Christliche Meditation

Christliche Meditation

von Walter Gasser | 01.01.2005

Bei "Meditation" denken viele gleich und ausschliesslich an asiatische Religionen. Manche, die mit Ernst Christen sein wollen, lassen sich deshalb grundsätzlich nicht auf Meditation ein, weil sie befürchten, diese führe von einer Herzensbeziehung zu Christus weg. Tatsache ist aber, dass es in den christlichen Kirchen seit Jahrhunderten einen Schatz an Meditationserfahrungen gibt. In verschiedenen auf Christus bezogenen Übungen kann ich lernen, innerlich still zu werden, ganz da zu sein und gesammelt verweilen zu können, um durch Worte der Bibel Jesus Christus in mir Gestalt werden lassen.

Die kopflastige Theologie der letzten zwei Jahrhunderte ist mitverantwortlich, dass die christliche Tradition des Meditierens und Stillseins vor Gott in den Hintergrund getreten sind. Das zeigt sich auch in den Bibelübersetzungen. So steht beispielsweise in Psalm 1,2 und Josua 1,8 der hebräische Ausdruck „hagah“, der soviel wie „das Wort murmeln“, „es mit leiser Stimme oft wiederholen“ bedeutet. In der lateinischen Übersetzung steht „meditari“ – ein Hinweis darauf, dass dieses „Murmeln“ von Gottes Wort eine der einfachsten Meditationsformen ist – So wird unser Herz anders erreicht als durch blosses Nachdenken. In den meisten deutschen Übersetzungen ist der Ausdruck jedoch übersetzt als „über das Wort nachsinnen“; nur einige wenige Übersetzungen benutzen den Ausdruck„murmeln“.
In der orthodoxen Kirche kennt man seit Jahrhunderten die Meditationsform des sogenannten Herzens- oder Jesusgebetes. Dabei wird der Name Jesu im Rhythmus des Atems oder des Herzschlages angerufen. Auch der evangelisch-reformierte Liederdichter Gerhard Tersteegen (17. Jahrhundert) hat in vielen Liedern (z.B. „Gott ist gegenwärtig“ oder „Feierabend“) das schweigende Dasein vor Gott unübertroffen tief beschrieben.

Staunen wie ein Kind

Doch was ist Meditation? Meditation ist zunächst etwas Urmenschliches. Wenn ein kleines Kind ein ihm unbekanntes Tier sieht, kann es Ort und Zeit vergessen, es ist ganz da, völlig gesammelt – in diesem Moment gibt es für das Kind nichts mehr anderes als dieses Tier. Genau das wollen auch Übungen der Meditation: helfen, dass wir als Erwachsene für die Gegenwart Gottes so gegenwärtig, empfangsfähig werden wie ein Kind. Wenn das gelingt, ist es beides: Geschenk des heiligen Geistes und Frucht unserer Übung.

Durch unsern heutigen, zu oft hektischen Lebensstil haben wir nicht gelernt, wirklich still zu sein. Längere Zeit zu schweigen, gerade auch mit andern zusammen, fällt vielen schwer. Sie halten längere Stille kaum aus.
In der Stille begegnet man auch sich selbst. Kann ich mich selbst aushalten? „Unter dem liebenden Auge Gottes kann ich mir selbst in die Augen sehen“ – habe ich das schon erlebt?

Auch wenn die äussere Stille gelingt, so entdecken die meisten in sich eine pausenlose Gedankenmühle. Man möchte sich sammeln, verweilen können, doch die Gedanken springen immer wieder woanders hin. Die Frucht von Meditationsübungen kann sein, dass wir ein „Unser Vater“ oder einen kurzen Psalm beten können, ohne dabei mit den Gedanken abzuschweifen. Dass abschweifende Gedanken zur Ruhe kommen und wir sie loslassen können, das ist ein Grundanliegen in allen Meditationsformen.

