Der Faktor Jesus in meinem Lebensalltag

Der Faktor Jesus in meinem Lebensalltag

von Benedikt Walker | 12.01.2012

Vor einigen Wochen stellte ich verschiedenen Unternehmern die Frage, worin sich Vorgesetzte mit einem humanistisch geprägten Menschenbild von solchen mit einem biblischen Menschenbild unterscheiden. Ist ihr Umgang mit unterstellten Mitarbeitenden anders? Wenn Gott wirklich Realität ist, wenn er der Schöpfer dieser Erde ist und falls Jesus Christus wirklich gelebt hat, sollten dann nicht Spuren von seinem Wirken in ihrem Leben sichtbar sein? Gibt es einen «Faktor Jesus»? Wenn ja, wie wirkt sich dieser auf ihr Leben aus?

Mehr als eine Lebensphilosophie

Inspirierend fand ich die Antwort einer guten Freundin. Sie antwortete, dass das Christentum dort beginne, wo der Humanismus aufhöre. Der Glaube an den christlichen Gott sei mehr als eine Lebensphilosophie und das Einhalten von christlichen Werten. Es sei die Beziehungspflege zum Schöpfergott, welche mein Denken, Handeln und meinen Umgang mit den Mitarbeitenden beeinflusse.
Ich möchte mit vier Beispiele zeigen, wie der Glaube an den biblischen Gott mein Handeln beeinflusst:

Gott im Mitmenschen sehen

Im ersten Buch Mose (1 Mose 1,28) lesen wir, dass Gott die Menschen «nach seinem Bilde» schuf. Gott ist der Töpfer und wir sind die Vasen und Schalen, die er liebevoll und mit viel Kreativität geformt hat. Spuren seines Handelns sind in jedem Gegenstand erkennbar. So ist der Umgang mit den Vasen und Schalen ein Ausdruck der Wertschätzung und des Respekts vor dem Künstler. Auf uns Menschen übertragen, bedeutet dies, dass unser Umgang mit den Mitmenschen eine Form der Wertschätzung Gott gegenüber ist. Konkret drückt sich also eine Beziehung zu Gott in der Beziehung und im Umgang mit den Mitmenschen aus. Man kann auch sagen, so wie ich in einem Bild dem Maler begegne, begegne ich im Mitmenschen auch Gott. Hier sind nicht nur die engsten Familienmitglieder, sondern auch Menschen gemeint, die mir fremd sind, da sie zum Beispiel aus einer anderen Kultur kommen. Sichtbar wird dies auch im Einsatz für die Ärmsten, für die Kranken und für die Verlierer in der Gesellschaft. Oder im Anliegen, Menschen von der Liebe Gottes zu erzählen. Diese Erkenntnis beeinflusst meinen Umgang mit den Mitarbeitenden und meinen Nachbarn. Auf ein Unternehmen übertragen heisst dies, dass dieser Aspekt des Menschenbildes in der Mitarbeiterkultur sichtbar wird.

Versöhnt mit Gott und den Mitmenschen

Die Bibel ist voll von Beispielen, in denen es um Versöhnung und Vergebung geht. So ist die Versöhnung ein zentraler Bestandteil im christlichen Glauben: Versöhnung mit Gott, Versöhnung mit den Mitmenschen und mit mir. In einer Rede fordert Jesus uns auf (Matthäus 5,24), uns zuerst mit den «Geschwistern» zu versöhnen, bevor wir Gott anbeten. Gelebte Versöhnung verändert uns Menschen zutiefst und setzt uns innerlich frei. Dies verändert unsere Haltung den Mitmenschen gegenüber und ist für die Menschen um uns herum spürbar.

Ich bin wertvoll, weil Gott mich geschaffen hat

Die Bibel spricht vom Wert jedes Menschen. Den Wert erhalten wir nicht durch die Leistung, die familiäre Zugehörigkeit oder durch das Haus an bester Lage. Den Wert erhalten wir, da wir Menschen sind. Gott als Schöpfer gibt jedem Menschen einen Wert, den wir nicht zerstören oder absprechen können.

Weil Gott Schöpfer ist, darf ich schöpferisch sein

Ich glaube an einen Schöpfergott, der die Menschen, die Tiere und die Welt der Sterne erschaffen hat. In der Beziehung zum Schöpfergott geht es nicht nur um die Beziehung zu ihm. Im Umgang mit der Schöpfung ist die Ehrfurcht vor dem Schöpfer erkennbar. Dies drückt sich unweigerlich im Umgang mit den Menschen, im verantwortungsvollen Umgang mit Umweltressourcen, in der Verantwortung für die nachfolgenden Generationen und im gesellschaftlichen und politischen Engagement aus. Wenn Gott in erster Linie als Schöpfer gesehen wird, dann besteht auch die höchste Würde des Menschen darin, dass er schöpferisch tätig ist.

