Atheismuswahn gegen Gotteswahn

von Felix Ruther | 15.02.2008

In seinem Buch "Der Gotteswahn" stellt der Richard Dawkins Religion als etwas per se böses dar. Im Interview mit der ERF-Sendung ZOOM erklärt Felix Ruther die Hintergründe – und wie man von christlicher Seite auf die Herausforderung der "Neuen Atheisten" reagieren kann.

Kürzlich ist das Buch des atheistischen Naturwissenschaftlers Richard Dawkins "Der Gotteswahn" in deutscher Sprache erschienen. Warum melden sich die Atheisten gerade in diesen Tagen zurück?

Felix Ruther: Da spielen verschiedene Faktoren zusammen:

  1. In den letzten zehn Jahren ist die allgemeine Religiosität nicht ausgestorben, sondern hat zugenommen. Sie wurde wieder zum Gespräch. Das ruft auch eine Gegenreaktion hervor. Wenn Dawkins so aggressiv schreibt, kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass da jemand Angst um die Zukunft des Atheismus hat. Denn nur wer Angst hat, schreibt so fundamentalistisch wie Dawkins.
  2. Die Attentate der Islamisten sind vermutlich der noch wichtigere Faktor. Atheisten wie Dawkins sehen darin einen Beweis, dass Religionen mit ihrem Wahrheitsanspruch militant sind.
  3. Unter der Regierung Bush wurde der christliche Fundamentalismus gestärkt, also jene christliche Richtung, die sich antiwissenschaftlich gebärdet und die eine kurzzeitkreationistische und antievolutionistische Variante des Schöpfungsverständnisses vertritt. Zudem hat sich unter Christen die Theorie des ‚Intelligent Designs‘ etabliert, eine neue Theorie, in der Gott wieder in den Lücken des Noch-nicht-Erklärten angesiedelt wird. Es kann Biologen wie Dawkins nicht kalt lassen, wenn wissenschaftliche Fakten und allgemein anerkannte Theorien bis vor den Gerichten bekämpft werden.

Was sind seine hauptsächlichen Argumente gegen die Religion?

Der Gott, an den Dawkins nicht glaubt, ist ein kleinlicher Überwachungsfanatiker; ein blutrünstiger ethnischer Säuberer, ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, sadomasochistischer Tyrann (S. 45).
Den Glauben an einen solchen Gott muss man schon aus ethischen Gründen bekämpfen. Wenn man – so Dawkins – Kinder mit dem Glauben an einen solchen Gott erzieht, sei das schlicht Kindsmisshandlung.

Religion ist für Dawkins per se böse, sie ist wie ein Virus in unseren Köpfen. Dawkins führt dann auch das ganze Panoptikum irregeleiteter Religiosität an. Das traurige an dieser Aufzählung ist denn auch, dass sich viele, die sich Christen nennen, so anders als ihr Meister verhalten.

Zum einen ist Dawkins also gegen die Religion, weil er glaubt, dass die Welt ohne Religion besser wäre – eine Behauptung, die leicht aufgestellt, aber nicht überprüft werden kann. Zum anderen weil er – und das zum Teil zu Recht – in der in den USA verbreiteten fundamentalistischen Religiosität eine Gefahr für den wissenschaftlichen Fortschritt sieht.

Er unterscheidet aber nie klar zwischen Religion und dem Glauben an Gott – was nicht dasselbe ist. Seine Argumente gegen die Existenz Gottes sind aber nicht neu. Da wiederholt er nur Feuerbach und Freud in anderen Worten. Auffallend ist, dass er den gewichtigsten Atheisten nie erwähnt: Friedrich Nietzsche. Vermutlich ist ihm Nietzsche zu unbequem. Denn Nietzsche zeigt, dass auf den Tod Gottes der Nihilismus folgen wird.

Dawkins zählt die Sünden der Religionen auf. Warum kann Religion derart zum Bösen verleiten?

Weil der Mensch eben nicht so gut ist, wie es viele Humanisten glauben. Alles – auch der religiöse Glaube – kann vom bösen Menschen für Böses missbraucht werden. Meist werden aber ganz persönliche Interessen oder Interessen des Staates religiös überhöht. Untersuchungen haben klar gezeigt, dass im Kern des aggressiven Verhaltens meist nicht ein religiöser Kern steckt. Das übersieht Dawkins, vermutlich mit Absicht, weil es seine These der bösen Religion schwächen würde.

Eigenartigerweise nimmt Dawkins die Bibel so wörtlich wie fundamentalistische Bibelleser. Warum ist das so?

Von einem Wissenschaftler des Kalibers von Dawkins müsste man eigentlich erwarten, dass er sich mit mehr als nur dem amerikanischen Fundamentalismus bekannt macht, bevor er ein Buch über die Gottesfrage schreibt. Es könnte durchaus sein, dass er bewusst alle theologischen Ansätze negiert, die seine These von der bösen Religion schwächen könnten. Hier zeigt sich, dass es Dawkins gar nicht um eine faire Diskussion geht.

