von den Theologen bekämpft wurde, weil die Gnostiker ihre eigenen Erfahrungen über die Zeugnisse der Hl. Schrift stellten. Es bestand auch immer die Gefahr, dass der Erleuchtete sich mit seinem Licht identifizierte und sich über seine eigene Dunkelheit und über alle Nichterleuchteten (die grosse Menge) erhaben dünkte.

Das bedeutet, Gipfelerlebnisse dĂĽrfen nicht Selbstzweck sein, sondern sollten Anstoss und Impuls sein, sich wieder auf den beschwerlichen Weg nach unten bzw. nach innen zu machen.

Die eigene Dunkelheit erkennen heisst selbstkritisch sein, sowohl in bezug auf die eigene Person wie auf die Gruppe und deren Überzeugungen. Nach Jung sind ziemlich alle neureligiösen Bewegungen unter dem Stichwort Gnosis einzuordnen (Anthroposophie, Theosophie). Das Aufblühen der verschiedenen Sekten scheint die Meinung Jungs zu bestätigen, dass sich das moderne Bewusstsein mit seinen intimsten und stärksten Erwartungen der Seele zuwendet und zwar nicht im Sinne irgendeiner traditionellen Konfession, sondern im gnostischen Sinn. Der moderne Mensch will nicht glauben, sondern wissen, das heisst Urerfahrung machen.


Der Grössenwahn des Bhagwan

Seine Techniken und Lehren führten zur Auflösung der Identität und zum Abbau der Persönlichkeitsgrenzen und des Intimraumes. Die Praktiken liessen keinen Raum für freie Entscheidungen. Es gab nie Zeit zum Nachdenken.

Was dabei herauskommt, sind Menschen, die aufgeladen sind mit Energie, die aber die Fähigkeit zum kritischen Denken und zu echter zwischenmenschlicher Begegnung verloren haben und es nicht einmal merken.

4. Esoterik: Die Innenseite des Christentums

Ohne Zweifel steht heute Esoterik in starker Konkurrenz zu den Kirchen. Einem schwindenden christlichen Glauben steht eine erstarkende Bewegung gegenüber. Vermutlich bedeutet Glauben für viele nur ein Fürwahrhalten von Glaubenssätzen und das Einhalten von Normen. Sie tun sich schwer mit einer für die Menschen aller Zeiten ergangenen Offenbarung, sie möchte lieber ihre eigene Hier und Jetzt erleben. Sie geben deshalb lieber neue Heilswege, die ihnen die Erfahrung von Neuem und Ungewohntem erschliessen, den Vorrang.

Man sollte dieses BedĂĽrfnis nicht entwerten, sondern als Anlass fĂĽr einen neuen spirituellen Aufbruch in der Kirche nutzen.

Weil Christentum in seinem wesentlichen Kern keine Lehre ist, sondern eine ganz und gar personale Beziehung zu Christus, sollte man als erstes bei den personalen Bezügen der Menschen ansetzen. D.h. das Eigentliche, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe, kann nicht als Lehrinhalt, sondern müsste wesentlich über Begegnungen und Erleben vermittelt werden. Konkret heisst das, wir sollen jeden Menschen mit seiner Suche und mit seinen Überzeugungen ernst nehmen, wie absurd sie uns auch erscheinen mag.

Jede zwischenmenschliche Beziehung besitzt etwas Esoterisches, d.h. etwas, das nur für den „Eingeweihten“ zugänglich ist. Die Begegnung zweier Menschen bleibt für Aussenstehende immer etwas Geheimes, in diesem Sinn Esoterisches. In Bezug auf Gottes personale Liebe verschärft und vertieft sich sogar das Esoterische, denn was zwischen einem Menschen und Gott vorgeht, kann ausser den beiden niemand ergründen. In diesem Sinne ist bei Jesus auch das esoterische Element zu finden.

 

Der „Einweihungsweg“ Jesu

Ein zentraler Begriff im Bereich der Esoterik ist die Einweihung, Initiation oder der Einweihungsweg. Er ist meist Ritualisiert mit Belehrung und harten Prüfungen verbunden. Es geht dabei um eine innere Entwicklung. Christliche Mystiker (Bonaventura) haben in Anlehnung an Plotin vom Weg der Reinigung (via purgativa), der Erleuchtung (via illuminativa) und vom Weg der Einung (via unitiva) gesprochen. Diese Grade sind als Übergänge zu einem immer tieferen Verstehen zu werten. Wie in den esoterischen Traditionen, kann dieser Weg nur verstanden werden, wenn man ihn erlebend nachvollzieht. Das wichtigste Kennzeichen des Innenweges ist, das das Göttliche als eine innere, hinter und über dem Ich liegende Instanz erfahren wird, nämlich als ein Ergriffensein, als ein inneres Erglühen. Gott in der Tiefe der Seele ist das Thema der grossen Mystiker innerhalb und ausserhalb des Christentums.

Man kann nun das historische Leben Jesu unter dem Aspekt des Einweihungsweges betrachten: Taufe, Worte aus dem Himmel (vgl. Mose beim Dornbusch; Elia am Horeb), WĂĽstenzeit mit wilden Tieren, Fasten, Versuchung.

Die zweite Stufe, die Erleuchtung, ist erst in jüngster Zeit über die östliche Meditation wieder in das Bewusstsein gerückt. Der „Erleuchtete“ hat eine unmittelbare Verbindung zur transzendenten Quelle seines Wesens. Deshalb vermittelt er Kraft und Ausstrahlung und eine neue, überlegene Sicht der Wirklichkeit. Er steht über allen politischen und weltanschaulichen Positionen. Das Kennzeichen ist Mündigkeit, d.h. emotionale und geistige Autonomie; weiterhin: Freiheit von Angst vor Sinnlosigkeit, vor Einsamkeit und vor dem Tod. Das überweltliche Leben, das durch sie hindurchbricht, bedeutet Fülle des Daseins und universale Liebe. Es ist die volle Bejahung allen Lebens und aller Menschen, ganz gleich welchem Stand und Volk sie angehören.


