Auf dem Weg der Sehnsucht

von Bernardin Schellenberger |

Schellenberger legt den Horizont der Sehnsucht offen und entwirft eine Spiritualität, die uns nicht nur bestätigen, sondern verändern kann. Leidenschaftlich - und klärend.
Schellenberger, Bernardin. Auf dem Weg der Sehnsucht – Zum spirituellen Leben heute. ISBN 3451054655. Freiburg: Herder Spektrum 2004. 170 Seiten.

Eine Buchzusammenfassung von Felix Ruther

1. „Erfahrung ist alles. Alles ist Erfahrung“

Eine einfache Grundaussage: Die fruchtbaren Wege der Sehnsucht sind Wege des konkreten, weithin nüchternen, mühsamen und komplizierten Lebens. Darum findet die Spiritualität im praktischen Leben selbst statt und entwickelt sich vor allem darin.


Eine zweite Aussage: Ich bin der Überzeugung, das man auf die Wege der Sehnsucht und ins spirituelle Leben in dem Masse geführt wird, in dem man zu hören bereit ist, sich als Angerufener versteht und einem Ruf über sich selbst hinaus folgt.


Mein Anliegen

Mich drängt die Sorge, dass der Begriff der Spiritualität zunehmend verkommt. Dazu sehe ich drei Tendenzen.


Die erste Tendenz besteht darin, das „Spiritualität“ derzeit einseitig vom Bedürfnis unserer strapazierten und gehetzten Zeitgenossen nach Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit her definiert und angeboten wird. Spiritualität wird als Traumland angeboten, in dem aller Stress und alle Probleme des täglichen Lebens enden.

Kann es denn wahr sein, dass in einer Zeit, in der unsere Menschheit und unmittelbare Umgebung in einer vitalen Krise stecken und klare Unterscheidung, Stellungnahme und energisches Engagement angesagt wäre, auf spirituellem Gebiet vorwiegend geträumt, gesehnt, gekuschelt, getanzt, entspannt und das kleine Alltagsglück kultiviert wird? Dass also, nachdem die Religion in ihrer alten Form out ist, man „Spiritualität“ als neue Spielart des „Opiums fürs Volk“ anbietet und harmlose Zustände des wohltuenden Durchatmens, Entspannt- und Glücklichseins als „spirituelle Erfahrung“ etikettiert?

Echte spirituelle Erfahrung kosten den Einsatz des eigenen Lebens. Sie findet sich eher in der „Hölle“ des ganz normalen verrückten Alltags als im „Himmel“ der wohltuenden Entspannung. Man läuft einer Illusion nach, wenn man bei der spirituellen Suche das Leben ausklammert.

Heute wird einem gesagt, dass man das Vorgeschlagene nur zu wollen brauche, und dann funktioniere die Methode; in Wirklichkeit wollen viele Menschen wollen, aber sie können nicht wollen. Das wird aber ganz selten thematisiert.

Zudem wird unterstellt, jedem Menschen stehe der vorgeschlagene Weg offen, ob Gauner oder Idealist. Es gehe nur um die Ăśbungen und die Frage, wer sie besser hinkriege.

Alle grossen Religionen setzten aber das Bemühen um eine recht anspruchsvolle Lebensmoral voraus. Heute ist das Reden von Spiritualität aber beliebter, wenn dabei nicht viel von moralischer Anstrengung gesprochen wird. Das gilt auch für Anstrengungen des Denkens. Oft bekommt man mit zwar guten Entspannungsanleitungen auch noch das Weltbild mitgeliefert, das sagt, die ganze Wirklichkeit sei göttlicher Natur. Woher die Autoren das wissen, sagen sie nicht. Diese Vorstellung breitet sich wie ein betäubender Nebel aus, der sich gut anfühlt, aber problematischer ist, als man denkt.


Auch die zweite Tendenz besteht darin, Spiritualität von der gelebten Existenz abzulösen. Hier dient sie aber nicht nur der Entspannung, sondern soll zu einem Erleuchtungs- oder Gipfelerlebnis führen. Kaum noch eigene Glaubensüberzeugungen vorweisend, weiss sich der moderne Mystiker aber mit allen Mystikern vereint. Spiritualität wir metaphysisches Vitamin, mentale Diät, Faktor einer umfassenden Selbstmedikamentation und Selbstmission. Künftig gehört transzendentale Fitness zum Selbstmanagement – und man findet heute überall Mittel, seine persönliche mystische Diät zusammenzustellen.

Inmitten der Massengesellschaft bildet sich so ein unsichtbarer Orden von Aristokraten des inneren Lebens.

Mystiker-Ă–kumene: Alle Religionen werden auf einen mystischen Kern reduziert. Das bietet den Vorzug, dass allen Formen dogmatischer VerkĂĽndigung der Boden entzogen wird; dies kommt dem Individualismus der Neuzeit entscheidend entgegen.

Mystische Erfahrungen dank Technik und Droge: Man destilliert den Erfahrungsaspekt der Mystik heraus, der gar nicht das Entscheidende ist, und lässt den Bezug zur Welt und zu den anderen Menschen unter den Tisch fallen. Es ist, wie wenn man aus einer Beziehung die reine „Liebe“ gewinnen will. Um dann eine Technik oder ein Medikament zu entwickeln, das diese Erfahrung herbeiführen könnte, so dass sich der Mensch jederzeit in den Erfahrungszustand „Liebe“ versetzen könnte. Das mag dann wohl erholsam sein, aber mit echter Liebe hat es nichts mehr zu tun.


Als dritte Tendenz kann man feststellen, dass mit recht dogmatischen Tönen ein neues (eigentlich altes) Weltbild verkündet wird. Sein Vorteil ist, dass es eine einfachere Lehre bietet, als sie das Christentum hat. Aber, ist die Welt einfach oder doch etwas komplizierter. Alles Wesentliche, was wir spirituell brauchen ist längst gesagt und sogar schon besser, als wir es sagen. Dennoch scheinen Millionen darauf zu warten, dass endlich die ultimative Schriftrolle ausgegraben wird. Auch in der Volksfrömmigkeit wuchert ein buntes Gewächs und erfreut sich das Exotische besonderer Beliebtheit.

2. Glück aus dem Körper – Narziss im Fitness-Studio

In Ovids „Metamorphosen“ wird von Narziss berichtet, dem schönen JĂĽngling, der sich in sein Spiegelbild verliebte. Sein Grundproblem auf den Punkt gebracht: Lieber den Tod, als  ... mich schenken, begehr’ ich. Dieses Bei-sich-bleiben lässt den Menschen spirituell unreif und infantil bleiben. Es bedarf des Wegblickens von sich selbst, ja des „sich Herschenkens, soll der Kreislauf der eigenen Nichtigkeit durchbrochen werden. Der heutige Narziss findet sich oft im Fitness-Studio, denn dort kann man heute quasi-spirituelle Erfahrungen machen. Narziss ist eine SchlĂĽsselgestalt heute, denn die Freude am eigenen Körper, wie auch die Faszination der eigenen Psyche können zur Falle werden, zur Sackgasse, Die tiefste christliche Ăśberzeugung lautet: Der Mensch ist nicht von Anfang an göttlich, aber in der Begegnung mit Gott werde ihm Anteil an Gottes Natur geschenkt. Narziss dagegen hat schon alles in sich.

3. Ich telefoniere, also bin ich. Adam und Eva mit dem Handy

Offensichtlich entwickeln unsere Zeitgenossen, je mobiler sie werden. Immer stärker das Bedürfnis, zu gewährleisten und zu wissen, dass jemand weiss, wo sie gerade sind. Sie halten es schlecht aus, ganz ohne Rückbindung zu sein.

Früher konnte jemand in die Ferien gehen, und ohne dass man beunruhigt war, vier Wochen nichts von sich hören lassen. Heute im Zeitalter des Handys, würde es fast niemand mehr aushalten, ohne den allabendlichen Anruf, alles sei in Ordnung. Das Handy macht nicht sicherer und freier, sondern unsicherer und abhängiger.