Wie Stillsein gelingen kann

Weil echte Sammlung gelernt sein will – das gilt für alle Menschen, ob Christen oder nicht – gibt es Vorübungen zur Meditation. Diese Vorübungen sind Hilfen zur Sammlung und betreffen meist drei Bereiche:

1. Körperhaltung
„Die Christen vergessen, das was immer ihr Leib tut, ihre Seele beeinflusst“, schreibt C.S. Lewis. Aus diesem Grund achtet man auch in der christlichen Meditation auf die Körperhaltung. Sie spielt aber niemals dieselbe zentrale Rolle wie in den asiatischen Meditationsformen. Sie ist schlichte Sammlungshilfe.
Es gibt verschiedene empfehlenswerte Arten des Sitzens. Recht verbreitet sind die Knieschemel oder Meditationsbänklein, damit man in Bodennähe sitzen kann. Es braucht nicht der strenge Lotussitz zu sein, da er zu sehr an die asiatischen Praktiken erinnert und nicht unbedingt anatomisch ist. Sinn und Ziel des guten Sitzens ist es, ohne Probleme zehn bis 20 Minuten in der gleichen Position verharren zu können.

2. Muskelspannung
Unsere Muskeln sollen beim Sitzen nicht stärker angespannt sein als nötig. Wer seinen Körper liebevoll wahrnimmt, eine Wohlspannung gewinnt, dessen Gedankenflut beruhigt sich. Um dies zu erreichen, gibt es eine Fülle von einfachen Übungen. Sie helfen unseren Körper – der ja der Tempel des Heiligen Geistes ist – liebevoll wahrzunehmen, von Kopf bis Fuss. Wir lockern z.B. bewusst Gesicht und Hände, das hat auf den ganzen Körper Auswirkungen. Wir brauchen ja nicht mit aufeinander gepressten Zähnen – eben „verbissen“ – zu üben. Übungen der Eutonie (=Wohlspannung) und andere sind hilfreich.

3. Atem
Unser Atem ist ein Geheimnis und tiefes Symbol. Es ist Gott, der uns atmen lässt. Das Erste in unserm Leben ist einatmen, das Letzte ist ausatmen. Die hebräische, griechische und lateinische Sprache hat für „Atem“ und „Geist“ das gleiche Wort. Wir können willentlich atmen, sehr oft aber „atmet es in uns“. Sich diesem Rhythmus des Ein- und Ausatmens zu überlassen, sammelt und löst sehr. Da kommen die Gedanken und Gefühle noch mehr zur Ruhe. Der Rhythmus des Atmens kann verbunden werden mit kurzen Worten, die wir verinnerlichen wollen. So kann ich mit dem Einatmen beten: „Mein Erlöser...“, beim Ausatmen: „...ich lass mich dir.“ Das kann ich auch mit einem Zuspruch Gottes tun, z.B. beim Einatmen: „Siehe...“, beim Ausatmen: „...ich bin bei dir.“ Der Atem dient damit nicht nur als Vorübung zur Sammlung, der Atmen hilft uns auch zu Formen christlicher Meditation.

Die Bibel lebendig werden lassen

Geschichten und Gleichnisse eignen sich besonders gut fĂĽr die Meditation, da sie bildhaft sind. In den Erzählungen der Evangelien wird uns Jesus vor Augen gemalt, in seinen Gleichnissen malt er uns seine Botschaft vor Augen. Aber auch Geschichten von Abraham, Jakob und andern alttestamentlichen Gestalten eignen sich. Meditieren heisst, diese Berichte in der Stille auf und in sich wirken zu lassen, damit GefĂĽhl und Wille bewegt   werden, statt nur der Verstand – und damit sich das reine Bibelwissen in Betroffenheit verwandelt.
Wenn es uns geschenkt wird, dass wir vertrauend loslassen und geschehen lassen können – dazu helfen die Vorübungen – dann machen die Worte der Bibel etwas mit uns (statt wir mit ihnen, wie es sonst oft der Fall ist). Wir werden in das erzählte Geschehen hineingezogen, wie wenn wir selbst dabei wären. So meditierte beispielsweise ein Pfarrer das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lukas 10,30 und folgende) und nahm an, er würde sich in der Person des Samariters widerfinden. Es erschütterte ihn tief, als er sich stattdessen als Räuber erlebte, der einen andern überfiel.