Jesus: Der Erleuchtete

Das Verwandeltwerden Jesu, bei seiner Verklärung lenkt den Blick auf die innere Dimension der Gestalt und Botschaft Jesu. Deutlicher kann nicht sichtbar werden, was es heisst, dass das Reich Gottes in Jesus gekommen sei. Das Thema der Erleuchtung war Jesus nahe: Vgl. der Gerechte wird leuchten wie die Sonne (Mt. 13,43); Licht der Welt (Mt 5,14f). Das Leuchten aus eigener Kraft ist Synonym für Autonomie und Souveränität gegenüber der Tradition und den Herrschenden der Zeit. Damit ist auch die überströmende Liebe zu den Verachteten verbunden, und zu jedem Menschen, der die Begegnung sucht. Das Thema der Erleuchtung ist auch Schlüssel für viele Aussagen Jesu, die uns als paradox oder als Überforderung erscheinen. So findet man einen Zugang zum Verständnis der Bergpredigt. Wesentlich ist, dass ein Erleuchteter über den Emotionen steht. Feindesliebe verlangt eine Position über den Gegensätzen, über Sympathie und Antipathie. Sie ist nur dem möglich, der nicht mehr aus dem emotionalen, sondern aus dem noch stärkeren geistigen Erlebnisgrund seine unmittelbaren Impulse empfängt.

Andere Hinweise: Wer so radikal von der Sorglosigkeit reden kann, muss in sich eine absolute Fülle getragen haben. Auch Leiden und Tod gehören zum Innenweg Jesu.


Der Einweihungsweg der JĂĽnger: Kein theologisches Seminar

In der Schulung der Jünger kam es nicht auf die gedankliche Erfassung des Gesagten an. Es ging weniger um die intellektuelle Ebene als um die emotionale und spirituelle. Das Entscheidende ist die Dynamik, die in den Jüngern geweckt wird. Als sie Jesus begegnen, beginnt für sie ein neues Leben. Die Nähe zu ihm bewirkt, das sie an seiner Innenerfahrung teilnehmen, und somit ist es der innere Weg, der ihnen eröffnet wurde. Die Unterweisung war also ein Öffnen und Hinführen, eine Wandlung, ein Einweihungsweg. Daraus wurde eine Erlebnis- und Schicksalsgemeinschaft mit Jesus über den Tod hinaus.

Das Ergebnis des Einweihungsweges, die Fortschritte der Entwicklung werden von Jesus als kostbarer Schatz und als innerer Reichtum bezeichnet (Mt13,12; 13,43).


Innen und aussen: Die alten Grenzen aufheben

Die Gleichnisse Jesu können nur von einem erfunden worden sein, der Erfahrungen des inneren Wachstums gemacht hat und von solchen verstanden werden, die es erlebend nachvollziehen können. Wem innere Entwicklung fremd ist, der tut sich mit Jesu Worten schwer. Deshalb ergibt sich eine Trennung, zwischen denen, die draussen sind, die etwas zum ersten mal hören und sich nicht darauf einlassen (exoterischer Kreis), und denen, die innen sind, dem esoterischen Kreis (Mk 4,10-12). Dürckheim meint, dass die eigentliche Trennlinie heute zwischen denen verlaufe, die zum lebendigen, schöpferischen, verbindenden und einenden Urgrund durchgestossen sind und mit ihm Fühlung haben und aus seiner Kraft leben und auf der anderen Seite, jenen, denen die Berührung mit der Tiefe des Seins verschlossen ist. Die Oberflächlichen, für die Religion ohnehin überflüssig ist.

Mit anderen Worten: Es geht nicht darum, dass Gott bewiesen oder geleugnet wird, sondern dass das, was wir Gott nennen, mit einem neuen, erfahrbaren Inhalt gefĂĽllt wird. (vgl. Jesu und die Samariterin am Brunnen - Joh 4,19f).


Bitteres in SĂĽsses verwandeln

Das Wort „anbeten“ ist heute ein Fremdwort geworden. Es scheint überflüssig zu sein. Wer es aber verstanden hat, wird anders reden.

Anbetung heisst: Ich komme zur Ruhe. Ich spüre mich selbst und weiss mich von einem tragenden Grund und Gegenüber aufgehoben. Ich erkenne, dass ich mich einem Grösseren verdanke. Deshalb kann ich geschehen lassen und auch meine Ängste lassen. Es entsteht ein Raum der Zweckfreiheit, wo sich die Gefühle erholen, wo Sammlung und Neuorientierung geschieht. Wer zur Anbetung in Wahrheit findet, wird anders.

In der Frühzeit der Christenheit war es der Prozess der Bekehrung und der Taufe. Wer ihn vollzog, wurde eingetaucht in den Denk- und Erlebnishorizont Jesu, in die Atmosphäre, die er ausstrahlte. Dieses Eintauchen in den Erlebnishorizont Jesu beschreibt Franz mit den Worten: Bitteres verwandelt sich in Süsses.


Schluss: Unvermischt und ungetrennt

Das naturwissenschaftliche Denken hat Intellekt vom GefĂĽhl, Wissen von Werten getrennt. Die Folge ist eine seelenlose, erstarrte Welt. Als Gegenreaktion vermischt und verwechselt die Esoterik alles und schafft Chaos und Verwirrung. Daher gilt es die Balance zu gewinnen, zw. dem Reich des Irrationalen und dem kritischen Verstand.

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