Die neuen Atheisten argumentieren in ihren Büchern scheinbar rein wissenschaftlich. Wie weit ist Dawkins in seinem Buch wirklich wissenschaftlich?

Über grosse Strecken ist sein Buch alles andere als wissenschaftlich. Ein wissenschaftlicher Autor müsste sich mit der Sache, über die er schreibt, schon irgendwie kundig machen. Bezüglich des Gottglaubens hat Dawkins dies aber sträflich unterlassen. Seine mangelnde Wissenschaftlichkeit tarnt sich denn in einer umso polemischeren Rhetorik. Der antikreationistische Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse meinte: «Mit 'Der Gotteswahn' ist es mir peinlich, Atheist zu sein.»

Dawkins hat seine Quellen oft nicht überprüft und einfach wiederholt, was andere Atheisten vor ihm schon geschrieben haben. Alister McGrath, der früher Atheist war und sowohl Molekularbiologie wie auch Theologie studiert hatte – ein Kollege Dawkins' in Oxford – hat kurz nach der Veröffentlichung von "Der Gotteswahn" ein Büchlein mit dem Titel "Der Atheismus-Wahn" geschrieben. Darin zeigt er, wie Dawkins die Regeln der Wissenschaft verraten hat. Ein Beispiel: Dawkins hat in seinem brillianten Buch "Das egoistische Gen" die These vertreten, dass die kulturelle Evolution auch so etwas wie einen Replikator besitze. In der biologischen Evolution ist der Replikator das Gen, in der kulturellen sei es ein "Mem". Dieses hypothetische Mem wurde aber nie gesichtet, und die überwiegende Mehrheit der Forscher lehnt diese Theorie ab. Vor allem, weil es kein überprüfbares Modell gibt, wie die Meme die Kultur beeinflussen könnten. Eine wissenschaftliche Diskussion müsste aber gerade auch die Einwände gegen eine Theorie beachten und auf sie eingehen. Das tut Dawkins mit keinem Wort. Er behauptet einfach ganz dogmatisch und merkt dabei nicht, dass er sich im Umgang mit seiner Theorie gleich verhält wie die von ihm karikierten Gläubigen.

Kann man sagen, dass in dieser Debatte Glaube gegen Glaube steht?

Ja sicher. Dawkins geht von einer grundlegenden, aber nicht bewiesenen Annahme aus, dass die Naturwissenschaft Gottes Existenz widerlegt habe. Das ist natürlich auch ein Glaube.

Stephen Jay Gould – ein Atheist, ehemals Professor in Harvard – meinte: «Entweder ist die Hälfte meiner Kollegen unglaublich dumm, oder aber der Darwinismus ist völlig vereinbar mit den üblichen religiösen Überzeugungen – und ebenso vereinbar mit dem Atheismus.» Diese Ansicht eines der führenden Evolutionsbiologen Amerikas empörte Dawkins so sehr, dass er sie kurz mit dem Satz kommentiert: «Ich glaube einfach nicht, dass Gould wirklich etwas von dem meinte, was er geschrieben hat.» Was Gould aber schrieb, ist weitgehend die Meinung der Wissenschaftsphilosophen. Nämlich, dass man vorgegebene Fakten immer ausgehend von einer weltanschaulichen Position interpretiere. Diese weltanschauliche Position kann nun

  1. atheistisch sein, oder
  2. theistisch (also ausgehend vom Glauben an einen Gott, der mit der Welt in Kontakt steht) oder
  3. pantheistisch (wie im Hinduismus oder Buddhismus).

Diese weltanschaulichen Positionen kann man aber nicht mehr beweisen. Es sind letztlich Glaubensysteme. Nur aus einer übergeordneten Position könnte man diese Glaubenssysteme bewerten. Diese Gottesposition können wir Menschen aber nicht einnehmen. Wir sind immer auch ein Teil des Ganzen und stehen eben nicht auf einem neutralen Beobachtungsposten.

Eine andere Frage von Dawkins: «Woher kam Gott? Wer hat Gott erschaffen?» Was antworten Sie darauf?

In jedem Glaubenssystem steht am Anfang etwas, das einfach da ist, das nicht mehr hinterfragbar ist, das also aus sich selber existiert. Im Materialismus ist es die Materie und die darin verborgenen Gesetzmässigkeiten – die hat in diesem System Gottesstatus. Im theistischen Glauben ist es Gott. Ich würde also sagen: Die Frage «Woher kommt Gott?» ist einfach eine falsche Frage, denn sie beachtet nicht die weltanschaulichen Voraussetzungen, die jeder macht. Denn in jeder Weltanschauung gibt es einen Punkt, an dem man nicht mehr weiter zurückfragen kann. Der unendliche Regress – das endlose Zurückfragen – ist in keiner Weltanschauung eine befriedigende Methode der Wahrheitssuche.

Zuerst erschienen in BST 1/2008 

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