In Gen 3 heisst es: „Gott, der Herr, rief Adam an und sprach: Wo steckst du eigentlich?“

Es gehört elementar zu uns, dass wir in nicht zu langen Abständen angerufen werden. Wahrhaft lebendige Wesen werden und bleiben wir nur im Magnetfeld von Beziehungen.


Das Handy ermöglicht aber auch eine „geschĂĽtztere“ Form von Kommunikation – wie im Beichtstuhl. Man sieht das GegenĂĽber nicht. So haben Jugendliche oft mehr sprachlichen Austausch mit ihren Eltern via Handy als daheim im direkten Gespräch. Andererseits besteht eine viel grössere Gefahr, dass sich die Unwahrheit einschleicht, wenn die nonverbale Gestik wegfällt. Im  „Der kleine Prinz“ sagt Saint-Exupery: „Die Sprache ist die Quelle aller Missverständnisse.“ Heute tritt oft an die Stelle gelebter Existenz das Reden. Es zählt nicht mehr zuerst wie man ist, sondern, wie man sich vor allem sprachlich „verkauft“. Die Sprechblasen können so gut wie leer sein, aber sie mĂĽssen möglichst gross sein und bunt schillern. Jemand hat vom „sozialen Dauergeräusch“ gesprochen, das wir uns zunehmend schaffen, um uns darĂĽber hinwegzuschwindeln, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben und verdammt einsam sind.

Augustinus sagte: Wo das WORT wächst, verstummen die Wörter. Derzeit scheint es in die entgegengesetzte Richtung zu laufen: Wo das WORT abnimmt, nehmen die Wörter inflationär zu. Die Wörter tragen nicht mehr lange, sie müssen ständig wiederholt werden.

Wer sich in jener Wirklichkeit verwurzelt weiss, die wir Gott nennen, der muss in der Einsamkeit keine Angst haben. Von Benedikt, der eine Zeit in eine Höhle wohnte, heisst es: „unter den Augen des göttlichen Zuschauers wohnte er bei sich selbst.“ (Aus der Lebensbeschreibung durch Gregor den Grossen: in superni spectatoris oculis habitavit secum.) Das ist vielleicht die gelungenste Beschreibung dessen, was christliche Kontemplation heisst: Dass der Mensch ganz bei sich ist und zugleich ganz in der Beziehung zu Gott und dass sich beides gegenseitig bedingt und verstärkt.

Benedikt beherrschte also die Kunst: längere Zeit allein sein zu können. In der kommunikativen Zwangsgesellschaft, in der man nicht mehr nicht in Kommunikation sein darf, scheint diese Kunst zunehmend verloren zu gehen. Aber es ist eine Frage, ob wir Menschen auf die Dauer ohne sie leben können. Heute ist es schon so, dass ein schweigsameres Kind im Kindergarten auffällt und eher als gestört angesehen wird. Früher herrschte in der Stammeskultur ein Dauerpalaver. Die Mönche waren Pioniere des Schweigens. Und aus der Gebetszelle wurde die Gelehrtenstube. Es war ein Prozess der Emanzipation des Individuums, dem sich damit der Freiraum für persönliche Reflexion und Kreativität eröffnete. Ich habe fast den Eindruck, in unserer Gesellschaft mit ihrer Dauer-Zwangs-Ko¬mmu¬ni¬kation wird diese Emanzipation wieder rückgängig gemacht, werden die Menschen wieder infantilisiert. Wer kein Handy hat, ist im Abseits. Wer nicht telefoniert, ist nicht. Vielleicht wächst schon eine Generation heran, die es gewöhnt ist, bei der geringsten Unlustanwandlung angesichts kurzen Alleinseins zum Handy zu greifen und jemanden anzurufen. Damit würde die Fähigkeit, einmal längere Zeit allein zu sein, „bei sich zu wohnen“ und vielleicht jenseits der Schwelle der Unlust oder Angst – neue Dimensionen der Erfahrung zu erkunden, rapid schwinden. Es würden damit ganze Landschaften der Seele des Menschen versinken.

Das Handy steigert das ständige soziale Geräusch, das davor bewahrt, sich leiseren und inneren Stimmen stellen zu müssen. Statt bei „sich zu wohnen“ und sich dort antreffen zu lassen, kann man, wo immer man ist, dank Handy immer gerade anderswo sein. So ist man dann nirgendwo richtig und verliert die Beziehung zur Gegenwart und zum konkreten Gegenüber. Man organisiert da, wo man ist, immer gerade das, wo man sein möchte.

Heute gilt die „Zerstreuung“ geradezu als Ideal. Zerstreute, dauer-unterhaltene und sich unterhaltende, verwirrte Menschen sind leichter manipulierbar, für Mode und Konsum wie auch für Politik. Georges Bernanos meinte, dass alle unterschwelligen Krankheiten des Geistes davon herrührten, dass der Mensch Gott und seine Sehnsucht nach Gott verdränge. In die leergefegten Räume zögen dann die Dämonen des Stolzes, des Selbst-machen-Wollens und der Selbstverteidigung ein und machten es dem Menschen unmöglich, länger bei sich zu verweilen, weil ihn von innen her die Leere, das Nichts und der Hass auf sich selbst überfielen. Worin besteht der Ausweg? Das Handy einzuschalten, für Anrufe offen zu sein oder selbst jemanden anzurufen?

Wer sein Handy ständig eingeschaltet hat, signalisiert unweigerlich, dass er wahrscheinlich jenseits aller bewusst erwarteten Anrufe die Sehnsucht nach dem Anruf schlechthin kennt, dem Anruf, der definitiv glücklich macht. Was wäre der Inhalt. Ich stelle mir vor, es müsste in der Art von Jes 43,1-2 sein: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich bei deinem Namen angerufen, mein bist du. Wenn du durchs Wasser schreitest, bin ich bei dir, wenn durch Ströme, dann reissen sie dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt, keine Flamme wird dich verbrennen.“

4. Wie Spiritualität komplizierter geht, als man denkt

Kann man Gott einfach wie ein Flöz in der Tiefenschicht unserer Seele mit der richtigen Methode anbohren und erfahren? Schrumpft da nicht der transzendente und unverfügbare Gott zu einer wehrlos unseren Bohrungen ausgelieferten Tiefenschicht zusammen?


Mit diesen Vorstellungen werden auch gerne praktische Verhaltensweisen kombiniert, die in ihrer Einfachheit in Kindergärten hilfreich sein mögen. Zugespitzt lautet die Formel:

  • Sei lieb zu dir selber;
  • Sei lieb zu allen Menschen;
  • Sei lieb zu der ganzen Schöpfung.

Schon ein kleiner Blick wĂĽrde genĂĽgen um zu bemerken, dass schon der 2. Punkt nur Teilweise und der 3. ĂĽberhaupt nicht erfĂĽllt werden kann.

Ich habe den Eindruck, dass heute auf spirituellem Gebiet das Denken und die Reflexion zu sehr vernachlässigt werden. Als wahr gilt weithin, was möglichst unverzüglich gut tut und ein gewisses Wohlgefühl erzeugt. Mangelhaftes Denken führt aber ziemlich rasch zu einem mangelhaften Leben, unter dem alle leiden müssen.

Auch wird der kritische Dialog mit anderen Religionen einseitig aufgegeben. Und viele Theologen geben in ihren spirituellen Anleitungen jenes schlichte Einheitsweltbild wieder, das aber mit der christlichen Überlieferung und dem Erkenntnis-Ertrag des abendländischen Denkens nicht mehr viel zu tun hat. Wenn das Denken nicht stimmt, dann läuft man in der Praxis Illusionen nach; zum Beispiel Illusionen über das spirituelle Leben.