Mit den innern Sinnen wahrnehmen

Falls es uns nicht wie von selbst hineinnimmt, spielt die Wahrnehmung des biblischen Wortes mit den innern Sinnen eine wesentliche Rolle. Die Anweisung, die fĂĽnf Sinne in der Betrachtung der Bibel einzusetzen, geht auf Ignatius von Loyola zurĂĽck (1491-1556).
Zum Beispiel können wir in der Geschichte vom blinden Bartimäus (Markus 10,46) in der Vorstellung Ort und Personen der Heilung schauen: Wie sah die Strasse aus, an der er sass? Wie die Gesichter der Menschen? Dann „hören“ wir: Wie klang das Rufen des Blinden? In der Erzählung von der Salbung Jesu in Bethanien (Markus 14,3-9) spielt Berührung, also der Tastsinn, eine wichtige Rolle. Wir „spüren“ innerlich, wie die Berührung der Frau für Jesus war und umgekehrt. Und wie roch das Parfüm in dem Haus?

Identifikation: Distanz ĂĽberwinden

Wir versetzen uns bewusst in eine der handelnden Personen, erleben das Geschehen in ihrer Haut, identifizieren uns mit ihr. Wir werden spontan mit einer uns sympathischen Person beginnen. Aber es lohnt sich, wenn wir uns auch in uns abstossende Personen versetzen, in den Kindermörder Herodes, in den Verräter Judas. Vielleicht entdecken wir, dass auch Seiten von ihnen in uns lebendig sind. Auch mit Jesus dürfen wir uns identifizieren, wir sollen ja verwandelt werden in sein Bild.

Dem Erlebten nachspĂĽren

Nach der Meditationszeit spüre ich dem nach, was das Wort in der Stille mit mir gemacht hat. Am besten schreibe ich auf, welche Reaktionen es in mir ausgelöst, welche Empfindungen es in mir geweckt hat, wie es in mir weiterklingt. Es ist wichtig, für diese feinen Regungen wach zu werden. Dies können auch Widerstände gegen Gott oder ein Wort von ihm sein. Ich versuche, all diese Dinge wahrzunehmen und sie Gott hinzuhalten. Achten wir auf diese feinen Regungen und fixieren wir uns nicht auf grossartige Erlebnisse!

Die folgende Erfahrung ist etwas aussergewöhnlich, zeigt aber deutlich, wie das Bibelwort sich mit der Lebenswirklichkeit des Meditierenden verbinden und darin wirken kann. Ein etwa 50jähriger Mann meditierte in einer Gruppe unter Anleitung den Text über die Verklärung Jesu (Lukas 9, 28-36). Der Evangelist betont in diesen Versen, dass Mose und Elia mit Jesus redeten „über seinen Lebensausgang, den er in Jerusalem vollenden sollte“ (Vers 31). Nun litt der Meditierende schon längere Zeit an den Nachwirkungen eines schlimmen Unfalltraumas und an starken Schwindeln. Immer wieder sah er das Bild des Unfalles, die tote Frau mit dem zertrümmerten Schädel, die blutverschmierte Hauswand. Er „sieht“ und „hört“ nun in der Meditation, wie Jesus, Mose und Elia im Lichtglanz vom Kreuz reden. Jesus am Kreuz und Jesus im Lichtglanz, die beiden Bilder wechseln immer wieder. Er „sieht“ die tote verstümmelte Frau am Boden und plötzlich „sieht“ er auch sie im Lichtglanz. Jesus am Kreuz, Jesus im Licht, die verstümmelte Frau, die Frau im Licht. Dann liegt er selbst tot neben der Frau, dann wieder sieht er sich selbst im Lichtglanz. Während all dem fühlt er, wie tief in ihm eine Verkrampfung gelöst wird. Nach dieser Meditation sind die Schwindel nicht mehr zurückgekommen.

Wenn dein Herz wandert,
bring es behutsam an seinen Ort zurĂĽck
und versetze es sanft
in die Gegenwart des Herrn.
Und selbst wenn du in deinem Leben
nichts getan hast,
ausser dein Herz zurĂĽckzubringen
und wieder in die Gegenwart Gottes
zu versetzen,
obwohl es jedes Mal fortlief,
nachdem du es zurückgeholt hattest –
dann hast du dein Leben wohl erfĂĽllt.

Franz von Sales (1567-1622)  

 

 

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