Denken, nicht nur worshippen

Denken, nicht nur "worshippen"

von Fritz Imhof | 08.02.2011

Apologetik wird fĂĽr evangelische Christen wieder zum Thema

Nachdem die denkerische Auseinandersetzung von Christen mit andern Weltanschauungen für zwei Jahrzehnte dem „Worshippen“ und den guten Gefühlen Platz gemacht hat, fordern jetzt die Freidenker und Atheisten die Christen wieder zum Denken heraus. Die Postmoderne neigt sich dem Ende zu, man diskutiert wieder über „Wahrheit“.

Überraschend gut besucht war die Tagung der VBG und des Instituts INSIST am 5. Februar zum Thema Weltanschauungen. Die neuen Atheisten fordern die Christen heraus, wieder Argumente für ihren Glauben zu liefern. Da sich aber der Glaube im Sinne von Vertrauen in Gott nicht argumentativ untermauern lässt, ist es sinnvoll, sich bewusst zu werden, welche Weltanschauung Christen haben und welches die alternativen oder gegnerischen Weltanschauungen sind.

 

Denken macht Christen sprachfähig

„Ein Glaube, der sich dem Denken verschliesst, wird sprachunfähig in der Auseinandersetzung mit anderen Weltanschauungen“, sagte dazu Felix Ruther, Hauptreferent der Tagung in Zürich. „Glauben oder Denken ist also die falsche Alternative“, so der Studienleiter der VBG. Und er lieferte dazu auch eine herausfordernde These: „Für den Glauben, sowohl im persönlichen Vollzug wie auch in seiner Reifung, ist das Denken konstitutiv.“ Ruther folgerte daraus: „Christlicher Glaube muss mehr als nur ein persönliches Zeugnis haben. Er muss die Gründe benennen können!“

Wer den Glauben denkend verarbeitet, steht laut Ruther auch weniger in Gefahr, in die „Fundamentalismusfalle zu treten“. Der Fundamentalist behauptet eine absolute Wahrheit, ist aber nicht in der Lage, sie auch vernünftig zu begründen. Ruther bezeichnet ihn sogar als einen „inneren Feind des biblischen Glaubens“. Verschmelzungswünschen und falschen Harmonisierungsstrategien erteilte er ebenso eine Absage. „Zu wissen was man glaubt, und weshalb man das glaubt, was man eben glaubt, ist ein ganz wichtiger Akt“, so Ruther. Denn der Glaube steuere auch das Handeln. Auch das Tun anderer: „Säe einen Gedanken, und du erntest eine Tat.“

Weltanschauungen haben Denkvoraussetzungen

Weltanschauungen gehen laut Ruther von Axiomen aus, auch die christliche. Ihr Axiom lautet: „Es gibt Wahrheit; es gibt einen Sinn im Ganzen; Gott existiert; was der Mensch ist, erklärt sich durch die Evolutionstheorie nicht vollständig ... Aufgrund dieses Axioms können Christen die Welt erklären und „ihr Denken erneuern“, wozu der Apostel Paulus aufforderte. Es bedeutet, das Denken „unter den Gehorsam Christi“ zu stellen. „Die ganze Welt gehört Gott“, hatte der holländische Politiker, Theologe und Universitätsgründer Abraham Kuyper gesagt. Das entscheidende Kriterium einer Weltanschauung für Ruther lautet: „Ist sie gottgerecht, menschengerecht und sachgerecht?“

 

Weltanschauungen sind nie beweisbar

Ruther entlarvte auch die Widersprüchlichkeit von Argumenten der Gegner des Christentums. Die Behauptung „es gibt keine absolute Wahrheit“ zum Beispiel sei in sich selbst widersprüchlich. Sie äussert sich selbst als absolute Wahrheit. Die Behauptung gleiche derjenigen eines Kreters, der sagt: „alle Kreter lügen“.


Auch im täglichen Gespräch äusserten Menschen populäre  Glaubenssätze, die meistens unwidersprochen blieben. Ruther nannte Beispiel wie:

  • Alle Religionen sind gleich
  • Es gibt keine Wunder
  • Gott existiert nicht
  • Es gibt kein Ereignis ohne Ursache


Obwohl solche „Glaubenssätze“ für viele Leute plausibel klingen mögen, müsse ihnen widersprochen werden. Zwar sei auch der Glaube nicht beweisbar, sondern nur bezeugbar, so Ruther. Wenn sich zwei Weltanschauungen widersprechen, so stehe Glaube A gegen Glaube B im Raum, und beide seien nicht beweisbar. Es gehe in der Auseinandersetzung um Weltanschauungen nie um Glauben gegen Wissen, sondern es gebe durchaus Kriterien für eine „vernünftige Weltanschauung. Ruther nannte dazu die drei Begriffe:

  • Kohärenz (sie ist nicht selbstwidersprĂĽchlich.)
  • Kongruenz (sie stimmt mit den vorgegebenen Daten und Fakten ĂĽberein.)
  • Kompatibilität (Neues sollte in die Weltanschauung eingeordnet werden können.)

Ruther warnte dennoch vor Überheblichkeit. Auch Christen besitzen nie eine „übergeordnete Position des völligen Wissens.“ Und ihr „Erkennen ist Stückwerk“. – „Auch wenn wir zutiefst von unserer Weltsicht überzeugt sind, erfordern weltanschauliche Diskussionen ein gewisses Mass an Demut“, mahnte Felix Ruther.

Warnung vor christlicher Gnosis

Nach einer Darstellung zeitgenössischer Weltanschauungen – vom Idealismus über den Materialismus bis zum Monismus machte Ruther einen Exkurs über „Evangelikale Gnosis“. Im Kampf gegen den theologischen Liberalismus habe die evangelikale Szene das Denken aufgegeben und die Gläubigen aufgerufen, „einfach zu glauben“. Der Glaube sei damit aus dem öffentlichen Leben entfernt und ins Private verlagert worden. Anstatt die jüdisch-christliche Weltanschauung zu verteidigen, habe sich die evangelikale Szene von all dem zurückgezogen, was als „weltlich“ gilt und sich auf einen begrenzten Raum – den sogenannten „geistlichen“ Bereich – zurückgezogen. Glaube, Theologie und Mission seien in den geistlichen Bereich verlagert und als das Wichtigste von allem angesehen worden. Vernunft, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst, Musik und die materielle Versorgung des Menschen hätten einen niedrigeren, materiellen Wert bekommen. „Daran leiden wir noch heute.“

Im Anschluss an die zwei Referate wurden die Beobachtungen und Thesen von VBG-Mitarbeitenden in Workshops zu den Themen Pädagogik, Psychologie, Architektur, Politik, Medien, Film, Literatur, Theologie und christliches Zeugnis vertieft.

Hinweis: Das Magazin INSIST hat in der Nummer 4/10 das Thema Weltanschauungen ausfĂĽhrlich behandelt.

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