Das gängige Weltbild

  1. Die gesamte Wirklichkeit ist eins, miteinander verbunden und voneinander abhängig, weshalb im Tiefsten jede Sonderheit, vor allem das Ich des Menschen, Illusion und die Ursache aller Konflikte ist.
  2. Dieses Eine ist göttlich, und folglich ist jeder Mensch ein Teil des Göttlichen, dessen er sich bewusst werden kann/muss.
  3. Jeder hat das ganze Grundmuster der Welt in sich, wird von diesem her beeinflusst und kann ĂĽber dieses das Ganze beeinflussen.
  4. Alles ist in Bewegung und Veränderung, daher gibt es nicht die eine Wahrheit.
  5. Das GrundĂĽbel des Menschen ist sein rationales, die Wirklichkeit aufspaltendes Denken, dem die ganzheitliche Erfahrung vorzuziehen ist.
  6. Es gibt nicht Gut und Böse an sich, sondern diese Aufspaltung findet nur im Kopf des Menschen statt.
  7. Gesellschaftliche und persönliche Probleme sind nicht Folgen von Schuld und Versagen, sondern von noch mangelndem Bewusstsein.
  8. Der Beitrag jedes Menschen besteht im Erlangen seiner göttlichen Bewusstheit. Wenn immer mehr Menschen das erreichen, wird Frieden einziehen.
  9. FĂĽr das BemĂĽhen um dieses Ziel gibt es effiziente Techniken.

Auch wenn diese Gedanken meist aus dem östlichen  Raum stammen, unterscheiden sie sich dennoch vom hinduistischen oder buddhistischen Denken, das doch einiges komplizierter daherkommt.


Der Osten war früher – in der Antike – viel stärker mit dem Westen verbunden. Die orthodoxe Kirche – näher am Osten - bewahrte auch mehr Gemeinsamkeiten. Aber sie modifizierte ihren Ansatz an einem entscheidenden Punkt. Es folgt ein Zitat von Kallistos II (Kapitel über das Gebet, um 1400) ... Der dank radikaler Nüchternheit blosse Geist kann leicht in Finsternisse versinken, wenn sein völliger Abzug von der Aussenwelt nicht mit der beständigen Erinnerung an Jesus begleitet ist... Ein Zeitgenosse unterschied in seinen Ausführungen „Über das kontemplative Leben“ klar die Erfahrung des eigenen Einsseins von der Schau Gottes, die weit „darüber hinaus“ gehe.

Damit habe ich den Bogen gespannt zwischen dem, was vielen anscheinend als „spirituelle“ Erfahrung genügt: einigermassen zur Ruhe zu kommen, durchatmen zu können und sich angenehm zu entspannen – und dem, was diese Meister anzielen und erfahren: die Gottesschau.

Das Grundproblem heute ist, dass man, um die Ruhe zu erreichen, diese Texte dazu verwendet und sie uminterpretiert. Das fliessende Licht der Gottheit wird dann zur Ruhe im besonnten Swimmingpool. Damit geht der Sinn für das Geheimnis und die Unbegreiflichkeit Gottes verloren, der immer zunächst gewaltige „Furcht“ weckt, wo er sich bemerkbar macht.


Eine Beziehungs-Erfahrung

In der christlichen Spiritualität wurde konsequent eine Erfahrung ĂĽberliefert und kultiviert, die eindeutig alternativ und radikal  anders war als diejenige der bisherigen Kultur. Sie stammte aus ihrer jĂĽdischen Vergangenheit. Da war erlebt worden, dass die tiefste, wesentlichste Erfahrung des nach Sinn und ErfĂĽllung suchenden Menschen keine Gipfel- oder Tiefenerfahrung des Individuums sei, sondern eine Beziehungserfahrung: Der Mensch sei als ein ekstatisches Wesen angelegt. Das heisst: um ganz er selbst zu werden, mĂĽsse er „aus sich herausstehen“ und in einem dialogischen Verhältnis zum Unsagbaren, JHWH, leben. Zur Kontaktaufnahme mit der Wirklichkeit, die uns trägt, bedĂĽrfe es also der Aktivierung unserer spezifisch personalen Fähigkeiten, statt sie ruhen zu lassen.

Das führte zum Schluss, dass es eine totale Verschmelzung des Menschlichen und des Göttlichen gar nicht geben kann, denn mit dem Erlöschen der Begegnung würde auch das Leben erlöschen. Stattdessen gab es die Möglichkeit einer Liebes-Beziehung, in der die Zweiheit nie absolut aufgehoben wird. Sie stellt ein viel kostbareres Glück als die Verschmelzung dar.

Der Mensch ist eine Person, die ihr Personsein vom ganz anderen Ich her bezieht. Wenn wir dieses Paradox aufgeben, dann wird die Person entweder zur Illusion oder sie vergöttlicht sich selber (heutiges Paradigma). Setze „Gott“ und „Selbst“ gleich, und du hast es endgültig mit dir selbst zu tun.

Der Grundzug der christlichen Tradition war daher immer das Dialogische. Sie wollte also die Menschen ins Sprechen und Singen zu Gott hin einüben. Auch das „immerwährende Gebet“ entspricht dieser Grundeinstellung.

Gerade dieses Dialoghafte des Personalen kommt heute oft abhanden. Oftmals werden auch christliche Mystiker unvollständig zitiert. Gerade Meister Eckhart wird oft als Kronzeuge der Verschmelzungsmystik genannt. Er sagte aber: „Ich bin ich selbst nur als der Andere Gottes, Gott ist Gott nur als der ganz Andere meiner selbst.“

Einer der prominentesten Vertreter der neu-alten Vorstellung von mystischer Verschmelzung ist Willigis Jäger (z.B. im Buch „Die Welle ist das Meer“). Hier begründet er, dass zwischen Materie und Bewusstsein kein Unterschied bestehe. Dabei beruft er sich auf Max Plancks Vortrag von 1944 über „Das Wesen der Materie”, und übersieht vermutlich absichtlich, dass Planck von einem bewussten intelligenten Geist sprach, also von einer Personalität.

 

Meine komplizierten Empfehlungen
1. Stelle dich darauf ein, dass du in alle Ewigkeit nicht in vollkommenem Einssein versinkst und in völliger Ruhe gelassen wirst.

Von einem Zen-Sesshin, bei dem tagelang so gut wie immer geschwiegen wurde, gehen die Teilnehmenden regelmässig mit der wunderbaren Erfahrung der Einheit und der Gemeinschaft weg. Diese Harmonieerfahrung konnte so leicht erzielt werden, weil alle in einem stark reduzierten Rahmen miteinander interagierten. Liessen sich so aber auch Ehekrisen bewältigen? Nur, wenn wir wieder nur schweigen und damit logischerweise keinen Gegenstand mehr zum streiten haben.

Diese Reduktion lässt sich auch im eigenen Inneren durchführen. Man kann in intensiver Meditation sein Bewusstsein, seine Erinnerung und Empfindungen ausschalten. So nimmt man sich sozusagen bis zum Nullpunkt zurück. Wer dort angelangt ist, mag diese Erfahrung als absolute Einheit mit allem deuten. Doch muss man bedenken, dass das Einssein mit sich selber nicht auch schon das Einssein mit Allem bedeutet, vielleicht steht es diesem sogar im Wege. Man kann das „Zunichtewerden“ als Aufgehen des Tropfens im Meer deuten. Aber man kann es genauso gut deuten als Abschied der Null vom Ganzen und damit auch vom Göttlichen.

Natürlich spricht nichts dagegen, dass man sich zeitweise meditierend vom Ganzen verabschiedet, um sich von ihm zu erholen und dann wieder fit für es zu sein. Es ist aber allzu kühn, das als „Einswerden“ mit Gott zu deuten.


Diesem Einswerden stelle ich eine andere Form der Harmonie-Erfahrung entgegen: Die Erfahrung zweier Menschen, die sich innig lieben.

Aus der intensivsten, glücklichsten menschlichen Erfahrung leitete man die Vorstellung ab, als Urmodell der Wirklichkeit tauge am ehesten das Bild des „ineinander Tanzen“ von Liebenden (perichorese). Wenn überhaupt, dann könne man sich die Beziehung des Menschen zu Gott, am ehesten mit diesem Bild umschreiben.


Ein anderes Bild: Der Dialog. Schon die Schöpfung entstand durch ein Wort. Worte müssen ausgesprochen werden. Man muss sie immer wieder neu hören, denn man kann sie nicht festhalten. Einheit wäre von da her als Dialog zu verstehen, als Liebes-Gespräch.


Auch die Bilder des Tanzes und des Dialoges bleiben Deutungen, wie das Bild vom Meer und dem Tropfen.

