Ago BĂĽrki-Fillenz gestorben

Ago BĂĽrki-Fillenz gestorben

von Fritz Imhof | 21.05.2013

"Das Beste kommt erst durch die Krise" - so der Titel eines Portraits von Fritz Imhof aus dem Jahre 2011. Ago war die Ehefrau des VBG-Gründers Hans Bürki und prägte die VBG über Jahrzehnte entscheidend mit. Ende April ist sie im 93. Lebensjahr verstorben.

Das Leben hat Ago Bürki in die halbe Welt verschlagen: in jungen Jahren von Ungarn in die Schweiz, später rund um den Globus. Sie stand als Mitarbeiterin an der Seite ihres Mannes und VBG-Mitbegründers Hans Bürki. Sie war aber auch oft auf sich allein gestellt in Erziehung und Familienarbeit.


"Ein ganzer Mensch ist nicht ein unversehrter, sondern ein geheilter Mensch." Dieses Credo hat Ago Bürki-Fillenz ihrem Buch "Ich bin nicht mehr die Frau, die du geheiratet hast" vorangestellt; einem Buch über Frauen, die um die Lebensmitte neue Stärken und Bedürfnisse in sich entdecken. Das Buch hat Ago Bürki und ihre Arbeit als Paartherapeutin schlagartig schweizweit bekannt gemacht.

"Als ich zwanzig war", erzählt Ago Bürki, "dachte ich, mit fünfundzwanzig würde ich eine 'fertige Erwachsene' sein, doch dem war bei weitem nicht so. Ich verschob meine Hoffnungen laufend aufwärts, aber auch mit fünfzig fühlte ich mich noch nicht 'fertig'. Als ich sechzig war, dämmerte mir: Man ist immer unterwegs."

Rein äusserlich begann die Lebensreise von Ago Bürki in Ungarn und in einer behüteten Kindheit: "Ich hatte sehr, sehr gute Eltern; sie lehrten mich, Bücher zu lesen und liessen mich mit Musik aufwachsen." Doch dann – Ago Fillenz war zwanzig – erreichte der Zweite Weltkrieg Ungarn, eine traumatische Zeit, über die sie nicht sprechen möchte. "Ich habe den Krieg sehr knapp, aber doch überlebt, ebenso meine Mutter, der Rest der Familie ist umgekommen." Damals, als sie "einfach nicht wusste, wie ich weiterleben sollte", lernte Ago einen älteren Mann kennen, der sie wie ein Vater begleitete. Unter seinem Einfluss bekannte sich die junge Frau zu Christus – ohne viel über das Christentum zu wissen. Rückblickend bezeichnet sie ihren Glauben in jener Anfangsphase als "einfältig auf eine schöne Weise". Die folgenden beiden Jahre, während derer sie in Budapest Medizin studierte, haben sich als eine Zeit der religiösen Erweckung in ihr Gedächtnis eingeprägt.

Schwieriger Start als Immigrantin

Doch das Studium gestaltete sich schwierig. Wegen des Krieges gab es lange Wartelisten, viele medizinische Apparate waren entwendet worden. "Ich möchte, dass du gut lernst", meinte Ago Fillenz' Mutter. Auf ihren Rat hin schrieb sie sich 1947 an der Universität Basel ein.

Die erste Zeit in der Schweiz war hart und einsam. Die Schweizer Studierenden setzten sich nicht zu ihren ausländischen Kommilitonen, und wenn die junge Ungarin bei Kirchen nach christlichen Jugendgruppen fragte, erhielt sie ausweichende Antworten.

Doch eines Tages – "ich weiss nicht mehr genau, wie, wahrscheinlich gab es einen Aushang an der Uni" – erfuhr sie von einem internationalen Bibelgruppentreffen. Sie ging hin – und fand nicht nur endlich Anschluss, sondern in der Person Hans Bürkis, des aktiven jungen Mitbegründers der VBG, gleich auch ihren zukünftigen Mann. 1949, beide studierten noch, feierten sie Hochzeit; bald wurden die ersten beiden Kinder geboren. Daneben schloss Ago Bürki ihr Medizinstudium ab. "Es war zwar streng, aber mein Mann meinte: 'Du wirst nicht glücklich werden, wenn du das Studium abbrichst', und er hatte Recht."

Lehrjahre in Moscia

Nach dem Erwerb der Casa Moscia durch die VBG leitete das Ehepaar während sieben Jahren das christliche Kurs- und Ferienzentrum in Ascona. Über den Anfang schreibt die Zeitschrift Bausteine 2/07: "Mitte September 1956 kamen Hans und Ago Bürki nach einer ausgiebigen Besichtigung des Hauses zum Schluss, 'dass es Gottes Wille für uns ist, nach Moscia zu gehen'."

Die Zeit in Moscia war intensiv, eine echte Pionierarbeit in einem Haus, das beim Aufbau als evangelistisch ausgerichtetes Ferienzentrum für junge Studierende den vollen körperlichen, psychischen und geistigen Einsatz erforderte. Schon die Finanzierung des Hauses mit 150 Betten, das die VBG Lisel Moser, einer Pionierin der evangelischen Jugendarbeit, abgekauft hatte, war eine Herausforderung. Der junge VBG-Bruderrat um das Ehepaar Bürki vertraute auf Gott, und das Geld kam allmählich zusammen. Ago Bürki lernte Italienisch, machte den Wirtekurs, betreute die Kinder und leitete den Betrieb des Hauses, während Hans oft auf Reisen war. Dazu fand sie noch die Zeit, sich an der Gründung der Bibelgruppen für Krankenschwestern zu beteiligen.