Glaube im Alltag – ein alte christliche Tradition

Die Fragestellung, wie sich mein Glaube im Alltag auswirkt, stellte sich vor über 1500 Jahren auch schon Benedikt von Nursia. Für ihn war dies so zentral, dass er die Einsiedelei verlies und in seinen Klöstern verlangte, dass die Mönche sich nicht einfach für das Gebet zurückziehen dürfen, sondern körperlichen Aufgaben nachgehen und mit anderen Mönchen zusammen leben sollen. Aus dem reichen Erfahrungsschatz entstanden Grundregeln für das Klosterleben, die uns in den «Regeln von Benedikt» überliefert sind. Nach der Benediktinischen Tradition ist das Ziel des Lebens, dass in allem Gott verherrlicht wird. So sieht Benedikt von Nursia das Kloster als eine Weggemeinschaft von Menschen, welche Gott suchen. Die Herausforderungen der Arbeit und die Ausübung der Gottesbeziehung hängen für ihn eng zusammen. Der Leitsatz «Ora et Labora» umschreibt dieses wichtige Anliegen. Das «Ora et Labora» trennt den Alltag nicht in zwei unabhängige Teile wie Beten und Arbeiten, sondern ist eine Hilfe, Gott in der Arbeit zu finden und zu verherrlichen.
Wie viele Menschen bin ich verleitet, im Eifer der Arbeit meine persönlichen Grenzen zu missachten und zu überschreiten. Diese Grenzen zeigen mir, dass ich «nur» ein Mensch bin. Ein Missachten meiner eigenen Kräfte und Fähigkeiten führt oft zu Misserfolgen und kann in einer Erschöpfungsdepression enden. Ein gesunder Umgang mit der Arbeit führt nicht zum Burnout. Mich ermutigt ein Satz von Theresa von Avila: «Gott ist vielmehr daran interessiert, uns ganz zu gewinnen, als dass wir die ganze Welt für ihn gewinnen.»
Auf meiner Reise mit dem «Ora et Labora» erlebe ich, dass meine innere Gebetshaltung meinen Berufsalltag verändert. Es verändert nicht nur meine Arbeitshaltung, sondern auch mein Denken und Handeln. Mein Wunsch auf meiner weiteren Reise ist, dass ich weiter lernen darf, der Arbeit die richtige Stellung zu geben und durch meine Tätigkeiten Gott zu ehren und auf ihn zu verweisen.

Verantwortung in der Gesellschaft

Wer hat nicht schon versalzte Spaghetti aufgetischt bekommen? Oder Nudeln gegessen, bei denen das Salz vergessen ging? Als Chemiker fasziniert es mich zu sehen, wie gross der Einfluss von nur wenigen Salzkörnern auf den Geschmack ist. Jesus verwendet das Beispiel des Salzes und forderte seine Zuhörer und Zuhörerinnen auf, das Salz in der Gesellschaft zu sein (Matthäus 5,13). Das heisst nicht, ungeniessbare Salzklumpen zu bilden und sich zurückzuziehen, sondern sich dem «Wasser» auszusetzen, Mitverantwortung zu übernehmen und in die Gesellschaft hineinzuwirken. Dies geschieht zum Beispiel durch meinen Beruf, indem ich mich mit der Frage auseinandersetze, wie sich der Glaube in meinem Berufsfeld auswirkt. So präge ich die Gesellschaft durch meine Berufstätigkeit mit. Eine andere Form ist das Mitgestalten des Quartierlebens. Hier gibt es unzählige weitere Beispiele.
Ein modernes und hilfreiches Bild ist das eines U-Boots. Ein U-Boot taucht ab, beobachtet das Geschehen aus Distanz und erscheint nach längeren Unterbrüchen wieder an der Oberfläche, um aufzutanken. Christen, die nur unter sich verkehren stehen in Gefahr, ein U-Boot-Leben zu führen. Am Montag tauchen sie ab mit der Hoffnung, dass niemand merkt, dass sie gläubige Menschen sind. Am Sonntag heisst es auftauchen und in den Gottesdienst gehen. Am darauffolgenden Montag geht es wieder für einige Tage auf Tauchstation. Die Salzkraft liegt aber nicht im Abtauchen, sondern in der ständigen Frage, wie ich mich in die Gesellschaft hineingeben und mein Umfeld mitprägen kann. Wir sind also aufgefordert, uns wie ein Schiff auf dem Wasser und nicht wie ein U-Boot unter dem Wasserspiegel fortzubewegen.

Der Glaube ist persönlich, aber keine Privatsache

Jedesmal, wenn sich kirchliche Vertreterinnen und Vertreter zu einem innenpolitischen Thema äussern, schreien viele Politiker auf und fordern, dass sich die Kirche aus den politische Fragen heraushält. Häufig fällt auch der Ausdruck, dass der Glaube Privatsache sei und deshalb auch privat bleiben müsse.
Ich freute mich sehr, als sich die katholische Bischofskonferenz zu dieser Aufforderung aus der Politik meldete und Stellung bezog. Sie erklärte, dass der christliche Glaube zwar etwas sehr Persönliches sei. Denn er wirke sich auf mich als Person, auf mein Denken und mein Handeln aus. Dies betreffe aber auch die Menschen um mich herum. «Deshalb ist der Glaube nie Privatsache».
Die Stellungnahme drückt aus, dass der Glaube etwas Ganzheitliches ist, das nicht auf das stille Kämmerlein reduziert werden darf. Der Glaube beeinflusst mein Denken und mein Handeln. Das ist nicht nur für andere erkennbar, sondern hat auch einen Einfluss auf die Mitmenschen. Die Forderung von «Glaube ist Privatsache» ist eine Reduktion und hat zur Folge, dass dem christlichen Glauben die Alltagsrelevanz und der gesunde provokative Stachel genommen wird.

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