Wichtig ist einfach, dass sie nicht vom gleichen sprechen. Die Liebe differenziert, das heisst sie löst den Menschen nicht als Tropfen im Meer auf, sondern je hingebungsvoller er liebt, desto origineller wird er selbst. Chesterton: Die Weltseele der Theosophen lädt den Menschen dazu ein, sie zu lieben, nur damit er sich in sie hineinstürzt. Aber das göttliche Zentrum des Christentums warf in Wirklichkeit den Menschen aus, damit er es liebe.“ „Ich möchte meinen Nächsten lieben, nicht weil er ich ist, sondern gerade deswegen, weil er nicht ich ist. ... Wenn zwei Seelen auseinander sind, ist Liebe möglich. Wenn sie verschmolzen sind, ist Liebe unmöglich (Orthodoxie: S. 249, und 243).“

Sicher kann man bei vielen Mystikern Texte finden, die von einem Verschmelzen mit Gott sprechen. Meist handelt es sich aber um eine poetische Überhöhung einer glücklichen Erfahrung und nicht um eine Aussage, die eine ontologische Tatsache beschreibt.


2. Tu dir den Stress anspruchsvoller, solider Beziehungen an und geniesse sie.

Es ist eine Ur-Erfahrung und gehört zur Konstitution des Menschen, nicht nur materiell, sondern auch psychisch auf Beziehungen zu seinesgleichen angewiesen zu sein.

Die lange spirituelle Erfahrung der jüdisch-christlichen Überlieferung ist, dass die Kategorie der „Beziehung“ auch am ehesten für das Verhältnis des Menschen zum Transzendenten, zu Gott tauge. In der Schöpfungsgeschichte haucht Gott den Lehmkloss Adam an, und so kommt sein Atem in Gang. Im Ps. 104 heisst es: „Wenn du uns nicht mehr beatmest, vergehen wir unverzüglich, kehren zurück zum Staub der Erde.“

Wenn der Mensch ganz wesentlich auf seine Beziehung angewiesen ist – für die physisch und symbolisch der Atem steht -, ist er allerdings extrem abhängig. Für stolze Geister ist das etwas Erniedrigendes. Verständlicherweise halten sie deshalb nach anderen Modellen für das eigene Selbstverständnis Ausschau. Das ist der entscheidende Punkt für den Vergleich der beiden Modelle. Weil aber Beziehungen komplex und oft stressig sind, genau wie die alltägliche Wirklichkeit, ist auch eine komplexe Spiritualität angesagt. Vermutlich ist das Modell „Beziehung“ aus der modernen Spiritualität ausgeblendet worden, weil Beziehung eben etwas Unsicheres ist, und diese Unsicherheit kein Ende hat. Zudem kratzt sie ständig die Autonomie des Individuums an, denn es braucht jemanden. Vie¬len heutigen Menschen ist das Angewiesensein auf andere lästig, ja peinlich. Jeder will möglichst autark sein. Die meisten beziehen ihr Grundgefühl der Sicherheit nicht mehr aus ihren Beziehungen zu Gott und den Mitmenschen, sondern aus ihrem finanziellen Polster, über das sie ganz alleine verfügen können. Daher wecken Finanzkrisen geradezu metaphysische Ängste.

Dem allem entspricht auf dem spirituellen Gebiet das Bedürfnis nach der Vollmacht über das eigene spirituelle Leben. Das spirituelle Ressentiment gegen die Vorstellung von einem Gott abhängig zu sein, deckt sich verblüffend mit dem gesellschaftlichen Ressentiment, von anderen Menschen abhängig zu sein.

Früher erfuhr man Sicherheit in der Solidargemeinschaft. Das Ergebnis waren weder im Sozialen noch im Religiösen „verängstigte, neurotische Kreaturen“ (Wilhelm Nyssen Romanik). Solche Kreaturen treten heute immer massiver auf. Die Kategorien des Dankens und Lobens, geschweige der Anbetung werden ihnen immer fremder; die des Forderns und Jammerns immer selbstverständlicher.


In der langen spirituellen Weisheit wurde das Angewiesensein nicht als Fluch sondern als Geschenk betrachtet. Die christliche Spiritualität und Mystik wurde daher immer als ein Beziehungs- und Sprachereignis angesehen und weniger als eine spezielle Erfahrung.

Das ist mir sympathischer als die neue-alte Einheits-Spiritualität mit ihrem Autarkie-Bedürfnis und ihren Verschmelzungs-Sehnsüchten. Ich kann meine Einmaligkeit annehmen und zugleich ganz loslassen, in einem ewigen Zweigespräch mit Allen und Allem, und nicht nur in einem Zwiegespräch, sondern in einem Engagement meiner ganzen Existenz, auch wenn ich das nur recht unvollkommen zustande bringe.

Über meine persönliche Sympathie hinaus möchte ich behaupten, dass die christliche Spiritualität für eine aktive Solidarität der Menschen mit ihresgleichen und der ganzen Schöpfung motivierender ist als die alt-neue Spiritualität. Ich halte es für die Tragik der christlichen Spiritualität, derart motivierend für diesen Einsatz gewesen zu sein, dass sie selbst darüber fast in Vergessenheit geriet. Das ist keine Schande, sondern ein Kompliment, weil sie nicht Selbstzweck war sondern in die Alltagspraxis schickte.


3. Dein Ich ist unendlich bedeutend, aber vom Bösen tödlich gefährdet. Kämpfe gegen das Böse und bete darum, von ihm erlöst zu werden. Glaube nicht, es lege sich von allein dadurch, dass du persönlich friedlich bleibst und andere auch dazu ermunterst.

Zu wem man eine Beziehung hat, dem bedeutet man etwas. Jemand, der überhaupt niemandem etwas bedeuten würde, wäre absolut unbedeutend. Und wenn wir Menschen alle miteinander nicht jemandem über uns hinaus etwas bedeuten würden, wären wir allesamt im Universum völlig unbedeutend. Wir könnten höchstens möglichst viel darin kaputtmachen, um uns wenigstens ein bisschen bedeutend vorzukommen.

In der jüdisch-christlichen Überlieferung erlebten die Menschen, dass sie dem Grössten, Gott, etwas bedeuteten, und so entdeckten sie die persönliche Beziehung zu ihm und erkannten, dass diese Beziehung fast alles ist, ja dass Gott Beziehung ist: Eine lebendige Wirklichkeit, die den Kosmos und uns Menschen am Leben hält und trägt, weil ihr das alles etwas bedeutet; ihr der Quelle des Lebens, die ungreifbar und nicht dingfest zu machen ist, aber zu der man in Beziehung treten kann.

Wer einen Menschen liebt, weiss, wie eine solche Beziehung ausnahmslos jedem Gegenstand Bedeutung schenken kann. Eine Haarspange von ihr, eine vom ihm beschriebene Postkarte ... werden kostbar. Diese Gegenstände bedeuten ihm etwas, sagen ihr etwas – aber nur dem Liebenden. Lägen diese Dinge irgendwo herum, so würden sie von allen anderen als wertloser Abfall angesehen.

Genauso geht es dem Menschen, der Gott liebt und sich von ihm geliebt weiss: Ausnahmslos jedes noch so unscheinbare Geschöpf, jeder Grashalm können ihn an ihn erinnern; in allem erkennt er die Fingerabdrücke des Geliebten, überall seine Fussspuren – obwohl sie an sich nichts Göttliches an sich haben.

Das ist der springende Punkt: an sich, für sich genommen, hat nichts etwas „Göttliches“ an sich, ist nichts von wirklicher Bedeutung. Über diese Qualität verfügt nichts von Natur aus, also substanziell, sondern diese Qualität bekommt es erst dank jener spezifisch personalen Qualität, die man „Beziehung“ oder „Liebe“ nennt.

Wo diese Beziehung, diese Liebe nicht da ist, da gibt es im ganzen Universum nichts an sich „Göttliches“, sondern eben Materie, in allen ihren Formen, bis in die unergründlichsten Bereiche des Subatomaren hinein, die manche gerne zum „Geist“ erklären möchten und dabei meiner Ansicht nach eine unsachliche Grenzüberschreitung begehen.