1964 kehrte die Familie wegen der Schulbildung der (inzwischen vier) Kinder in die Deutschschweiz zurück. Bis 1970 blieb Hans Bürki Generalsekretär der VBG und baute seine internationale Tätigkeit bis nach Indien und Japan aus. Ago konzentrierte sich auf ihre Arbeit als Hausfrau und Mutter, war aber auf privater Basis auch als Lebensberaterin tätig. Als dann der jüngste Sohn fünfzehn wurde und sie selbst um die fünfzig, ergänzte sie ihre Beratungserfahrung mit einer Ausbildung als Paar- und Familientherapeutin.

Gemeinsam reisten Ago und Hans Bürki in überseeische Länder, und während er für die VBG Vorträge hielt und Seminare leitete, führte sie Paarseminare durch. Sie erinnert sich: "Es war äusserst spannend, Menschen all der verschiedenen Kulturen kennen zu lernen. Zu Ehepaaren in Japan, Hongkong und Südamerika verbinden mich noch heute tiefe Freundschaften."

Therapiemodell Amaryllis

In der Paar-Therapie hat sich Ago Bürki ihr eigenes Konzept erarbeitet. Sie verwies jeweils auf eine getrocknete Amaryllis-Blüte an der Wand ihres Büros, deren Stiel zweimal gebrochen ist. "Als die Pflanze noch vor dem Blühen herunter fiel und der Stil brach, wollte ich sie zuerst wegwerfen", erklärte Ago Bürki jeweils den Paaren. "Doch dann entschied ich mich, sie in einen Blumentopf einzupflanzen. Und siehe da: Trotz den beiden Brüchen gelangte die Knospe zur vollen Blüte."

Daraus leitete Ago Bürki ihr therapeutisches Credo ab: "Man kann die Brüche im Leben nicht ungeschehen machen; trotzdem kann das Leben zur Blüte reifen." Bei therapeutischen Sitzungen sprach sie mit den Ratsuchenden über die Brüche in ihrem Leben, die schmerzvollen Ereignisse und Verletzungen, die sie noch plagten. Dann riet sie ihnen, die Brüche zu akzeptieren, ja sich mit ihnen zu versöhnen.

"Sobald man herausgefunden hat, wie der Bruch geschehen ist, kann man damit arbeiten", lautet ein weiterer Grundsatz von Ago Bürki. Sie kennt solche Brüche aus ihrem eigenen Leben: Zum Beispiel den Bruch mit der VBG, der erst im Alter wieder heilte. "Wenn ich mich mit dem Bruch versöhne, kann ich trotzdem zur Blüte kommen", ist ihre Erfahrung. Sie habe bislang keinen einzigen Menschen kennen gelernt, der in seiner Geschichte keine Brüche hat. "Ich kenne aber auch noch sehr wenige Menschen, die sich damit versöhnt haben", ergänzte sie nachdenklich. Denn die meisten zögen es vor, ein Leben lang damit zu hadern.

Für Christen sei es wichtig, nicht nur zu erleben, dass sich Gott mit ihnen versöhnt. "Sie müssen sich auch mit Gott – und mit ihrer Geschichte – versöhnen.“ Das klang wie ein geistiges Testament von Ago Bürki. Und sie erläuterte: "Das ist nicht leicht, denn oft geht es um schwere Verletzungen und tiefe Wunden, die man nicht alleine heilen kann. Hier braucht es Versöhnung." Viele Menschen hofften bis zur Lebensmitte, dass es schon noch besser werde, doch irgendwann kämen sie an den Punkt, wo sie merkten: Nein, es kommt nicht besser, ich muss mich damit versöhnen."

Einschränkungen – und eine Neuentdeckung

"Die Arbeit hält mich lebendig", sagte sie noch als 80-Jährige (2004). Zwar fĂĽhrte sie keine  Paartherapien mehr durch, doch sie stand anderen Therapeuten als Supervisorin bei. Auch wenn sie sich immer noch als Mensch "auf dem Weg" versteht, findet Ago BĂĽrki, das LebensgefĂĽhl habe im Alter eine andere Qualität.

"Einerseits natürlich, weil man eingeschränkt ist. Beim Spazieren beispielsweise muss ich mich an die flachen Strecken halten. Auch ist es einem mit achtzig bewusst – nicht nur im Kopf –, dass der Mensch sterblich ist; man weiss, dass die Zukunft kurz ist." Andererseits gebe es auch sehr viel Beglückendes: "Das Wertegefüge verschiebt sich. Als junger Mensch wollte ich eine Sache, die ich anpackte, stets ganz gut können. Heute muss mir nicht mehr alles gelingen, ich bin mit sehr viel weniger zufrieden, denn ich habe das Gefühl: Ich habe schon so viel gelebt. Wir sind ja auch so viel gereist, sind so vielen Menschen begegnet, haben so viel Schönes gesehen und Freud und Leid miterlebt, dass ich jetzt keinen Bedarf mehr danach habe – ich bin gesättigt."

Und sie verriet dem Besucher noch eine spezielle Erfahrung: "Ich habe anstelle vorgegebener Gebete das Gespräch mit Gott entdeckt. Das ist wohl das Schönste, was ich im Alter gefunden habe."

 

Dieses Porträt entstand auf der Basis eines Beitrags von Barbara Bächli in "Leben & Glauben" im Oktober 2004.

 

 

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