Apologetik – Die Kunst des Antwortens

Apologetik – Die Kunst des Antwortens

von Felix Ruther | 15.02.2009

Die Grundsituation der Apologetik ist das Gefragt-Werden und das Infrage-gestellt-Werden. Die Anfragen an den Glauben können von oberflächlicher Neugierde oder Kritik motiviert sein, aber auch von Feindschaft. Die an Christus Glaubenden sind zur Antwort herausgefordert. Paul Tillich nennt die Apologetik daher «die Kunst des Antwortens».

Wie soll ich antworten, wenn ich zu meinem Glauben gefragt werde? Gerade im Umfeld des Studiums kann es helfen, nicht nur persönliche Erlebnisse zu erzählen, sondern auch logische Gründe ins Gespräch einfliessen zu lassen.

Apologetik – wenn wir gefragt werden

Die Apologetik beruft sich gemeinhin auf 1. Petrus 3,15: «Haltet vielmehr den Herrn Christus heilig in euren Herzen und seid allzeit bereit zur Verantwortung (apologia) jedem gegenüber, der von euch Rechenschaft (logos) fordert über die Hoffnung, die in euch lebt. Tut das mit Sanftmut und Ehrfurcht.»

Ausgangspunkt der Apologetik ist der eigene Glaube. Apologetik setzt hier ein und versucht, die eigene Innensicht vom Glauben der Aussenwahrnehmung so verständlich wie möglich zu erklären. Der Kontext ist jedoch nicht primär jener der Mission, sondern unsere Umgebung, die uns zum Nachdenken über unseren Glauben zwingt, damit wir rechenschaftsfähig werden. Diese Fähigkeit gewinne ich aber nur, wenn ich weiss, was ich glaube und weshalb ich es glaube. Meine apologetische Kompetenz nimmt zu, wenn ich mir immer wieder die Frage stelle: «Was glauben die Anderen?»

Die Grundaufgabe der Apologetik ist also die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Wahrheitsansprüchen. Ich muss bereit sein, öffentlich auszusprechen, was meinen christlichen Glauben begründet und was seine Inhalte sind.

Persönliches Zeugnis und logische Gründe

Im öffentlichen Diskurs sollte das Persönlich-Zeugnishafte eine eher untergeordnete Rolle spielen. Denn wenn ich nur von mir selber erzähle, ist das zwar nicht widerlegbar. Es ist aber auch nicht überzeugend. Der deutsche Apologet Jürgen Spiess bringt dazu ein Beispiel: «Nehmen wir an, ich würde sagen: ‹Seit ich Christ bin, bin ich jeden Morgen ein fröhlicher Mensch.› Das ist unwiderlegbar, ausser von Menschen, die mich jeden Morgen anders erleben. Aber für alle anderen ist das eine nicht widerlegbare Aussage. Sie hilft aber niemandem. Denn wenn jetzt einer sagt: ‹Seit ich morgens zwei Spiegeleier esse, bin ich jeden Morgen ein fröhlicher Mensch›, ist das genauso wenig widerlegbar.»
Gute Apologetik muss buchstäblich geistesgegenwärtig, also offen für die aktuelle Einflüsterung des Heiligen Geistes sein. Das kann bedeuten, dass mitten in einem logischen Diskurs ganz persönliche Worte angebracht sind.

In diesem Zusammenhang ist es aber wichtig, die Grenzen der Apologetik anzuerkennen: Sie kann niemanden in den Glauben hinein argumentieren. Glaube ist immer die Reaktion auf eine Gottesbegegnung. Apologetik vermag im besten Fall intellektuelle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, welche eine Gottesbegegnung behindern. Sie kann also jenen einen Samariterdienst leisten, die unter intellektuelle Räuber gefallen sind. Auch soll nie ein «Gottesbeweis» konstruiert werden, denn Gott ist immer nur denkmöglich, aber nie denknotwendig.

Angriffe auf den Glauben

Zwar werden immer noch die gleichen alten Vorwürfe gegen den Glauben vorgebracht, es gibt jedoch auch eine Radikalisierung. In neueren atheistischen Publikationen wird der Gott der Bibel als blutrünstiges Ungeheuer dargestellt, der Gottglaube als pure Unvernunft verunglimpft und religiöse Kindererziehung gar als Kindsmisshandlung verurteilt.

Eines der «klassischen» Argumente gegen den Glauben lautet, Gott sei nur eine Projektion des Menschen. Auch heute erhalten wir auf die Frage, was denn gegen den Glauben spreche, die Antwort: «Ist das nicht alles Einbildung?» Dahinter verbirgt sich der Freud’sche Gedanke, Gott sei eine menschliche Projektion. Schon Xenophanes (580 – 470 v.Chr.) bemerkte: «Jeder bildet sich die Götter nach dem Bilde seiner eigenen Gestalt.» Schwarze Menschen glaubten an schwarze Götter, Blauäugige an blauäugige Götter. Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) meinte: «Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.» Für Sigmund Freud sind religiöse Vorstellungen «sämtlich Illusionen». Wie erklären wir also den Unterschied zwischen der Unsichtbarkeit Gottes und unserer Einbildung?

Unzureichende Projektionstheorie

Wir müssen einräumen, dass die Projektionstheorie auch einen Wahrheitskern besitzt. Viele Vorstellungen über Gott sind phantasievolle Projektionen, ein Konstrukt menschlicher Imagination. Sie sind ein Versuch, sich von einer Realität jenseits aller Bilder ein Bild zu machen. Zu fragen ist dabei, ob ein Konstrukt ohne jede Grundlage in der Realität sein muss. Es kann auch ein Versuch sein, sich eine objektive Realität bildhaft vorzustellen.

Freud geht davon aus, dass der Mensch ein unterdrücktes Wunschdenken besitze, die Existenz Gottes bestätigt zu bekommen. Uns begegnen aber immer auch Menschen, die Gott leugnen. Freuds Konzept wird damit zum Bumerang. Ist etwa die Hypothese, dass Gott nur eine Projektion sei, auch nur eine Projektion? Also die Projektion derjenigen, die keinen Gott haben möchten? Die Projektionshypothese widerlegt also den Gottesglauben nicht.


Wir können ohnehin in den wenigsten Fällen von einem unterdrĂĽckten oder einem unterbewussten BedĂĽrfnis her argumentieren. Der Gedanke von Feuerbach lautet: Gott ist der nach aussen projizierte Wunsch des Menschen. Es stimmt zwar, dass etwas nicht deshalb existiert, weil man es sich wĂĽnscht. Umgekehrt gilt aber auch, dass etwas nicht deshalb inexistent sein muss, nur weil man es sich wĂĽnscht. Man kann daher von keinem psychologischen BedĂĽrfnis sagen, dass es an sich die Existenz Gottes verneint. Das Motiv, das hinter unserem Glauben oder Unglauben steht, kann nicht als Argument fĂĽr oder gegen die Existenz Gottes benutzt werden.  

 

Zuerst erschienen in BST 1/2009

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