Wo die Beziehung, die Liebe ausfällt, muss man konsequenterweise zugeben, dass alles materieller Natur ist; dass alles nach strengen Naturgesetzen organisiert ist und abläuft; und dass alles in der Welt, einschliesslich unser Selbst und unser Ich, vergänglich ist. Aber offensichtlich genügt das uns Menschen nicht. Wenn die Beziehung, die Liebe fehlt, bleibt nichts anderes übrig, als in die Natur etwas hineinzugeheimnissen und zu behaupten, das stecke „objektiv“ in ihr. Da fängt man dann mit den Gottesbeweisen an, die nie überzeugen und die der Liebende überhaupt nicht braucht. Oder es werden neue Welttheorien erfunden, bei denen etwas „Göttliches“ ins System hineintheoretisiert wird.

Doch selbst wenn ich spüren sollte, dass ich etwas „Göttliches“ an mir habe oder dass ich als Welle mit dem göttlichen Meer verbunden und eins bin, käme mir das armselig vor. Ich würde ja dann immer noch niemandem über mich und uns Menschen hinaus wirklich ganz persönlich etwas bedeuten und bliebe bedeutungslos. Ich könnte mich bloss in mein Einssein mit allem hineinkuscheln wie ein armer einsamer Mensch in sein Bett, das er sich selber anwärmt.

Es ist schon eigenartig: Kaum hat sich das moderne Individuum endgültig von einer Gottes-Beziehung emanzipiert, die es als Zumutung und Erniedrigung empfand, da sucht es an allen Ecken und Enden wieder nach etwas „Geheimnisvollem“ und immer mehr rückt statt des Glaubens an Gott der Glaube an Engel, Strahlungen, Kraftfelder und was weiss ich alles ins Zentrum der Aufmerksamkeit und der neuen Religiosität. So wird schliesslich alles, was quantitativ unüberschaubar ist – seien es materielle, psychische oder virtuelle Phänomene -, zum „Geheimnis“ und „Transzendenten“ uminterpretiert. Schliesslich kommt wieder die alte Weltsicht zutage, dass der ganze Kosmos aus einer göttlichen Ursubstanz aufgebaut sei.

Wenn alles göttlich ist, dann gibt es natĂĽrlich weder Gut noch Böse. Alles hat Teil am göttlichen Leben. Und wenn jemand gerade leidet, sollte er erkennen, dass sein sog. eigenes Leben eine Illusion ist und das tatsächliche göttliche Leben, an dem er teilhat, auf jeden Fall weitergeht, unabhängig davon, wie es ihm persönlich geht und wie lange er lebt. Wer das einsehe, dessen Leben sei frei von Trauer und Leiden. So berichtet W. Jäger aus der Seelsorge: „Ich ermuntere ... Menschen, die mit ihren Zweifeln am Sinn des Lebens zu mir kommen: Gib dich hinein in diesen Prozess des Lebens, und vertraue darauf, dass es der Prozess Gottes ist.“ Das individuelle Leid wird dadurch zum persönlichen spirituellen Problem, das nur jeder fĂĽr sich selbst lösen kann, indem er es einfach mit anderen Augen zu sehen lernt. Könnte es nicht sein, dass diese Theorie zu einer recht elitären Spiritualität von Wohlstandsmenschen verfĂĽhrt, denen die Gnade der Geburt in erträglichen Verhältnissen zuteil wurde? NatĂĽrlich ist es eine wichtige Erfahrung, dass Leid, das als Faktum angenommen wird, nicht mehr so schmerzt, dass ein sinnloses Aufbegehren gegen bestimmte Fakten des Lebens nur Energien und Lebenskraft aufreibt. Aber grundsätzlich bin ich nicht zufrieden mit einer einfachen, souveränen Erklärung, ja Weg-Erklärung des Leids in der Welt als Kollateralphänomen der Wellenbewegung des göttlichen Meeres. Ich lebe lieber weiterhin als kritisch unterscheidendes Ich mit der offenen, brennenden Frage „Warum?“, die der fĂĽr mich grösste Mystiker, Jesus, zum Himmel geschrieen hat; bete täglich um Erlösung von dem Bösen, lebe mit dem schreienden Protest dagegen und mit meinen hilflosen  Versuchen, meinen Teil zur Linderung der Not anderer aktiv beizutragen – selbst wenn das etwas unerleuchtet aktivistisch aussehen sollte.

Nach alt-neuem Weltbild ist der Mensch also ein vorübergehendes Gekräusel in den Wellen des göttlichen Meeres und ausschliesslich den Gesetzen der Evolution ausgeliefert. Im christlichen Verständnis wissen wir aber, dass die Liebe das Evolutionsgesetz vom Fressen und Gefressenwerden durchbricht und nicht nur dem Fittesten, sondern auch dem Schwachen ein Lebensrecht einräumt. Wenn ich nur Tropfen im Meer bin, dann mag mich das Wissen, ich sei potenziell von göttlicher Natur, vielleicht etwas trösten. Zugleich aber verliere ich alle Individualität und meine konkrete Befindlichkeit verfällt der Belanglosigkeit.

In dieser Weltsicht wird der spirituell Reife entdecken, dass das, was wir „böse“ nennen, aus der göttlichen Wirklichkeit nicht herauszunehmen ist. Im christlichen Verständnis werden aber durch eine wachsende spirituelle Sensibilität nicht die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, sondern man wird von beiden radikaler getroffen. Mit jeder Vision des Glückes und jedem mystischen Erlebnis steigert sich auch die Einsicht in die Tiefe des Abgrundes des Bösen, das es gibt. Die Waagschalen des Empfindens werden auf beiden Seiten stärker belastet. Das bringt in das Leben eines spirituellen Menschen eine grosse, oft ungeheuere und zuweilen kaum zu ertragende Spannung. Aus der Waage wird regelrecht ein Kreuz. An diesem Kreuz auf Dauer die beiden Extreme zusammenzuhalten, übersteigt die Kraft des Menschen. Er ist dazu fähig, wenn er sich nicht anmasst, das selbst machen zu können, sondern wenn er über die Bescheidenheit verfügt, sich in die Beziehung zu dem hineinzugeben, der ihn in seinem Dasein trägt. Sein Leben wird damit nicht leichter. Er erfährt nicht die Verschmelzung der Gegensätze, sondern eher die Berufung, diese Spannung und Mühsal bewusst zu tragen. Dieses Ja führt zur Erfahrung, dass paradoxerweise in dieser Mühsal „Ruhe“ zu finden ist.

Sein eigenes Ich dank der Beziehung zu seinem Schöpfer als unendlich bedeutend zu erfahren – und das Böse todernst zu nehmen: Das scheint beides innerlich zusammenzuhängen. Es verleiht den Mut und die Energie, dem Bösen die Stirn zu bieten, und die Demut, um die Erlösung vom Bösen zu beten.


4. Gehe davon aus, dass du einen freien Willen hast. Dies hat unter anderem zur Folge, dass du deinen Teil Verantwortung für den Lauf der Welt übernehmen und zu deinen Leistungen im Guten wie im Schlechten stehen musst. Rechne mit der Sünde in der Welt. Sei dabei streng mit dir selbst und gnädig mit allen anderen, nicht umgekehrt: denn für dich kannst du sowieso mit Gnade rechnen.

Die Grunderfahrung der Menschen aller Zeiten könnte mit dem Gleichnis vom Adlerküken beschrieben werde, das unter den Hühnern aufwächst und irgendwann merkt, dass es nicht all seine Möglichkeiten ausschöpft. Alle Religionen haben diese Erfahrung irgendwie aufgegriffen. Irgendwie hat der Mensch die Unvollkommenheit und Gebrochenheit seiner Vorfahren, ja des ganzen Menschseins an sich gegerbt (in der christl. Theol. Steht hierfür der alte Begriff der Erbsünde).

Im Hinduismus und Buddhismus wird dieser defizitäre Zustand als „Blindheit“ und „Mangel an Einsicht“ beschrieben, also vorwiegend als erkenntnistheoretischer Mangel eines Wesens, das nicht weiss, dass es in Wirklichkeit von göttlicher Natur ist (Hinduismus) oder vergänglich und nichts (Buddhismus). Das Grundübel besteht also in der mangelnden Erkenntnis.

Im Christentum wird dieser defizitäre Zustand als moralischer Mangel gedeutet, als „Sünde“. Dass man im Christentum von Sünde spricht, liegt daran, dass das geschaffene Wesen durch das Wort des Schöpfers hervorgerufen wurde und berufen wurde, ihm Antwort zu geben und sich vor ihm zu verantworten. Sündigen kann ich daher nur, wo ich eine Beziehung gestört oder verdorben habe und mir derjenige, den ich verletzt habe, vergeben muss. Sie kann nur im Rahmen dieser Beziehung saniert werden, in der Form, dass man sich gegenseitig verzeiht.


Im strengen Hinduismus und Buddhismus tritt an die Stelle der Sünde, der Karma-Begriff. Vorteil: Ich bleibe autonom. Der Mechanismus der Selbstbestrafung, wie auch die Selbsterlösung gehören zum System. Man hat seine Zukunft vollkommen selber in der Hand.

Nachteil: Vom Leistungssoll wird nichts gekürzt, es gibt keine Gnade. Aus dem Gefängnis der Reinkarnation wird nur entlassen, wer alles bezahlt hat.


Vorteil der SĂĽndenvorstellung ist, dass einem der, gegen den man gesĂĽndigt hat, auf einen Schlag alles verzeihen kann. Es ist sogar eine Generalamnestie vorgesehen, die auf einen formlosen Antrag hin einfach erteilt wird. Karmisch malochen muss nur, wer stur bleibt und den Antrag nicht stellen will.

Nachteilig könnte sich die Vorstellung von der billigen Gnade auswirken.


Mann kann also sagen, wo Beziehung als Grundstruktur der Wirklichkeit wegfällt, da verschwinden die Kategorien „Sünde“ und „Gnade“.


Der Mensch ist derart frei, dass er zwischen Gut und Böse wählen kann. „Für mich als Christen ist das Dasein nicht eine Wissenschaft oder ein Plan, der auf eine bestimmte Weise enden muss, sondern eine Geschichte mit offenem Ausgang. Wie in einem spannenden Roman (diesem rein christlichen Produkt).“ Chesterton

Nach christlicher Vorstellung entwickelt sich das Gute nicht im Laufe einer vorprogrammierten Evolution ohne uns, sondern jeder Mensch ist als einmalige, freie Person dafür mitverantwortlich und kann sich grundsätzlich auch dagegen entscheiden und folglich sündigen.

Die lange traurige Geschichte der Warnung vor tausend „Sünden“ ist kein Argument dafür, die echte Sünde in Bausch und Bogen zu verkennen.

Mit dem Begriff der „Sünde“ schwindet auch die Vorstellung von „Schuld“. Kaum jemals hört man von jemandem, der hin steht und bekennt: „Ich bin schuld.“ Stattdessen bezeichnen sich alle als Opfer. Der schlechte Schüler ist Opfer des Lehrers, der Delinquent Opfer der maroden Gesellschaft usw.

Offensichtlich schwindet rapid die Bereitschaft, Sünden, die man gegen die anderen oder gegen die Gemeinschaft begangen hat, zuzugeben. Schlimmer noch: Es scheint die Fähigkeit zu schwinden, solche Sünden überhaupt noch als solche wahrzunehmen. Wenn sich in einer Gesellschaft niemand mehr verantwortet, wenn nie mehr öffentlich erlebt wird, dass Sünden (die bei uns Menschen nun einmal unvermeidlich vorkommen) als solche gestanden und damit auch gesühnt und vergeben werden können – dann ist das, wie wenn die Blutbahnen des Gemeinwesens nie gereinigt werden. Zwar nimmt das Tempo des Vergessens zu, aber dennoch lagern sich in den Psychen unmerklich, wie der Kalk in den Arterien, die Erinnerung daran ab. Sie strapazieren zunehmend den Kreislauf. Es breitet sich das lähmende Ressentiment aus, dass das Gemeinwesen unheilbar krank und verlogen und das Überlebensgesetz nun einmal das Lügen und Betrügen sei. Schliesslich lügt man sich und anderen ständig etwas vor: In allen Verhandlungen und Stellungnahmen schleicht sich etwas Verlogenes ein. Die Politik wird zur Kunst, stets andere Motive anzugeben als jene, die man eigentlich hegt. Am Ende kollabiert der Organismus und zerfällt in seine Einzelteile. Statt die Existenz der Sünde zu leugnen sollten wir mit ihr rechnen – zuallererst bei uns selbst -, damit sie sich nicht hinter unserem Rücken durchsetzt.


5. Vertraue auf deinen gesunden Menschenverstand und setze ihn kritisch und engagiert ein, wo immer du kannst, vor allem gegen die lähmende Gleich-Gültigkeit.

Erkenntnistheoretisch gab es schon vor 2400 Jahren zwei entgegengesetzte Positionen: Protagoras vertrat die Meinung, kein Mensch könne etwas Objektives von „da draussen“ wahrnehmen. Jeder mache sich ein ganz eigenes Bild der Wirklichkeit.

Parmenides vertrat die Ansicht, dass wir mit unserem Erkennen und Denken so eingestellt seien, dass sich der Gedankeninhalt unseres Kopfes und der äussere Sachverhalt decken.

Im Christentum und im Abendland schlug man den Weg des Erkenntnis-Optimismus von Parmeni¬des ein. Dieser Optimismus ermöglichte schliesslich das Entstehen unserer technischen Zivilisation. Zwar stösst sie an ihre Grenzen, aber kaum jemand möchte sie allen Ernstes missen.

Heute zeigt sich, dass viele Menschen zunehmend eine Gespaltenheit leben. Technisch leben wir den Optimismus von Parmenides, spirituell den Pessimismus von Protagoras. Dieser Pessimismus tritt in der Form eines westlich popularisierten Buddhismus auf, dessen Vertreter in genialischer Verachtung aller bisherigen erkenntnistheoretischen Diskussionen und Optionen verkünden, das Vernunftdenken habe keinen Bezug zur Realität und daher müsse es ein spiritueller Mensch ablegen: „Nur Bewusstsein ist wirklich; die Welt da draussen ist Dunst und Spiel.“ Dieser Vorstellung begegnet man auf Schritt und Tritt. Folglich sei alles ernsthafte Bemühen auf das eigene Bewusstsein zu richten, bestehe also in mentalem Training. Ein wichtiger Punkt dieses Trainings besteht darin das dualistische Denken zu überwinden. Denn der Mensch teile die Welt in Gut und Böse, in Hell und Dunkel ein und das sei die Ursache allen Übels und Leidens in der Welt.

Doch schon jede Amöbe verhält sich nach dualistischen Kategorien von Hell und Dunkel, Süss und Sauer, Warm und Kalt. Sie dürfte sie auf einem langen Weg der Evolution erworben haben, sie sind zweckmässig und entsprechen der Wirklichkeit. Ich kann also nicht sehen, dass die Fähigkeit und Neigung zum Einteilen in Kategorien eine spezifische Eigenschaft des menschlichen Ich, und zudem noch eine grundsätzlich fragwürdige sei. Wahr ist, dass diese Kategorien oftmals plump sind und der Verfeinerung bedürfen – aber nicht der Aufhebung.

Oftmals führen spirituelle Meister die Quantentheorie ins Feld, um ihre Ansichten zu stützen. Dort weiss man, dass der Beobachter immer auch das Objekt seiner Beobachtung mit beeinflusst. Doch die Unschärfe der Quanten spielt sich im Mikrobereich ab, den man für die allgemeine Praxis vernachlässigen kann.

Vermutlich zieht die pessimistische Erkenntnis-Philosophie in die Gemüter ein, nicht weil sie wahr ist, sondern weil den heutigen Bedürfnissen entspricht. Aktuellerweise sagt man doch heute: „Lass mich denken, was ich will, und kannst denken, was du willst.“ Wenn sich aber diese Philosophie durchsetzt, dann zerbröselt jeder moralische und gesellschaftliche Konsens vollends.

Ich bin deshalb der Überzeugung, dass die Spiritualität eines Eins-Seins und Verschmelzens im Nicht-Denken und Nicht-Handeln als Grundlage für die eine neue Welt, um die wir uns bemühen, nicht genügt.

5. Wie die Spiritualität weniger kompliziert geht, als gedacht

Meine Anregungen sind nicht für den Einstieg ins spirituelle Leben gedacht, sondern eher Hinweise, wie man sich darin am fruchtbarsten verhält.


1. Konzentriere dich nicht auf ein spirituelles Leben, sondern auf dein Leben. Entdecke dein spirituelles Leben darin.

Sobald du anfängst spirituelle Erfahrungen zu suchen und dich um sie zu bemühen, läufst du Gefahr, den Faden deines wirklichen Lebens zu verlieren. Vielleicht sind daher im Christentum keine ausgefeilten Meditationsmethoden entwickelt worden.


2. Versuche regelmässig, erinnernd den faden in deinem eigenen Leben zu finden.

Ein leben zu führen, bei dem man nur zusammenhanglos herumzappt, befriedigt nicht. Erst ein grösserer Zusammenhang hilft einen Sinn und Ziel zu erkennen. Erinnern heisst: Gewesenes sich innerlich bewusst aneignen, damit es bleibt und nachwirkt. Vielleicht hilft da ein Tagebuch, noch besser ist der Austausch mit anderen Menschen darüber. Was man ausspricht und teilt, wird wirklicher, wirkt länger nach.

Die entscheidenden Erfahrungen im Leben sind nicht die momentanen, sondern jene, die lange nachwirken.

Es liegt in der Natur des geheimnisvollen Gottes, dass er sich offenbart, indem er sich entzieht. Erst im Rückblick, in der Erinnerung, klärt sich, von welcher Qualität die Erfahrung war. Wer nie auf sein Leben zurückblickt, verpasst womöglich seine entscheidenden Erfahrungen. Oft sehen wir auch den Sinn von Brüchen etc. erst in der Rückschau.


3. Sei nicht so einfältig, dich um eine „Gotteserfahrung“ zu bemühen oder auch nur eine solche zu ersehenen.

Wenn du das suchst, dann hast du ein zu kleines Gottesbild, denn du wĂĽrdest es nicht aushalten.


4. Aktiviere deine Fähigkeit zur Liebe, und zwar zu der Art Liebe, die sich engagiert und verschenkt. Scheue dich nicht, wenn es sein muss, dich unbeliebt oder dir die Hände schmutzig zu machen.

Es geht nicht um eine Liebeserfahrung, sondern um jene Liebe, von der Jesus in Mt 25 berichtet. Ihr habt euch um Hungrige, Dürstende etc gekümmert, und das habt ihr mir getan. Die Angesprochenen sind erstaunt. Sie hatten in ihrer Liebespraxis weder eine Gottes- noch eine Liebes-Erfahrung gesucht und auch keine gefunden. Diese engagierte und sich verzehrende Liebe weitet unsere Kapazität für die Liebe Gottes.


5. Habe die Zuversicht, dass du besonders nahe an der Erfahrung Gottes bist, wenn du ĂĽberhaupt keine angenehmen Erfahrungen hast und du dir als schwacher, inkonsequenter Mensch vorkommst und darunter leidest.

Denn Jesus sagt, ein Reicher kommt nur schwer in den Himmel.


6. Richte dich darauf ein, oder richtiger: darauf aus, dass dir von dem, der dich unendlich übersteigt und dir zugleich innerlicher ist, als du selbst dir bist, etwas gesagt wird. Lebe deshalb in der Haltung des Hörens.

Dein Weltbild beeinflusst entscheidend, was du wahrnimmst. Wenn du von vornherein ein Weltbild hast, in dem ausgeschlossen wird, dass dir etwas gesagt werden könnte, hörst du auch nichts. Gott sendet nicht ständig, denn er ist kein Unterhaltungssender. Auch hat er uns schon fast alles gesagt. Er sendet keine unnötigen Worte, weil ihm Worte wichtig sind. Man muss sich auf seine Frequenz einstellen und lange Sendepausen in Kauf nehmen. Nun so kann man die Augenblicke mitbekommen, in denen ein Wort gesendet wird. Das wird heute aber erschwert, weil sich immer mehr Stör- und Piratensender im Äther tummeln. Zum Reden kann Gott so gut wie alle Medien benutzen. Wenn du das nicht glauben kannst, aber es glauben möchtest, dann verhalte dich einfach so als glaubtest du es, und horche.


7. Nimm dir die Bibel vor. Versuche aus ihr herauszuhören, was anderen vor dir bereits gesagt worden ist und analog auch für dich wichtig sein könnte. Versuche, zu hören, ob dir etwas gesagt wird.

Die Bibel ist das Protokoll von Lebenserfahrungen von Menschen, die an Gott geraten sind und das im Mass ihrer Möglichkeiten aufgezeichnet haben. Viele ihrer Sätze können uns heute noch wie eine direkte Anrede treffen, anderes kann uns abstossen. Das meiste ihrer einmalig inspirierten Power steht zwischen den Zeilen. Der Kern dieser Botschaft erschliesst sich einem nur, wenn man sich mit seiner ganzen Existenz in ein Gespräch und einen Erfahrungsaustausch mit dem Text einlässt.


8. Bete zu Gott, er möge dich in deinem Leben erleuchten, stärken und führen. Bete vor allem um die Erlösung der Welt von dem Bösen. Versuche, ständig mit Gott im Gespräch zu bleiben.

Viele machen die Erfahrung, dass sich das Gebet ständig vereinfacht. In der klassischen Tradition spricht man daher von den vier Stufen des Gebetes: Das mündliche Gebet (hier redet man, wie wenn man Telefoniert); das diskursive Gebet (= überlegte; Da wird es kürzer und konzentrierter); das affektive Gebet (hier wird ein tiefes Empfinden einfach vor Gott gebracht, vgl Röm 8,26); das kontemplative Gebet (hier hat man das Gefühl, alles Reden sei zu Ende. Man hält sich mit seinem ganzen Wesen einfach Gott hin wie eine leere Schüssel).

Wer viel betet, merkt mit der Zeit, dass es ihm immer schwerer fällt, und dass er sogar inneren Widerstand dagegen fühlt. Das obige Schema könnte da helfen, zu verstehen, was da vor sich geht. Man ist von einer sinnvollen Dynamik ergriffen. Alle diese Gebetsformen bedingen einander, auch wenn man vermutlich im Laufe des Lebens den obersten Stufen immer grösseren Vorrang gibt.

6. Der Gott des „ground zero“ und der Gott am Kreuz

Wenn wir an die Geschichte von Elija mit den Baalspriestern zurĂĽckdenken, dann erleben wir uns oft eher in der Rolle der Baalspriester, die beten und dann erleben mĂĽssen, wie nichts passiert. Warum ist Gott heute so abwesend?

800 Jahre nach dem Kampf auf dem Berge rief wieder ein Jude auf einem Berg zu Gott. Der Berg heisst Kalvaria. Der Beter war Jesus. Er schrie: „Mein Gott warum hast du mich verlassen.“ Aber Gott kam nicht.

Der Gott des Elija wäre uns wohl lieber als jener von Jesus. Der Gott Elijas würde auf unsere Gebete hin, Feuer vom Himmel fallen lassen und einen „ground zero“ produzieren, so dass die ganze Welt aufhorcht und fast gezwungen ist, ihm die Ehre zu geben.

Der Gott von Jesus ist das Gegenteil. Er enttäuscht sein Gläubigen regelmässig: Statt einen politischen Messias hat er Jesus als den Leidensknecht geschickt. Als die Christen dann die Wiederkunft Jesus erwarteten, liess er sie hängen.

Manche ahnen, er macht sich in der Welt eher leise wie ein Sauerteig bemerkbar.

Wenn Gott in Schicksalsschlägen scheinbar nicht da ist, obwohl wir gebetet haben, dann stellt sich eigentlich nicht die Frage nach Gott, sondern nach unserem Gottesbild. „Wie kannst du, Mensch, ein so kleines Bild von Gott haben, dass das nicht hineinpasst?“ Da ist oft das Gottesbild zu klein geblieben. Und dann trägt es im Erstfall nicht.

Oft scheint es sogar, dass Gott gerade jene, die ihn besonders lieben, eine besonders grosse Strapazierfähigkeit zutraut. Doch sie wurden daran nicht irre, sondern sahen das als besondere Berufung. (Paulus: er ergänze mit seinem Leben das, was an den Leiden Christi noch fehle.)

Das passt nicht in das Weltbild jener, die ein Gipfelerlebnis suchen, oder nach amerikanisierter Art ihren Glauben leben, dem zufolge Glaube und Gebet immer positiv funktionieren und die behaupten, wer ordentlich glaube und bete, der lebe gesünder, länger und friedlicher. Dieser Illusion eines Wohlfühl-Glaubens widerspricht eine ungemein lange Geschichte der Glaubenserfahrung. Sie wusste, dass wir beten sollen und auch erhört werden – aber sie wusste auch, dass diese Erhörung selten so erfolgt, wie wir sie uns ausmalen.


Der mit Jesus Gleichförmige wird transformiert: der kritische Punkt

Bernhard von Clairvaux prägte die Formel: conformari est transformari, „Wenn man mit Jesus konform wird, wird man transformiert,“ also umgewandelt, ein anderer.

Dass dir Gestalten der Bibel (besonders Jesus) mit ihren Geschichten und Schicksalen inspirierende Erfahrungs-Modelle vorgeben können, mit denen man sich in vieler Hinsicht identifizieren kann, das mögen noch viele so sehen. Jesus als grosse Persönlichkeit, als Lehrer ... Man kann sein eigenes kleines Stück Lebensfolie an der passenden Stelle auf die Folie des Lebens Jesu legen und daraus Einsicht, Hoffnung, Trost etc. erhalten. Es kann ein grosser Trost sein, zu wissen, dass man mit seinem Leid nicht der erste und nicht alleine auf dieser Erde ist. Das conformari geht also leicht. Es tröstet, dass man weiss, dass man mit allen Menschen im gleichen Boot sitzt. Aber aus dem Boot hinaus kommt man dadurch nicht. Man schaut im Grunde immer wieder in den Spiegel seiner selbst. Was ist also mit dem transformari?

Dieser Mensch Jesus ist aber austauschbar mit vielen anderen Menschen, die dazu noch eine spannendere Lebensgeschichte hatten und vielleicht noch viel mehr leiden mussten. Wenn wir nur noch an den Menschen Jesus glauben, können wir ihn ebenso gut durch eine andere spannendere Persönlichkeit austauschen. Ich bin aber überzeugt, dass Jesus, wenn er nur Mensch gewesen wäre, nicht über Jahrtausende derart attraktiv für derart viele Menschen gewesen wäre. Ich glaube er war so attraktiv, weil er der ganz andere war. Das transformari, die Umwandlung der ganzen Geschichte in etwas qualitativ Neues, kann Jesus nur bewirkt haben, wenn er ein qualitativ Anderer gewesen ist. Nämlich Gott.

Ohne diese Qualität würde uns sein Menschsein nicht viel helfen. Wir würden weiter unter uns bleiben. Erst wenn wir glauben können, Jesus transzendiere den Menschen, sind auch wir zu einer echten Transzendenz fähig und werden transformiert. Diese Transformation wird beschrieben anhand der sieben Trappisten, die im Frühjahr 1966 von algerischen Extremisten enthauptet worden waren. Der Prior betete täglich: „Herr entwaffne mich und entwaffne sie.“ In seinem Testamen lesen wir: „Falls ich sterben muss, wird endlich meine grösste Neugier gestillt. Ausserdem werde ich meine Brüder im Islam so sehen können, wie Gott sie sieht, als seine geliebten Söhne. Und ich hoffe, dich, meinen Mörder, meinen unbekannten Bruder, als erlösten Schächer im Paradies wiederzufinden, bei dem, der unser beider Vater ist. Amen.“ Und der Generalabt liess nach ihrem Auffinden verlauten: „Unser Zeugnis lässt sich nur im Licht des Zeugen Jesus Christus verstehen. Und so lautet das Zeugnis des „treuen Zeugen“: Gott ist Liebe. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dein Reich komme. Vergib uns unsere Sünden, wie auch wir denen vergeben, die gegen uns gesündigt haben.“

Das ist der Versuch mit Jesus konform zu werden und daher eine transformierte Wahrnehmung. Sie fällt anders aus als die Stellungnahmen zu entsprechenden Gräueltaten, die aus dem Weissen Haus oder aus Palästina zu vernehmen sind.

Diesen Mönchen ist der Sprung gelungen vom Gott des Elija - des ground zero - zum Gott Jesu, der seine Macht in der Ohnmacht offenbart, Ihre „Gipfelerfahrung“ machten sie nicht auf spirituellen Höhen, sondern im Abgrund, nicht mental im Kopf, sondern ohne Köpfe.

 Ich glaube darum, dass an Ostern Gott jemanden wirklich von den Toten auferweckt hat und dass dieser Auferweckte Gott war: Dass da also Gott Gott auferweckt hat. Mit weniger hätte sich nichts Wesentliches geändert. Wer sich mit der Ansicht begnĂĽgt, Jesus sei ein Mensch wie wir gewesen und seine Auferstehung sei wohl eher symbolisch als leibhaftig zu verstehen, versteht die christliche Glaubensgemeinschaft in der Konsequenz nicht viel anders als eine Organisation wie das Rote Kreuz oder Greenpeace.

In Jesus wurde Gott ganz mit uns Menschen konform, um auf diesem Weg unser Menschsein in sein Gottsein zu transformieren. Er holte uns nicht als Mächtiger aus unseren Abgründen heraus, sondern teilte sie mit uns; teilte sie nicht nur mit uns, sondern durchbrach sie definitiv. Das „Warum“, weshalb sogar Gott nur durch den Galgen hindurch den Galgen überwand, bleibt unerklärlich. Bernhard von Claivaux ahnte mit seinem Herzen, das „Warum“ sei die masslose Liebe Gottes zum Menschen gewesen, weshalb das Mass des Menschen, Gott zu lieben, die Masslosigkeit sei.

Meiner Überzeugung nach ist die Tragik des modernen Menschen, dass er die Dimensionen dieser Liebe nicht mehr ahnt und folglich Gott nicht mehr lieben kann oder will. Es bleiben ihm nur noch alle möglichen Formen der verhängnisvollen Liebe seiner selbst übrig.

Das ist der Angelpunkt der gesamten Spiritualität. In der Praxis führt sie nicht in tiefgründige theologische Spekulationen, nicht in transzendentale Selbsterfahrungen, eher in die Tat der Liebe, in der Krise aber ins Gebet.

Ich glaube fest: Nur die Kraft der Angst und Pein Gottes kann uns definitiv aus unseren Ängsten reissen, nicht die Kraft der Angst und Pein eines Menschen. Wenn sie uns aus unseren Ängsten reisst, und auch aus unserer tiefsten Angst: uns selbst zu verlieren, können wir rufen: „Lieber den Tod, als mich nicht schenken!“

Diesen Angelpunkt möchte ich niemandem aufschwätzen. Aber sagen möchte ich, dass der Sprung in den Glauben, Jesus sein Sohn Gottes, auf keinen Fall grösser ist als der Sprung in den Glauben, wir bestünden aus einer göttlichen Substanz. Die göttlichen subatomaren Teilchen sieht man genauso wenig wie den Auferstandenen. Mich motiviert aber der Auferstandene mehr, als das subatomare göttliche Teilchen tun können, in die ich wieder zerfallen soll.

Noch einmal zurück zum Bild des Senders: Wer von vornherein davon ausgeht, es gebe den Sender gar nicht, wird auch nie die Frequenz einstellen. Ich wünsche allen, die diese Frequenz nie mehr anwählen, dass sie beim Zappen irgendwann aus Versehen an den Sender geraten. Das ist übrigens schon vielen passiert. Sie wurden aus ihrer Enge und damit ihren Ängsten herausgerissen und konnten nicht mehr anders, als vor diesem Phänomen freiwillig kapitulieren.

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